Zum Inhalt springen

Interview zu Workcamps: „Erreichen Sie die Jugendlichen noch?“

Redakteur Florian Hagemann sprach für die Hessische/Niedersächsische Allgemeine mit Pawel Prokop

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene spricht der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. mit seinen Angeboten jedes Jahr im Sommer an – in Deutschland und europaweit. Verantwortlich dafür ist Pawel Prokop, Leiter des Referats Internationale Jugendbegegnungen. In Kassel, wo der Volksbund zu Hause ist, hat HNA-Redakteur Florian Hagemann ihm Fragen gestellt. Damit setzen wir unsere Reihe „Fremde Federn“ fort.
 

Der Volksbund birgt noch immer die Toten der Weltkriege, informiert die Angehörigen und pflegt mehr als 830 Kriegsgräberstätten weltweit – im Auftrag, für den Frieden zu arbeiten. Auch in diesem Jahr bietet die in Niestetal ansässige Organisation wieder mehr als 30 internationale Jugendbegegnungen und Workcamps in ganz Europa an. Die Themen reichen vom Erinnern an die Weltkriege bis zu Schreibwerkstätten zur Geschichte.

Die gemeinsamen Erlebnisse sollen Geschichte für die Jugendlichen greifbar machen. Nur: Welche Empfindungen haben Jugendliche in Zeiten, in denen Krieg das beherrschende Thema ist? 
 

Herr Prokop, in der vergangenen Woche sind viele Schülerinnen und Schüler auf die Straße gegangen und haben gegen die Wehrpflicht demonstriert. Treibt das Thema auch die Jugendlichen in Ihren Camps um?

Das ist schwierig zu beantworten – zumal in den Camps viele Jugendliche unterschiedlicher Nationalitäten sind. Die Frage nach der Wehrpflicht ist dabei eine sehr deutsche Debatte. In anderen Ländern herrscht ein anderes Verständnis davon, was die Rolle der Armee in der Gesellschaft anbelangt. Vielleicht lässt sich die Frage so beantworten: Es ist Thema, aber nicht Hauptthema.
 

Anders gefragt: Waren die Jugendlichen schon mal unbeschwerter?

Das auf alle Fälle. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat viel verändert. Wir hatten zuvor viele Projekte in Russland und Belarus. Die gibt es aktuell nicht, weil es eine klare Reisewarnung gibt. An den Camps nehmen aktuell auch keine Jugendlichen aus Russland und Belarus teil – allein schon deshalb, um sie zu schützen vor möglichen Repressalien der politischen Führung vor Ort.

Wir versuchen, ukrainischen Jugendlichen die Teilnahme an den Camps fernab der Ukraine zu ermöglichen. Für sie ist es eine Art Ferien vom Krieg, ein geschützter Rahmen. Für die Teamleiter erfordert der Umgang mit ihnen natürlich eine hohe Sensibilität. Sie müssen sehr behutsam mit ihnen sprechen. Es ist eine große Herausforderung.
 

Wie vermitteln Sie den Jugendlichen aus der Ukraine, aber auch allen anderen, Hoffnung in diesen Zeiten?

Indem wir ihnen vermitteln, dass wir für den Frieden arbeiten, und ihnen erklären, dass jeder Krieg einmal endet. Dann beginnt der Versöhnungsprozess, und hier setzen wir an. Darüber hinaus leisten wir Aufklärungsarbeit, indem wir aufzeigen, wie es zu einem Krieg kommen kann, welche Mechanismen und Gefahren es gibt.
 

Was sagen Sie da den jungen Menschen?

Wir machen klar, wozu Demokratieschwund, Desinformation und Manipulation führen können und welche Gefahren Künstliche Intelligenz bergen kann. Wir wollen den Jugendlichen beibringen, die Mechanismen zu verstehen. Klar ist aber auch, dass jede Generation neue Herausforderungen hat und sie neue Antworten auf neue Gefahren finden muss – siehe Künstliche Intelligenz. Uns ist es wichtig, dass die Jugendlichen am Ende des Camps Dinge kritisch hinterfragen.
 

