Kleiner Junge auf großer Bühne? In unserer Geschichte zum dritten Advent steigert die Not Ende 1943 noch die Herausforderung, die ein Auftritt ohnehin für ein kleines Kind bedeutet. (© Pixabay / Myriams Fotos / Robert Jones)
Geschichte vom „rasenden Sandmännchen“ und einem Stück Torte
Weihnachten in schwerer Zeit: Theaterstück in einem Lazarett in Ostpreußen 1943
Diese Vorweihnachtsgeschichte hat uns Ulrich Quittkat aus Cuxhaven zur Verfügung gestellt, nachdem das jüngste Weihnachtsbuch „Licht in der Dunkelheit” erschienen war. Sie ist in die Sammlung für eine neue Publikation eingegangen, die wir sehr gerne noch erweitern! Wir freuen uns über Zusendungen und wünschen einen schönen dritten Advent!
In unserem ostpreußischen Dorf Freudenberg (jetzt Radosze), etwa 15 Kilometer nordwestlich von der Kreisstadt Rastenburg (heute Ketrzyn) wurde seit Jahren in der Vorweihnachtszeit in der Schule ein kleines Weihnachtsspiel eingeübt. Die Darsteller waren die Schulkinder. Eingeübt und geleitet wurde es von der zweiten Lehrerin, Fräulein Zimmermann. Mein Vater, der Hauptlehrer gewesen war, war schon im März 1943 als Soldat umgekommen.
Abendsegen mit Sterntaler
Im Winter 1943 wurde ein Stück mit Musik aus „Hänsel und Gretel” von Engelbert Humperdinck eingeübt. Als Hänsel und Gretel sich müde in das Moos legten und die 14 Engel – es waren jedoch nur sechs – beim Abendsegen sich um die Lagerstatt versammelten, kam auch Sterntaler und stellte sich oberhalb der Köpfe von Hänsel und Gretel auf.
Den Sterntaler spielte mein fast siebenjähriger Bruder in einem langen weißen, mit goldenen und silbernen Sternen beklebten Nachthemd. Mit seinen langen, dunklen und welligen Haaren, die ihm bis auf die Schultern fielen, bildete er den krönenden Abschluss der Lagerstatt.
Kleines Säckchen voll Sand
Das Sandmännchen spielte ich mit meinen fast fünf Jahren. Nach der Melodie „Sandmännchen kommt geschlichen“ sollte ich ganz leise und langsam in meinem roten, warmen, wollenen Winteranzug mit weißem aufgeklebten Wattebart und einem kleinen Säckchen mit Sand in der Hand auf die Bühne schleichen.
Das klappte auch immer – ich machte es so, wie es mir gesagt wurde. Ganz langsam und vorsichtig streute ich den Sand Hänsel und Gretel auf den Hals, sodass es aus dem Zuschauerraum aussah, als ob ich ihnen den Sand in die Augen streute. (…)
Zum Auftritt nach Rastenburg
Es hatte sich nun auch bis Rastenburg herumgesprochen, dass dieses Spiel in den Dörfern und der Kleinstadt Barten (heute Barciany) immer gut angekommen ist. So traten das DRK und die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) an Fräulein Zimmermann heran, ob wir das Stück nicht auch in der Kreisstadt aufführen könnten und zwar in einem Lazarett. Natürlich wurde zugesagt, und wir fuhren alle nach Rastenburg. (…)
Im Lazarett sah ich nun zum ersten Mal ganz andere Soldaten: nicht mit sauberen Uniformen sondern mit abgetragenen und geflickten. Die jungen Männer – für mich waren sie schon alt – saßen in Stühlen oder lagen auf Betten. An den verschiedensten Körperteilen hatten sie Verbände, die teilweise blutverklebt waren. Alle waren hohlwangig und man konnte ihnen die Schmerzen und die Erschöpfung ansehen.
