Evakuierung der Krim 1944: Verwundete Soldaten werden mit der Fähre zu einem deutschen Schiff gebracht. (© Bundesarchiv)
Eine verlorene Armee, eine vergessene Flotte
#volksbundhistory erinnert an Seekriegsgräber im Schwarzen Meer: Sewastopol und das „Unternehmen Adler“
Im Herbst 1941 besetzte die Wehrmacht die Krim. Hitler wollte hier Siedlungsgebiet schaffen. Im April und Mai 1944 eroberte die Rote Armee die Halbinsel zurück. Um die eingeschlossenen deutschen und rumänischen Truppen zu retten, begann die größte Evakuierungsoperation im Schwarzen Meer. Tausende kamen dabei ums Leben und ruhen bis heute in Seekriegsgräbern, die dringend besser geschützt werden müssen.
Bereits im Herbst 1943 zeichnete sich das Ende der deutschen Krim-Besetzung ab. Während sich die Wehrmacht an der gesamten Ostfront zurückzog, blieb die 17. Armee auf der Halbinsel zurück. Spätestens ab dem 5. November 1943 war sie faktisch isoliert. Rund 220.000 deutsche und rumänische Soldaten saßen fest – abgeschnitten vom Festland und zunehmend auf sich allein gestellt.
Unter dem Hashtag #volksbundhistory berichten wir von historischen Ereignissen und liefern Hintergrundinformationen.
Unser Autor heute: Dr. Christian Lübcke, Militärhistoriker und Geschäftsführer des Landesverbandes Hamburg. Er ist Beauftragter für Seekriegsgräberangelegenheiten.
In der Falle
Die Versorgung über See und Luft war angesichts sowjetischer Luftüberlegenheit kaum dauerhaft zu sichern. Transporte waren von permanentem Risiko überschattet, Treibstoff und Munition wurden knapp. Seit Dezember 1943 hielten sowjetische Truppen zudem einen Brückenkopf im Osten der Halbinsel. Die militärische Lage war nicht nur angespannt, sondern strategisch aussichtslos: Die 17. Armee war zu einer statischen Verteidigung gezwungen – ohne realistische Aussicht auf Befreiung.
Am 8. April 1944 begann die sowjetische Großoffensive. Mit klarer zahlenmäßiger und materieller Überlegenheit durchbrachen sowjetische Verbände binnen weniger Tage die deutschen Linien. Panzer- und Infanterieverbände stießen rasch nach Süden vor, während amphibische Landungen zusätzlichen Druck erzeugten.
Hitlers spätes Einlenken
Erst am 12. April genehmigte Hitler das „Unternehmen Adler“ – die schrittweise Räumung der Krim. Wochen wertvoller Vorbereitungszeit waren verloren. Parallel startete die rumänische Marine die „Operation 60.000“, um etwa 62.000 eigene Soldaten zu retten. Beide Vorhaben gingen faktisch ineinander über und machten das Schwarze Meer kurzfristig zu einem zentralen Kriegsschauplatz.
Da Odessa bereits gefallen war, wurde die rumänische Stadt Constanța zum wichtigsten Anlaufhafen. Die Distanz von Sewastopol beträgt rund 220 Seemeilen – unter idealen Bedingungen eine Tagesfahrt. Doch ideale Bedingungen gab es längst nicht mehr.
„Spießrutenlauf” übers Meer
Die sowjetische Seite hatte die Evakuierung erwartet. U-Boote operierten entlang der Konvoirouten, Minensperren erschwerten die Navigation und starke Luftverbände standen bereit, um auf jede sichtbare Schiffsbewegung zu reagieren. Hinzu kamen schlechte Wetterbedingungen, unzureichende Funkverbindungen und die permanente Gefahr von Navigationsfehlern in verminten Gewässern.
Dennoch gelang es in einer ersten Phase, mehr als 73.000 Menschen zu retten: deutsche und rumänische Soldaten, Hilfswillige, Kriegsgefangene und Zivilisten. Die organisatorische Leistung war beachtlich – Frachter, Minensucher, Patrouillenboote, Schleppkähne und selbst notdürftig umgerüstete Wasserfahrzeuge wurden eingesetzt. Der Preis: über 1.000 Tote allein in dieser Phase, versenkte Schiffe und zahlreiche schwer getroffene Einheiten.
Kampf um Sewastopol
Im Mai 1944 verschärfte sich die Lage dramatisch. Die Verteidiger waren zunehmend zusammengedrängt, sowjetische Artillerie erreichte nahezu jeden Küstenabschnitt. Jeder Hafen, jede Bucht stand unter Beobachtung. Anläufe waren praktisch nur noch nachts möglich, häufig ohne Licht, bei starkem Seegang und unter ständigem Beschuss.
Am 7. Mai begann der finale sowjetische Angriff auf Sewastopol. Zwei Tage später fiel die Stadt. Zehntausende flohen in die Bucht von Chersones – der letzte verbliebene Evakuierungspunkt.
