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In geheimer Mission: das Unternehmen „Chisel“

#volksbundhistory erinnert an eine tödliche Spionageoperation im März 1945

Ab 1944 versuchte der amerikanische Geheimdienst – das „Office of Strategic Services“ (OSS) –, Exil-Deutsche auf dem Luftweg in ihre Heimat einzuschleusen. Dort sollten die Agenten kriegsrelevante Informationen sammeln und an die Alliierten übermitteln. In der Nacht vom 19. auf den 20. März 1945 endete ein solches Vorhaben in der Nähe von Osnabrück tödlich – auch für Kurt Gruber.

 

Noch vor der Invasion der Westalliierten im Juni 1944 in der Normandie hatte die „Labor Division“ (der operative Teil des amerikanischen Geheimdienstes OSS, später in CIA umbenannt) im März 1944 unterschiedliche Unternehmungen gegen Deutschland geplant, die miteinander in Zusammenhang standen. Gemeinsamer Deckname „Downed“. 

 

Unter dem Hashtag #volksbundhistory berichten wir von historischen Ereignissen und liefern Hintergrundinformationen. 
Unser Autor heute: Martin Frauenheim. Der Pilot und Bürgermeister a. D. erforscht seit Jahrzehnten die regionale Fluggeschichte im Osnabrücker Land.

Eine „lautlose Invasion“

Ein Ziel war es, das Ruhrgebiet, das Herz der deutschen Industrie und vor dem Krieg das Zentrum des deutschen Gewerkschaftswesens, mit einer „lautlosen Invasion” zu infiltrieren. Ausgestattet mit einer neuen Identität, sollten Exil-Deutsche als Agenten in der Nähe ihres früheren Wohnortes mit Fallschirmen abgesetzt werden. 

Dort sollten sie den aktuellen Frontverlauf erkunden und die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung ermitteln. Darüber hinaus hatten sie die Aufgabe, Kontakte zu „Anti-Nazi-Gruppen" zu suchen und weitere Widerstandsgruppen zu gründen. Über Funk sollten sie ihre Erkenntnisse nach England übermitteln. 
 

Kommunisten als West-Spione

Da es sich meistens um Kommunisten handelte, war man in Großbritannien zunächst entsetzt über die Kurzsichtigkeit und Naivität des amerikanischen OSS hinsichtlich der Entwicklung in einem Nachkriegsdeutschland, in dem diese Exilanten dann möglicherweise eine wichtige Rolle spielen könnten. 

Die Agenten selbst waren mehrheitlich der Meinung, das kommunistische Nationalkomitee „Freies Deutschland“ (NKFD) solle nach dem Krieg großen Einfluss erhalten. Ein heikler Punkt für die Briten, doch die Amerikaner ignorierten diese Einwände damals grundsätzlich.
 

Von England ins Ruhrgebiet

Der Einsatz  verzögerte sich zunächst. Anfang März 1945 hatte man mehrere bereits vorbereitete Einschleusungen im Rahmen einer Operation namens „Chisel“ (deutsch: Beitel, ein Stecheisen) wieder abgesagt. Am 19. März schließlich war es so weit: In der Nacht sollte die Operation mit einer zweimotorigen „Douglas A-26 Invader” (Nr. 43-22524) vom Flugplatz Harrington nördlich von London beginnen.

Der Agent wurde der Besatzung als Karl Grimm vorgestellt – ein Tarnname. Es handelte sich um den deutschen Bergmann Kurt Gruber. Das OSS beauftragte ihn nicht nur damit, militärische Informationen zu sammeln, sondern auch Kontakt zu deutschen Dissidenten und Untergrundkämpfern aufzunehmen. Das Ziel: eine Organisation aufzubauen, um weiterer Agenten einzuschleusen.
 

Mit Tabletten und Pistolen

Für seinen Einsatz erhielt Kurt Gruber ein Paket mit Tabletten: Die blauen enthielten Benzedrin-Sulfat gegen Müdigkeit, die weißen konnten einen Menschen für sechs Stunden außer Gefecht setzen. Die dritte Tablette war eine sogenannte „L-Pille“, reines Zyankali. Die Pille war mit Gummi überzogen. Um Suizid zu begehen, musste der Agent sie zerbeißen, bloßes Verschlucken hatte keine Folgen.

Außerdem bekam Gruber Pistolen vom Kaliber 0,32 (ca. 8 mm) und 0,45 (ca. 11,4 mm). Das OSS hatte herausgefunden, dass diese Pistolen für die Spione psychologisch notwendig waren. Sie sollten sie nur verwenden, wenn sie bei einer Landung auf feindseligen Empfang stießen. Ansonsten sollten sie sie zusammen mit Fallschirmen und Sprunganzügen vergraben, was selten tatsächlich geschah. Zur weiteren Ausstattung gehörte zivile Bekleidung. Das OSS hatte diese gebraucht von deutschen Emigranten erworben, damit der Agent nicht auffiel.

