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Im Widerstand – das Schicksal zweier Soldaten in Norwegen

#volksbundhistory erinnert an Matrosen der deutschen Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg

Der Friedhof von Kristiansand in Norwegen ist die letzte Ruhestätte von Karl Neipl und Peter Ewinger, Matrosen der deutschen Kriegsmarine. Sie wurden am 20. Februar 1945 wegen Kollaboration mit dem norwegischen Widerstand hingerichtet. Genau 81 Jahre später gedenken Norweger ihrer Opferbereitschaft und ehren ihr Andenken. Drei norwegische Historiker zeichnen ihr Schicksal nach.
 

Mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es immer noch beeindruckende Geschichten über Menschen, die sich gegen das Nazi-Regime gewehrt haben. Die Geschichte von Peter Ewinger und Karl Neipl in Kristiansand, Norwegen, ist eine davon. 

 

Regierung im Exil

Am 9. April 1940 marschierte das nationalsozialistische Deutschland im Rahmen der Operation „Weserübung“ in Dänemark und Norwegen ein. Zwei Monate später endeten die Kämpfe in Norwegen. Die Alliierten zogen ihre Truppen ab und die norwegische Regierung wie auch König Haakon VII. flohen nach Großbritannien. 

Von London aus arbeitete die norwegische Exilregierung eng mit den britischen Behörden zusammen, um den Alliierten zum Sieg zu verhelfen. Die große Handelsflotte war Norwegens wichtigster Beitrag. Gemeinsam organisierte man auch den Widerstand gegen die deutsche Besatzung in Norwegen. 
 

Unsere Autoren heute: Dr. Bjørn Tore Rosendahl, Leiter Zentrum für die Geschichte der Seefahrer im Krieg am ARKIVET-Zentrum für Frieden und Menschenrechte, Haakon Vinje, Leiter Norwegischer Kriegsgräberdienst, Simen Zernichow, Leiter „Norwegisches Digitales Gefangenenarchiv 1940–45”

Unterdrückung des Widerstands

Im ersten Jahr der Besatzung gab es nur geringe Gegenwehr gegen das Nazi-Regime. Als jedoch der zivile und militärische Widerstand zunahmen, wurde er massiv bekämpft, vor allem durch die Geheimpolizei, die Gestapo. Sie war in den meisten größeren Städten Norwegens präsent, überwachte die Bevölkerung und versuchte, jegliche Opposition gegen die Nazifizierung Norwegens und die militärische Besatzung zu unterdrücken.

Dies war auch in Kristiansand, der damals fünftgrößten Stadt Norwegens, der Fall. Im Januar 1942 ließen sich die deutsche Sicherheitspolizei (SIPO) und die Gestapo in dem monumentalen Gebäude nieder, das in Friedenszeiten als Archiv mit dem Namen „Arkivet“ genutzt wurde. Der weit verbreitete und brutale Einsatz von Folter gegen die zu Verhören vorgeführten Gefangenen machte „Arkivet“ in ganz Norwegen berüchtigt.
 

Strategisch wichtiger Hafen

Kristiansand liegt fast an der Südspitze Norwegens, was seinem Hafen einen hohen strategischen Wert verleiht. Von hier aus wurden Schiffskonvois entlang der norwegischen Küste oder nach Dänemark organisiert. Alle Konvois nach Dänemark und Deutschland erhielten im Hafen eine Eskorte. Daher wurden norwegische Agenten, die für den britischen Geheimdienst (SIS) tätig waren, nach Kristiansand entsandt, um Informationen über die deutschen Seetransporte zu sammeln. 

Sowohl die Alliierten als auch die Achsenmächte unternahmen während des Krieges große Anstrengungen, um so viele zivile Schiffe wie möglich zu versenken, wenn sie Güter transportierten, die für die Kriegsführung von Wert sein konnten. Durch die Übermittlung detaillierter Informationen über Konvois, die Kristiansand verließen, konnten die Briten fundierte Entscheidungen bei der Planung und Durchführung von Angriffen aus der Luft oder auf See treffen.
 

