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Keine Grenzen: Beutejäger unter Wasser

„Die baltische 'Titanic'“: DER SPIEGEL berichtet über Tauchtourismus an Seekriegsgräbern und stützt sich auch auf Volksbund-Informationen

„Es ist unerträglich, was da unten passiert“, sagt Christian Lübcke vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Er hat sich intensiv mit dem Thema Seekriegsgräber befasst und stand David Crossland von der London Times und Solveig Grothe Rede und Antwort. Sie ist Autorin eines Beitrags in der Wochenzeitschrift DER SPIEGEL. Erschienen ist ihr Artikel in der Ausgabe vom 10. Juli 2021. Sein Titel: „Die baltische 'Titanic'“. Damit setzt der Volksbund seine Reihe „Fremde Federn“ fort:

Der SPIEGEL-Vorspann: Auf dem Grund der Ostsee liegen Hunderte Schiffe mit Zehntausenden Toten. Die Wracks aus den Weltkriegen locken Trophäenjäger und sorgen für einen neuen, illegalen Tauchtourismus. Weiter heißt es:

Der Krieg war entschieden, und alle wussten es. Als die Rote Armee im Januar 1945 von Osten vorrückte und bald die ostpreußische Küste erreichte, flohen Millionen gen Westen – auf Planwagen, mit Schlitten, zu Fuß. Rettung versprach der Weg über die Ostseehäfen. Dort legten große Passagier- und Militärschiffe, Frachter und kleine Fischkutter, überfüllt mit Flüchtlingen, eilig ab. Etliche Schiffe wurden jedoch in den letzten Kriegsmonaten versenkt und verschwanden für immer in den eisigen Fluten der Ostsee.

In den Wracks ruhen die Gebeine Zehntausender. Nur: Ruhe finden die Toten bis heute nicht einmal in der Tiefe.

»Es ist unerträglich, was da unten passiert«, sagt Christian Lübcke vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Als er im vergangenen Jahr Hamburger Landesgeschäftsführer wurde, musste er feststellen: Die Wracks wurden teilweise zerstört, ausgeschlachtet und geplündert, ihr Inhalt wird verscherbelt, die Gebeine sind verstreut.

Ein blühender Tauchtourismus gefährdet diese riesigen Unterwasserfriedhöfe. Sie vor Beutejägern und Spaßtauchern zu bewahren fällt auch in die Verantwortung der Bundesrepublik. Denn die Wracks sind nach wie vor deutsches Eigentum, egal wo auf der Welt sie liegen. Völkerrechtliche Verträge wie die Genfer Konventionen verpflichten den Staat, ihren Zustand zu überwachen, sie vor Schändung, Plünderung und illegaler Bergung zu bewahren – und die Totenruhe zu schützen.

Um die deutschen Kriegstoten an Land kümmert sich der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge seit seiner Gründung 1919. Damit hat der gemeinnützige Verein bei 2,8 Millionen Toten aus zwei Weltkriegen, verteilt auf 46 Staaten, heute reichlich zu tun. Die Opfer von Schiffs- und U-Boot-Katastrophen oder Flugzeugabstürzen über dem Meer hingegen wähnte der Staat unter Wasser in Sicherheit. Ein Trugschluss.

Lübcke fielen schon Berichte in die Hände, die er als »wirklich haarsträubend« bezeichnet: über »Expeditionen«, die lediglich so hießen – »ohne konkreten Auftrag und unter dem Anschein von Unterwasserarchäologie. Niemand weiß, was die Taucher tatsächlich da unten tun und was mit den Dingen passiert, die sie mitnehmen«.

Aus Gesprächen wisse er, dass unter Wasser »mit Gebeinen posiert« werde. Man mache sich einen Spaß daraus, »Schädel in den Wracks so zu positionieren, dass andere Taucher sich erschrecken«. Dabei ist das Tauchen in und an diesen Wracks – offiziell Seekriegsgräbern – für Unbefugte verboten. In manchen Fällen komme es zu einem regelrechten Ausverkauf, sagt Lübcke: »Je bekannter das Schiff, desto größer das Interesse von Trophäenjägern.« Die »Andenken« finde man bei Ebay, »von einigen Wracks fast die komplette Inneneinrichtung«.

Und Lübcke ahnt, dass er längst nicht das ganze Ausmaß kennt.

2019 barg die polnische Marine die Leiche eines Tauchers aus dem Wrack der »Wilhelm Gustloff«, die am 30. Januar 1945 mit mindestens 5000 Menschen gesunken war. »Bei dieser Meldung haben wir uns natürlich gefragt: Wie ist der da überhaupt hingekommen?«, sagt Lübcke. Die zuständige Staatsanwaltschaft fand heraus, dass es sich um einen Sporttaucher aus Poznań handelte, der seit 2012 vermisst wurde. Sie ermittelte auch gegen seinen Begleiter wegen unterlassener Hilfeleistung, Falschaussage und Gefährdung des Rettungsteams, denn das war zu einem anderen Wrack geschickt worden. Damit wollten die Taucher ihr wahres Ziel verschleiern.