„Totila“ und „Teja“ unter Beschuss
Der Kern des Konvois „Patria“ bildeten die Frachter „Totila“ und „Teja“. Am 10. Mai 1944 erreichten sie den Raum Chersones, konnten den Hafen jedoch wegen Artilleriefeuers nicht anlaufen. Fähren brachten im Schutz der Dunkelheit tausende Soldaten – viele verwundet – an Bord der wartenden Schiffe und Boote. Ein Sturm zog auf, kleinere Boote mussten abdrehen.
Am nächsten Tag trafen Bomben die „Totila“. Das Schiff geriet in Brand, Panik brach aus. Mehr als 5.000 Menschen starben binnen weniger Minuten. Hilfe war unter anhaltendem Beschuss nicht möglich. Die „Teja“ versuchte, mit wenigen Begleitbooten zu entkommen. Kapitän Friedrich Wilkening steuerte sein Schiff durch pausenlose Luftangriffe. Treffer zerstörten Brücke, Aufbauten und Sanitätseinrichtungen. Trotz schwerer Schäden hielt das Schiff jedoch zunächst Kurs.
Eineinhalb Stunden in den Untergang
Gegen 13.30 Uhr trafen gleich drei Bomben den Maschinenraum. Von da an trieb die „Teja“ manövrierunfähig auf dem Meer, doch die Luftangriffe gingen weiter. Während die Besatzung verzweifelt versuchte, das Schiff schwimmfähig zu halten, musste Kapitän Wilkening feststellen, dass sämtliche Rettungs- und Schlauchboote zerstört waren. Um 14.40 Uhr setzte er folgenden Winkspruch ab: „Schiff sinkt, erbitte durch Funkspruch sofortige Hilfe zur Aufnahme der Truppe.“ Der Hilferuf endete mit den Worten: „Versuchen Sie, so viele Leute wie möglich an Bord zu nehmen.“
Gegen 15 Uhr brachen die Schotten im Maschinenraum und die „Teja“ sank. Selbst zu diesem Zeitpunkt feuerte die Bordflak weiter, denn die Luftangriffe endeten nicht. Nach 17 schweren Luftangriffen und fünf Bombentreffern sank die „Teja“ um kurz nach 15 Uhr und riss weitere 4.000 Menschen mit sich in die Tiefe. Nur etwa 300 konnten gerettet werden, darunter Kapitän Wilkening, der nach zwei Stunden im Wasser entdeckt wurde.
Kaum beachtete Katastrophe
Bis zum 13. Mai 1944 wurden insgesamt 120.853 Menschen von der Krim evakuiert, darunter rund 95.000 Angehörige der 17. Armee. Angesichts der militärischen Lage war das eine enorme Transportleistung. Doch die Verluste waren verheerend. Die Zahlen schwanken stark: Berichte sprechen von bis zu 60 versenkten Schiffen sowie 58.000 ertrunkenen deutschen und rumänischen Soldaten.
Im Schatten der großen Landschlachten des Ostkrieges gerieten diese Ereignisse schnell in Vergessenheit. Die Seeoperationen im Schwarzen Meer fanden in der Nachkriegserinnerung kaum Beachtung, obwohl sie zu den verlustreichsten Evakuierungsunternehmen der Wehrmacht zählten.
Viele Schicksale ungeklärt
Nach Recherchen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. konnten bislang 15 versenkte deutsche Schiffe und Boote im Zusammenhang mit „Unternehmen Adler“ identifiziert werden. Viele Schicksale sind jedoch bis heute ungeklärt.
2013 entdeckten Taucher das Wrack der „Totila“. Die politischen Umstände verhinderten bislang eine umfassende Untersuchung. Der Volksbund wird auch diesen Fall weiterhin systematisch untersuchen, um das Schicksal der Seekriegstoten im Schwarzen Meer weiter aufzuklären und zu dokumentieren. Auch die „Totila“ muss als Seekriegsgrab geschützt werden – so wie Tausende weitere weltweit. Dafür setzt sich der Volksbund mit großem Engagement ein.
Text: Dr. Christian Lübcke
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Ian Baxter: The Crimean Offensive, 1944: The Russian Battle for the Crimea, Casemate Publishers, 2025.
Anthony Tucker‑Jones: The Battle for Crimea 1941–1944, Pen & Sword Military, 2016.
#volksbundhistory
Ob der Beginn einer Schlacht, ein Bombenangriff, ein Schiffsuntergang, ein Friedensschluss – mit dem Format #volksbundhistory möchte der Volksbund die Erinnerung an historische Ereignisse anschaulich vermitteln und dabei fachliche Expertise nutzen. Der Bezug zu Kriegsgräberstätten und zur Volksbund-Arbeit spielt dabei eine wichtige Rolle.
Die Beiträge werden sowohl von Historikern aus den eigenen Reihen als auch von Gastautoren stammen. Neben Jahres- und Gedenktagen sollen auch historische Persönlichkeiten und Kriegsbiographien vorgestellt werden. Darüber hinaus können Briefe, Dokumente oder Gegenstände aus dem Archiv ebenfalls Thema sein – jeweils eingebettet in den historischen Kontext.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist ein gemeinnütziger Verein, der seine Arbeit überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert.
Der Volksbund ist...
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Knapp 6.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
