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Europäischen Traum vor Nachahmern dunkler Zeiten bewahren

Zentrale Gedenkstunde im Bundestag: Italiens Präsident Sergio Mattarella mit starkem Plädoyer für Werte der internationalen Gemeinschaft

Die Hoffnung auf Frieden und die Notwendigkeit, für ihn wehrhaft und solidarisch einzustehen – das waren die Botschaften in der zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag am Sonntag im Deutschen Bundestag. Gastredner war der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella. 
 

Der Traum vom Frieden – er erhellt die Nacht eines Kindersoldaten im Lied „Weiße Fahnen” der Gruppe „Silbermond“. Ein Bundeswehr-Septett spielte und sang diesen anrührenden Song im Plenarsaal. Und der Wunsch nach Frieden zog sich durch alle Reden – ob vom italienischen Präsidenten, von Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan oder von der jungen Workcamp-Teilnehmerin Isabella Vazza. Sie alle träumen nicht nur von Frieden, sie engagieren sich für ihn.

Auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war Sergio Mattarella in diesem Jahr der Festredner. „Wieviele Tote braucht es noch, bevor man aufhört, den Krieg einzusetzen aus der Willkür heraus, andere Völker beherrschen zu wollen?”, fragte er. Deshalb sei Frieden das Ziel aller Kraftanstrengungen. 
 

Vom Antlitz des Krieges

Mattarella blickte zurück auf zwei Weltkriege und lenkte dann seinen Blick in die Gegenwart. Die Toten von damals und die Opfer von Kriegsgewalt heute beträfen „jede und jeden von uns, wenn wir als menschliche Wesen betrachtet werden wollen”. Er rückte das Leid der Zivilisten in den Fokus, die heute nach UN-Angaben über 90 Prozent der Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen ausmachten. 

Das Antlitz des Krieges werde zu dem des schutzlosen Kindes, der Mutter, des alten Menschen – denn nicht mehr Niederlage und Kapitulation des Feindes sei das Ziel, sondern seine Vernichtung. Mattarella blickte nach Kiew, nach Gaza, in den Sudan und prangerte Bombardements in bewohnten Gebieten an, den „zynischen Einsatz von Hunger gegen die Bevölkerung”, die sexuelle Gewalt.
 

Stärke des Rechts als Antwort

Dass heute nicht mehr zwischen Zivilisten und Kombattanten unterschieden werde, treffe den Grundsatz der Menschlichkeit ins Herz, treffe die internationale Ordnung, betonte der Gast aus Italien. Schutz könne nur die internationale Gemeinschaft bieten in ihrer Multilateralität – mit Institution wie den Vereinten Nationen, dem Internationalen Strafgerichtshof, mit Friedensmissionen und humanitären Agenturen. 

Es sei Aufgabe der internationalen Gemeinschaft heute, die „Stärke des Rechts dem beanspruchten Recht des Stärkeren entgegenzusetzen”, sagte Sergio Mattarella.
 

„Außerordentlichen Weg zurückgelegt”

Der Redner betonte den „außerordentlichen Weg”, den Italien und Deutschland in gemeinsamer Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg nach 1945 Seite an Seite zurückgelegt hätten. Anschließend forderte er mit Blick auf die Diktatoren der Gegenwart: „Lassen wir es nicht zu, dass heute der europäische Traum unserer Union von Nachahmern dunkler Zeiten zerrissen wird.”

Der Blick Mattarellas galt am Ende den Opfern: „Das schulden wir den Gefallenen, den Namen auf den Stolpersteinen, der wertvollen Arbeit des Erhalts und der Erinnerung des Gedenkens durch den Volksbund und wir schulden es schließlich auch unseren jungen Leuten, die das Recht haben, in einer sicheren Welt zu leben”, schloss der Präsident (Rede im Wortlaut: italienisch / deutsch).

„Ein unschätzbares Geschenk“

Isabella Vazza (26) erzählte von ihrem Großvater: In Spanien gestrandet, hatte der Flüchtling chinesischer Herkunft in den 1950er Jahren an einem der ersten Volksbund-Workcamps teilgenommen. Sie trat als 17-Jährige in seine Fußstapfen.

„Die ehrenamtliche Arbeit beim Volksbund war für mich über Jahre ein unschätzbares Geschenk“, sagte sie. „Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, Freundschaften zu knüpfen, Empathie und Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln und aufmerksamer, sensibler und mitführender zu handeln.“  (Rede im Wortlaut)

„Fackel, die für immer brennen muss“

„Nie zuvor habe ich mich so als Europäer gefühlt“ – Matteo Atticciati (26) erzählte auf Italienisch vom Westbalkan, von der Gelben PEACE LINE-Route. Vom Austausch zwischen jungen Europäern, aber auch von Augenzeugenberichten aus Srebrenica und Sarajevo, von dem tragischen Preis der Gleichgültigkeit, der Untätigkeit. „Wir haben gehört, was passiert, wenn Regierungen und Menschen schweigen.“

Seine Generation setze sich dafür ein, Erinnerungen in kollektiven Widerstand gegen die Schrecken der Gegenwart zu verwandeln. „Erinnerung ist eine Verantwortung, eine Fackel, die für immer brennen muss, eine Hoffnung gegen die Politik des Nihilismus und des Hasses“, so der junge Italiener.  (Rede im Wortlaut)

„Der friedlichste Ort der Welt“

Für Lea Schuster (24) ist die deutsche Kriegsgräberstätte in Cassino „der friedlichste Ort der Welt“: „Eingebettet in heilende Natur erinnert er an das Leid der Vergangenheit.“ Bei der Grundausbildung der Bundeswehr hatte sie den Volksbund kennengelernt und engagiert sich ehrenamtlich als Teamerin.