Netzwerk von Informanten

Die deutsche Kriegsmarine war sich der Gefahr und der Notwendigkeit der Geheimhaltung ihrer Konvois bewusst. Der norwegische SIS-Agent Oluf Reed-Olsen baute ein Netzwerk von Personen auf, die Informationen über den deutschen Seetransport sammelten. Sven Jakob Nordahl-Hansen wurde ein zentrales Mitglied dieser Gruppe. Durch seine Tätigkeit als Nachtwächter im Hafen verfügte er über genaue Kenntnisse, welche Schiffe den Hafen anliefen und verließen. Allerdings hatte er nicht genügend Informationen über die Konvois – wann und wohin sie fuhren. Er brauchte Hilfe von jemandem mit Insiderwissen.

Durch seine Arbeit im Hafen lernte Nordahl-Hansen viele der dort stationierten deutschen Soldaten kennen. Zwei davon waren Karl Neipl und Peter Ewinger. Sie waren wie Nordahl-Hansen Anfang zwanzig. Der Gefreite Karl Neipl war Österreicher und in Wien geboren. Der Maschinengefreite Peter Ewinger stammte aus Niederzier in Nordrhein-Westfalen. Die Beiden müssen Nordahl-Hansen sehr nahegestanden haben, denn sie offenbarten ihm sowohl ihre Ablehnung und Abscheu gegenüber dem Nazi-Regime als auch ihren Plan, mit einem der kleinen, schnellen Motorboote, zu denen sie im Hafen Zugang hatten, nach Großbritannien zu fliehen. Das war im Sommer 1944, als die meisten Menschen erkannten, dass die Alliierten den Krieg letztendlich gewinnen würden.
 

Geheime Funkstationen

Nordahl-Hansen überzeugte Neipl und Ewinger davon, dass sie ihm helfen sollten, Informationen über deutsche Aktivitäten im Hafen und die Konvois, die von Kristiansand ausliefen, zu sammeln, anstatt zu fliehen. Sie lieferten mittags, jeweils bevor die Konvois auslaufen sollten, Anweisungen der Hafenbehörden an die Schiffe im Hafen. Die beiden Soldaten der Kriegsmarine lernten daher, wie man versiegelte Dokumente öffnet, ohne entdeckt zu werden. 

Sie begannen, Nordahl-Hansen und der SIS-Gruppe eine Vielzahl konkreter Informationen zu liefern, wie zum Beispiel die Anzahl der Schiffe, deren Namen, ihre Größe, ihre Ladung, ihren Bestimmungshafen und Details über die Konvoibegleitung. Diese Informationen wurden von geheimen Funkstationen in Waldgebieten am Rande von Kristiansand nach Großbritannien übertragen. Das hatte große Auswirkungen. Aufgrund der dieser Nachrichten wurden 183.000 Tonnen Schiffsraum versenkt. 
 

Enttarnung und Folter

Die vielen Versenkungen von Schiffen, die aus Kristiansand ausliefen, machten die deutschen Behörden misstrauisch. Im Herbst 1944 gelang es der Gestapo, das SIS-Netzwerk zu zerschlagen. Einige Agenten konnten nach Schweden fliehen, darunter auch ihr Anführer Oluf Reed-Olsen. Aber 20 bis 30 seiner lokalen Komplizen wurden enttarnt und verhaftet. Auch Nordahl-Hansen versuchte, nach Schweden zu entkommen, wurde jedoch in Oslo verhaftet und nach „Arkivet”, ins Gestapo-Hauptquartier in Kristiansand, gebracht. Dort wurde er schwer gefoltert.

Da Nordahl-Hansen im Hafen eingesetzt war, folgerte die Gestapo, dass er dort mit deutschen Soldaten zusammengearbeitet haben musste. Daher wurden zwölf Soldaten verhaftet, darunter Karl Neipl und Peter Ewinger. Auch sie wurden von den Gestapo-Verhörern im „Arkivet” schwer gefoltert. Ein norwegischer Gefangener in einem benachbarten Raum hörte das Geräusch von zerbrechendem Glas, dann Schreie und Rufe. Es war Karl Neipl, der aus dem Fenster gesprungen und zwei Stockwerke tief auf die Steinplatten am Boden gefallen war. Bei dem Sturz brach er sich beide Beine und konnte nicht weiter fliehen.
 