Also besteht gerade heute Gesprächsbedarf bei den Jugendlichen?

Ja, die Jugendlichen wollen über die Lage in der Welt diskutieren. Sie merken, dass sich die Welt verändert, und fragen sich, wohin die Reise geht. Wir geben ihnen die Möglichkeit, sich mit anderen Jugendlichen auszutauschen, damit sie nicht allein mit ihren Fragen sind. Wir machen das mehr sozial und weniger mit Medien – „mehr social, weniger media“ hieß die Kampagne. Der Austausch von Mensch zu Mensch ist uns wichtig – gerade in Zeiten, in denen Begegnungen oft zu kurz kommen.

Erreichen Sie die Jugendlichen denn noch?

Wir erheben am Ende eines Camps natürlich, ob es ihnen gefallen hat oder nicht. Die Ergebnisse gleichen einer Gaußschen Verteilungskurve. Ein kleiner Teil sagt danach: Das war nichts für mich. Dem Großteil hat es gut gefallen. Viele haben das Camp als Raum zum Ausprobieren gesehen und können sich neben der Schule vorstellen, weiter aktiv zu sein in der Friedensarbeit. Bei einem weiteren, auch kleineren Teil beeinflusst solch ein Camp tatsächlich die Entwicklung einer Person, indem sie sich danach entscheidet, etwa Geschichte zu studieren und die Friedensarbeit auch beruflich anzugehen.
 

Lassen sich durch ein Camp auch die Ängste und Sorgen von Jugendlichen abbauen?

Wenn es gut läuft: ja. Die Jugendlichen treffen in den Camps in der Regel auf Gleichgesinnte, sie sprechen mit ihnen und merken: Ich bin mit meinen Sorgen nicht allein, ich kann sie teilen. Außerdem macht es schon Eindruck, wenn sie am Ende eines Camps mit vielen anderen auf einer Kriegsgräberstätte gemeinsam eine Botschaft für den Frieden formulieren.

Letztlich sind Kriegsgräberstätten authentische Lernorte der Geschichte, Begegnungsorte zwischen Nationen und Generationen. Außerdem sind es auch Jugendfriedhöfe. Das erkennt, wer die Lebens- und Todesdaten aufmerksam liest.

Sie sagten zu Beginn, die Frage nach der Wehrpflicht sei eine deutsche Debatte. Warum?

Da kommt es eben immer auf die Perspektive an. Ein Jugendlicher aus Polen blickt anders darauf, wenn sein Land an die Ukraine grenzt und mitunter eine russische Drohne über das Territorium fliegt. Da stellen sich die Jugendlichen eher schon die Frage, wie ihr Land verteidigt werden soll. Sie befassen sich eher damit, dass durch die Verteidigung des Landes auch Werte verteidigt werden. Dass man nicht in den Krieg ziehen möchte, ist nachvollziehbar, aber natürlich sind damit unbequeme Fragen verbunden.
 

Das Interview führte Florian Hagemann.

Der Artikel ist am 11. März 2026 in der HNA-Ausgabe „Hessische Allgemeine” (Kassel-Mitte) erschienen.

Informationen zu den Workcamps: volksbund.de/workcamps
Bis Samstag, 14. März 2026, ist der Volksbund auf Europas größter Bildungsmesse vertreten: Wieder dabei: Volksbund auf der „didacta“ in Köln
 

Zur Person

Pawel Prokop (47)  stammt aus Polen und lebt seit 25 Jahren in Deutschland. Seit acht Jahren ist er Referatsleiter für internationale Jugendarbeit beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., deren Sitz in Niestetal ist. Er wohnt in Potsdam.
 

Der Volksbund ist …

… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Knapp 6.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.

jetzt unterstützen 

zur Startseite