Torte mit magischer Anziehungskraft
Die NSV hatte für uns Kinder Kuchen und eine Torte gebacken, die wir nach der Vorstellung als Belohnung erhalten sollten. Das Spiel begann, und ich sollte nun auf die Bühne schleichen, und den Sand zu streuen. Das wollte ich aber nicht, sondern ich stand vor der Torte, trampelte mit den Füßen und schrie: „Ich will ein Stück Torte haben, ich will …!“.
Meine Mutti war verzweifelt. Das Musikstück „Sandmännchen“ wurde zum zweiten Mal gespielt und gesungen. Ich wollte aber ein Stück Torte haben. Mein Geschrei hat auch die Musik übertönt und die Soldaten in den ersten Reihen bekamen mit, dass sich hinter der Bühne ein Machtkampf abspielte. Sie hatten Verständnis; denn im Kampf hatten sie Erfahrung.
Langsam hatte es sich wohl unter ihnen herumgesprochen, warum es nicht weiter ging und was die Ursache der Verzögerung war. Viele waren wohl auch gespannt, wie der Kampf ausgehen würde. Da kam meiner Mutti die rettende Idee und sie versprach mir, wenn ich wieder von der Bühne käme, würde ich ein Stück Torte bekommen.
Eine Handvoll Sand in die Augen
Mittlerweile hatte ich aber schon den Bart in der rechten Hand und das Sandsäckchen in der linken. Dies Versprechen ließ ich mir nun nicht zweimal geben und sauste los, in der einen Hand den Bart in der anderen das Sandsäckchen. Den Bart ließ ich fallen und schleuderte Hänsel und Gretel je ein Hand voll Sand in die Augen. Sie sprangen auf – erstaunt über diese grobe Behandlung.
Das sah ich aber nicht mehr, da ich schon von der Bühne gerannt war. Im Saal brodelte es und es gab rauschenden Beifall. Es muss aber auch toll ausgesehen haben, wie ein roter Blitz auf der Bühne mit Sand um sich warf und gleich wieder verschwunden war.
Zweiter Auftritt, drittes Lied
Ich aber stand vor der Torte und wollte mein Stück haben. Mir wurde dann klar gemacht, dass es so nicht ginge. Ich ließ mich mit dem Versprechen überreden, dass ich ein extra großes Stück bekäme, wenn ich wie früher langsam über die Bühne gehen und den Sand verteilen würde. Hänsel und Gretel hatten sich auch beruhigt und lagen mit verquollenen Augen wieder in der Kulisse.
Beim zweiten Auftritt und der dritten Wiederholung des Sandmännchenliedes lief alles gut und ich bekam zur Belohnung das versprochene extra große Stück Torte.
Von Krankenbett und Krankenbett
Nach der Aufführung wurde ich in den Saal zu den Verwundeten gerufen. Ich hatte ja nicht kapituliert sondern, einen Kompromiss geschlossen. Wahrscheinlich erinnerte ich so manchen Soldaten an die eigene Kinderzeit oder an die eigenen Kinder. Ich wurde von einem zum anderen gereicht und mit allerlei Leckereien aus ihren bunten Tellern belohnt.
Auch durfte ich ganz vorsichtig die Verbände anfassen und habe dabei festgestellt, dass bei dem einem Soldaten ein Arm und bei anderen ein Bein fehlte. Dies blieb bei mir sehr stark haften, da ich damals zum ersten Mal mit den Folgen des Krieges in Berührung gekommen bin.
Wer weiß, wie viele von diesen Soldaten den Krieg überlebt haben?
Wir sammeln Erinnerungen
Geschichte zum ersten Advent: „Das glücklichste Menschenkind auf Gottes Erdboden“.
Am zweiten Advent haben wir veröffentlicht: Mit Apfel und Walnuss reich beschenkt – „so sieht Frieden aus“.
Wenn auch Sie noch eine Geschichte zu Weihnachten zu erzählen haben, freuen wir uns über Ihre Zuschrift per E-Mail oder per Post an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, FRIEDEN-Redaktion, Sonnenallee 1 in 34266 Niestetal.
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