Das tue sie nicht nur als Soldatin, sondern auch als Mensch, dem ein Leben in Sicherheit und Freiheit wichtig ist. „Ich bin überzeugt, dass dies ein Beitrag zur Friedensbildung ohne Waffen ist.“ Die Hoffnung bleibe: „Jugendliche, die ihre gemeinsame, aber konträre Geschichte aufgearbeitet haben, werden sich nicht eines Tages mit Waffen gegenüberstehen.“ (Rede im Wortlaut)

Glücksfall und Privileg zugleich

Dominik Lagoski (29) blickte auf die ehemaligen Schlachtfelder des Zweiten Weltkrieges am Monte Cassino, wo er gerade ein deutsch-polnisches Camp geleitet hat. „Von Cassino führte der Weg der Alliierten nach Rom. Mit Jugendlichen waren wir in der Ewigen Stadt, wo 1957 die Römischen Verträge unterzeichnet wurden – das Fundament für die heutige Europäische Union.“

Für seine Generation, so Lagoski weiter, sei das freie Europa ein großer Glücksfall und Privileg zugleich. Aber: Es brauchen Brücken, „über die wir zusammen gehen können“ – ganz im Sinne des Volksbund-Mottos „Together for peace – Insieme per la pace – Gemeinsam für den Frieden“. (Rede im Wortlaut)

Opfer im Blick behalten

80 Jahre nach Kriegsende hatte Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan bei der Begrüßung den Bogen geschlagen von 1945 bis in die Gegenwart. Er blickte auf Deutschland und besonders auf die europäische Einigung und fragte: „Wo stehen wir heute? Hat es einen Sinn, der Opfer vergangener Kriege zu gedenken?”

Seine Antwort: „Gerade weil kriegerisches Denken und Handeln selbst auf dem europäischen Kontinent nicht überwunden sind, ist es wichtig, die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im Blick zu behalten.”
 

Wo Demokratie abgeschafft wird …

Diktatur und Krieg lägen eng beieinander. Darum gehörten Frieden und Demokratie auch zusammen. „Wo Krieg geführt wird, verschwindet die Demokratie. Wo die Demokratie abgeschafft wird, wird die Tür für den Krieg geöffnet”, sagte der Volksbund-Präsident.

„Ein starkes Zeichen”

Dass Partnerorganisationen des Volksbundes aus 17 Ländern im Bundestag dabei seien, wertete Schneiderhan als starkes Zeichen. Die gemeinsame Arbeit mache deutlich, wie notwendig und wertvoll grenzüberschreitende Versöhnung sei. Italien hob er dabei auch als Motor der europäischen Einigung hervor.

„Frieden ist eine gemeinsame Aufgabe. Der Volkstrauertag erinnert uns daran, was auf dem Spiel steht”, betonte der Präsident. Die Toten der beiden Weltkriege mahnten: „Engagiert euch für den Frieden und erhaltet die Demokratie, lasst Euch nicht verhetzen! Seid solidarisch mit denen, die angegriffen und bedrängt werden – international und im eigenen Land!” (Rede im Wortlaut).

„Seid solidarisch mit denen, die angegriffen und bedrängt werden – international und im eigenen Land!“

Wolfgang Schneiderhan, Volksbund-Präsident

Internationale Gäste

Schneiderhan hatte nicht nur den italienischen Staatspräsidenten und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit ihren Ehefrauen begrüßt. Als Ehrengäste hieß er unter anderem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Bundeskanzler Friedrich Merz und Prof. Dr. Stephan Harbarth, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, willkommen. 

Sein Gruß ging auch an Mitglieder des Diplomatischen Korps, des Bundestages und der Bundesregierung, der Landesregierungen und Länderparlamente und an den Wehrbeauftragten des Bundestages, Henning Otte, sowie an Repräsentanten der Glaubensgemeinschaften und der Volksbund- Partnerorganisationen aus dem In- und Ausland. Ausdrücklichen Dank sprach der Volksbund-Präsident Bundeswehr und Reservistenverband aus für „stets treue und zuverlässige Unterstützung“.

Totengedenken erweitert

Frank-Walter Steinmeier sprach das Totengedenken, das er – ein weiteres Mal nach 2021 – erweitert hat. Einbezogen sind von heute an auch diejenigen, die wegen ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität von den Nationalsozialisten verfolgt und getötet wurden, sowie Polizistinnen und Polizisten, die im Einsatz starben.

Nach einer Gedenkminute klang die Veranstaltung im Bundestag mit dem deutschen und dem italienischen Totensignal, der Europa- und der Nationalhymne aus.<

zur Live-Übertragung in der ARD-Mediathek

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Berichte von Veranstaltungen im Vorfeld: 
Gedenken verpflichtet zur Versöhnung über den Gräbern
Volkstrauertag: „ein Tag des Nachdenkens und des Aufstehens"
„Wald der Erinnerung“: Ein Ort der Trauer und des Trostes
Im Gedenken verbunden: von Remembrance Day bis Volkstrauertag

und : Volkstrauertag im Ausland: von Tallinn über Lommel bis Wien.
 

Der Volksbund ist …

.… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 10.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.

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Harald John Abteilungsleiter Öffentlichkeitsarbeit