Deutsches Kriegsgericht

Einige Wochen später, am 23. Dezember 1944, sprach in Kristiansand ein deutsches Kriegsgericht von den zwölf verhafteten Deutschen sechs frei. Zwei wurden zu einer Haftstrafe im Zuchthaus in Rendsburg verurteilt. Glücklicherweise mussten sie dort nicht lange bleiben, da der Krieg bald zu Ende war. 

Karl Neipl und Peter Ewinger hingegen galten als Schlüsselpersonen für den Erfolg der SIS-Gruppe und wurden mehrfach zum Tode verurteilt. Am 20. Februar 1945 wurden Neipl und Ewinger auf der Insel Odderøya hingerichtet, nur wenige hundert Meter von ihrem Standort in Kristiansand entfernt. 
 

Andenken bewahren

Sven Jakob Nordahl-Hansen war sich sicher, dass auch er zum Tode verurteilt werden würde. Sein Prozess wurde jedoch bis Mai verschoben. In der Zwischenzeit wurde er in das größte deutsche Gefangenenlager in Norwegen, das Grini Polizeihäftlingslager, gebrachtNordahl-Hansen kam nie vor Gericht: Als der Prozess beginnen sollte, endete der Krieg. Am 8. Mai 1945 konnte er als freier Mann in ein freies Land zurückkehren.

Das Opfer von Karl Neipl und Peter Ewinger hinterließ einen tiefen Eindruck bei Nordahl-Hansen. Er fühlte sich schuldig, weil er Neipl und Ewinger zu der extrem gefährlichen Geheimdienstarbeit überredet hatte und weil es nach ihrer Entdeckung nicht möglich war, ihnen zur Flucht zu verhelfen. Das motivierte Nordahl-Hansen, Zeit seines Lebens an Karl Neipl und Peter Ewinger zu erinnern. 
 

Deutsche Kriegsgräber in Norwegen

Während der Besatzung Norwegens von 1940 bis 1945 waren 380.000 deutsche Soldaten in Norwegen stationiert. 11.500 von ihnen verloren ihr Leben und sind dort begraben. Die Wehrmacht errichtete 17 Soldatenfriedhöfe für Soldaten, die unter „ausreichend ehrenhaften“ Umständen gestorben waren. Diese wurden auch für Propagandazwecke genutzt. 

Neben diesen Soldatenfriedhöfen gab es auch in ganz Norwegen deutsche Kriegsgräber auf vielen gewöhnlichen Friedhöfen. Diese wurden für die Bestattung von Soldaten genutzt, die aus verschiedenen Gründen nicht für würdig genug befunden wurden, auf den Soldatenfriedhöfen beigesetzt zu werden. Dazu gehörten Soldaten, die Suizid begangen hatten oder von der Wehrmacht zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren. 
 

Gräber erinnern an Besatzung

Auf einigen Friedhöfen gab es auch verschiedene Gräberfelder: Die Umstände des Todes des einzelnen Soldaten bestimmten, wo und auf welche Art er beigesetzt wurde. 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Präsenz deutscher Kriegsgräber umstritten. Für viele Menschen in Norwegen waren sie physische Erinnerungen an die Besatzung und an eine dunkle Zeit in ihrer Geschichte. Darüber hinaus war es rein praktisch eine Herausforderung, die große Anzahl von Kriegsgräbern an vielen verschiedenen Orten zu verwalten.
 

Partnerschaft der Kriegsgräberdienste

In Absprache mit den deutschen Behörden und in Zusammenarbeit mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. wurden die deutschen Kriegstoten daher auf fünf Sammelfriedhöfe in Oslo (Alfaset), Bergen (Solheim), Narvik, Rognan (Botn) und Trondheim (Havstein) umgebettet. Die Zusammenlegung 1960 abgeschlossen. Die tägliche Pflege der deutschen Kriegsgräber in Norwegen haben die norwegischen Behörden übernommen, ohne dass dem Volksbund oder der deutschen Regierung Kosten entstehen. Der norwegische Kriegsgräberdienst und der Volksbund pflegen eine enge und langjährige Partnerschaft. 

Als die Toten nach dem Krieg umgebettet wurden, wurde kein Unterschied hinsichtlich der Umstände ihre Todes gemacht. Auch Karl Neipl und Peter Ewinger sollten auf den neuen deutschen Soldatenfriedhof Alfaset in Oslo überführt werden. Doch dazu kam es nicht.
 