Start trotz schlechten Wetters

Vor dem Abflug erhielt Kurt Gruber letzte Informationen zum „Absprung”. Er würde sich während des Fluges liegend im Bombenraum der „A-26” aufhalten und – durch ein Klopfzeichen vorgewarnt – aus diesem in die Tiefe der Nacht fallen gelassen. Der Agent bestätigte, dass er alles verstanden habe, und ein OSS-Offizier informierte ihn über das Zielgebiet im Großraum Essen. Hierfür gab man ihm entsprechende Kartenausschnitte mit. 

In der Regel fanden die Agentenflüge in Vollmondnächten statt – im Tiefflug und bei guter Nachtsicht nach genau festgelegten, sichtbaren Anhaltspunkten. Nach einem Wettererkundungsflug berichtete die Besatzung einer „Mosquito” jedoch von trüber Sicht und Nieselregen. Trotz dieser Widrigkeiten erhielt die „A-26” den Startbefehl und wurde bei laufenden Triebwerken komplett vollgetankt, um den Rückflug bis nach Frankreich zu sichern.
 

Komplikationen vor dem Ziel

Der Start verlief problemlos. Ohne Hoheitszeichen und schwarz getarnt, flog die Maschine kurz vor Mitternacht von Harrington Richtung Niederlande, dann weiter in extrem niedriger Höhe nach Deutschland. Sie erreichte die Navigationspunkte in den Niederlanden – die Orte Hemskerk und Kampen – sowie Haren an der Ems und den Dümmersee. 

Doch kurz nach Überfliegen des Sees Richtung Süden gab es Schwierigkeiten – die Maschine stürzte nord-östlich von Osnabrück ins Schweger Moor.
 

Ende einer Mission

Das Flugzeug überschlug sich mehrmals und wurde bis auf das Heck komplett zerstört. Eine Anwohnerin macht am nächsten Tag die Behörden auf den Absturz aufmerksam. Olinde Kruse gab zu Protokoll:

„Am 20. März 1945 sah ich ein zweimotoriges Flugzeug in etwa 1 km Entfernung vom Haus. Später am Nachmittag ging ich zusammen mit einem russischen Zivilisten an die Stelle, wo das Flugzeug abgestürzt war. Rechts vom Flugzeug sah ich eine Leiche in Zivil. Auf der linken Seite lag ein toter amerikanischer Flieger, später wurde eine weitere Leiche in etwa 50 m Entfernung vom Flugzeug auf einer Wiese gefunden.  Der Vierte lag im Wasser ein Stück weg vom Flugzeug. Der Fünfte wurde in 100 m Entfernung vom Flugzeug gefunden. (…) Alle Papiere, die bei den Verstorbenen gefunden wurden, wurden vom deutschen Militär mitgenommen. (…) Das Flugzeug brannte nicht und war auch nicht explodiert.“
 

Erkennungsmarken helfen

Die Untersuchung ergab, dass es sich um eine „Douglas A-26” handelte. Das Flugzeug wies keine Einschüsse von Flugabwehr auf. Anhand der Erkennungsmarken konnte man die Toten identifizieren: 

- Pavel Nowak geboren in Kladno, Zivilkleidung, verschiedene deutsche Ausweise. Weiterer Agentenname Karl Grimm, führte 7.000 Reichsmark mit sich. Es handelte sich – wie sich später herausstellte – um Kurt Gruber.
- Oliver Emmel (Pilot)
- Frederick Brunner (vermutlich ein zweiter OSS-Agent)
- zwei weitere Amerikaner, deren Personalien zunächst nicht ermittelt werden konnten. Es handelte sich um John Walch (Navigator) und Edward Tresemer (Navigator)
 

Fallschirm gibt Aufschluss

Aus den Papieren, die Pavel Nowak alias Kurt Gruber mit sich führte, war zu schließen, dass er als Agent abgesetzt werden sollte. Er hatte einen Automatik-Fallschirm, während alle anderen Besatzungsmitglieder normale Fallschirme trugen. 

Mit Unterstützung eines Arbeiters und eines russischen Kriegsgefangenen wurden die Leichen aus dem Moor geborgen und zum Militärfriedhof des Flugplatzes Achmer gebracht.

„Medal of Freedom“

Die Witwe von Kurt Gruber, Jessi Campbell, wurde Monate nach seinem Tod in die Zentrale des OSS in London gebeten. Um jegliche Orientierung zu verhindern, wurde sie mit verbundenen Augen in einem Taxi dorthin gebracht. Es war das schwer bewachte Büro in der Grosvenor Street 70. Dort erhielt sie die Nachricht vom Tode ihres Mannes und bekam eine Abfindung in Höhe von 3.000 US-Dollar und die „Medal of Freedom“, den Verdienstorden für ihren Mann.

Alle fünf Besatzungsmitglieder wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vom Friedhof Achmer bei Osnabrück auf amerikanische Kriegsgräberstätten umgebettet.

 


Text: Martin Frauenheim
 

Lesetipps

  • Gould, Jonathan S.: German anti-Nazi espionage in the Second World War. The OSS and the Men of the TOOL Missions, Abingdon, 2028.
  • Malayney, Norman: The 25th Bomb Group (RCN) in World War II, Atglen, PA, 2011.
  • Purnell, Sonia: Eine gefährliche Frau. Die Geschichte von Virginia Hall, der meistgesuchten Spionin des Zweiten Weltkriegs, München, 2022.
     

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