Tafel an Gräbern

Die Geschichte von Karl Neipl und Peter Ewinger und ihrem Beitrag zum norwegischen Widerstand war Teil der Geschichte von Kristiansand geworden. Auf Initiative von Sven Jakob Nordahl-Hansen, der mit Neipl und Ewinger im Widerstand zusammengearbeitet hatte, wandte sich die Stadt Kristiansand an die norwegische Regierung und bestand darauf, dass sie in Kristiansand bestattet bleiben sollten. Auf diese Weise konnte man ihr Andenken und ihren Beitrag zum norwegischen Widerstand weiterhin ehren. Der norwegische Kriegsgräberdienst besprach dies mit dem Volksbund und man kam überein, die Gebeine in der Hafenstadt zu belassen. 

Bis heute ruhen Karl Neipl und Peter Ewinger auf dem Friedhof von Kristiansand. Sie sind zwei von drei Deutschen in Norwegen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf deutsche Sammelfriedhöfe umgebettet wurden. Anlässlich ihres 50. Todestages wurde 1995 eine neue Gedenktafel an ihren Gräbern angebracht. 2024 und 2025 wurden ihre Gräber instand gesetzt. Ihre Geschichte ist auch im norwegischen digitalen Gefangenenarchiv 1940-45 dokumentiert und wird dort gewürdigt.
 

Deutsch-norwegisches Gedenken

Am 20. Februar 2026 fand an den Gräbern von Karl Neipl und Peter Ewinger eine besondere Gedenkveranstaltung statt, gefolgt von einem Seminar, in dem ihre Geschichte erzählt wurde. Organisiert wurde die Veranstaltung vom „Arkivet Peace and Human Rights Centre” mit Beiträgen und unter Beteiligung des deutschen Verteidigungsattachés in Oslo, Vertretern der Bundeswehr, der Königlich Norwegischen Marine und des Norwegischen Kriegsgräberdienstes. Auch der britische Verteidigungsattaché nahm an der Veranstaltung teil. 

Die Geschichte von Karl Neipl und Peter Ewinger ist eine Geschichte persönlicher Überzeugungen und Opferbereitschaft. Die Menschen in Kristiansand und Norwegen werden sie nicht vergessen.
 

Die Autoren:
Dr. Bjørn Tore Rosendahl ist Forscher und Leiter des Zentrums für die Geschichte der Seefahrer im Krieg am „Arkivet-Zentrum für Frieden und Menschenrechte”. Er hat einen Doktortitel in Geschichte von der Universität Agder.
Haakon Vinje ist Leiter des Norwegischen Kriegsgräberdienstes, der zum Königlich Norwegischen Ministerium für Kultur und Gleichstellung gehört. Er hat einen Master-Abschluss in Vergleichender Politikwissenschaft von der London School of Economics and Political Science (LSE). 
Simen Zernichow ist Leiter des „Norwegischen Digitalen Gefangenenarchivs 1940–45”, einer Zusammenarbeit zwischen dem „Arkivet-Zentrum für Frieden und Menschenrechte” und dem „Falstad Centre”.

Die Originalversion des Artikels ist auf Englisch verfasst.

#volksbundhistory

Ob der Beginn einer Schlacht, ein Bombenangriff, ein Schiffsuntergang, ein Friedensschluss – mit dem Format #volksbundhistory möchte der Volksbund die Erinnerung an historische Ereignisse anschaulich vermitteln und dabei fachliche Expertise nutzen. Der Bezug zu Kriegsgräberstätten und zur Volksbund-Arbeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Beiträge werden sowohl von Historikern aus den eigenen Reihen als auch von Gastautoren stammen. Neben Jahres- und Gedenktagen sollen auch historische Persönlichkeiten und Kriegsbiographien vorgestellt werden. Darüber hinaus können Briefe, Dokumente oder Gegenstände aus dem Archiv ebenfalls Thema sein – jeweils eingebettet in den historischen Kontext.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist ein gemeinnütziger Verein, der seine Arbeit überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert.

 

Der Volksbund ist...

… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Knapp 6.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
 

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