Bekannt werden solche illegalen Expeditionen selten. So wurden niederländische Hobbytaucher 2015 dabei beobachtet, wie sie sich wiederholt am Wrack des deutschen Kreuzers SMS »Mainz« in der Nordsee vor Helgoland zu schaffen machten. Im Gefecht war das Schiff 1914 kampfunfähig geschossen worden. Mit Hammer und Brechstange plünderten die Taucher nun das Grab deutscher Besatzungsmitglieder – und präsentierten ihre Beute stolz auf Facebook.

Die Bundespolizei ermittelte wegen Diebstahls und Störung der Totenruhe. Später tauchte unter Wasser ein ganzes Depot von Wrackteilen aus mehreren Beutezügen auf.

Außerhalb der deutschen Hoheitsgewässer hat die Bundespolizei indes keinen Zugriff, auch in der Ostsee nicht. »Soweit ich das einschätzen kann, sind auch die polnischen Behörden durchaus bestrebt, die Seekriegsgräber zu schützen«, sagt Lübcke, »aber das reicht nicht aus.« Und schreckt offenbar auch kaum ab: Mittlerweile werde im Internet offen für solche unerlaubten Touren geworben.

Dass Ausfahrten von der polnischen Küste aus möglich sind, ist schon länger bekannt. Reporter der polnischen Tageszeitung »Rzeczpospolita« hatten bereits 2010 kein Problem, einen Tauchklub zu finden, der sie zum Wrack der »Wilhelm Gustloff« bringt. Polnischen Behörden zufolge werden illegale Touren auch aus Schweden und Dänemark organisiert.

Mit einem Team von Studierenden will Lübcke das Treiben um die deutschen Seekriegsgräber jetzt genauer untersuchen: »Ich glaube, wir kratzen da erst an der Oberfläche.« Und es geht ja nicht nur um Nord- und Ostsee. Einen Überblick über illegale Tauchaktionen auch im Mittelmeer etwa hat noch niemand; nahe den Ägäischen Inseln wurden im Zweiten Weltkrieg viele deutsche Schiffe und Boote versenkt.

Was die Plünderer anlockt, sind alte und neue Legenden – etwa zum Verbleib des Bernsteinzimmers, jener prächtigen Wandverkleidung aus der Zarenresidenz, die 1941 von der Wehrmacht geraubt und nach Königsberg gebracht worden war.

Im September 2020 berichteten polnische Taucher, sie hätten das Wrack der »Karlsruhe« in der Ostsee entdeckt. Der Frachtdampfer hatte mit rund 1000 deutschen Flüchtlingen an Bord am 12. April 1945 die Hafenstadt Hela (heute Hel) verlassen. Tags darauf versenkten sowjetische Flieger ihn mit einem Torpedo, nur etwa 150 Menschen überlebten.

Die Taucher gaben an, mehrere Kisten unbekannten Inhalts entdeckt zu haben. Man habe zwar keinen Beweis, sagte Expeditionsleiter Tomasz Stachura Journalisten, »aber wenn die Nazis das Bernsteinzimmer vor der anrückenden russischen Armee in Sicherheit bringen wollten, dann war die ›Karlsruhe‹ ihre letzte Chance«. Seine Aussage dürfte den Ehrgeiz einiger Taucher entfacht haben.

Schatzsuche ist in Polen ein verbreitetes Hobby – an Land wie im Wasser. Größere Suchaktionen wie nach dem »Goldzug« im früheren Schlesien sorgen für Schlagzeilen und locken Neugierige aus aller Welt.

Die »Karlsruhe« rückte nicht als einziges Schiff derart ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und sie wird nicht das letzte sein: Mit dem »Unternehmen Hannibal« startete Hitlers Kriegsmarine 1945 die Evakuierung von mehr als einer Million Verwundeten und Zivilisten über die Ostsee nach Westen. Die »Wilhelm Gustloff«, die »Goya« und die »Steuben« waren die größten und bekanntesten. Alle drei wurden von sowjetischen U-Booten torpediert; mehr als 12 000 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Gesamtzahl der Opfer bei der Evakuierung war deutlich höher, denn versenkt wurden vermutlich weit über 100 Schiffe – viele unregistriert und bis heute nicht bekannt. Es gibt also noch viele Wracks, die für Schatzsucher interessant wären.

Bei der »Wilhelm Gustloff« wurde schon früh wertvolle Fracht an Bord vermutet. Erich Koch, NSDAP-Gauleiter in Ostpreußen, hatte im Gefängnis ausgesagt, das Bernsteinzimmer sei seines Wissens auf den Lazarettdampfer verladen worden, wie der SPIEGEL im Jahr 2000 schrieb – gefunden wurde es bis heute nicht.

Am Wrack der »Gustloff« soll es zu wüster Schändung und Zerstörung gekommen sein. Taucher der Seebehörde Gdynia berichteten 1963 von großen Löchern im Rumpf und zeigten sich überrascht, wie »brutal und stümperhaft das Wrack zugerichtet« worden sei. Sowjetische Taucher hatten sich angeblich zwischen 1948 und 1951 mit Sprengungen ins Innere vorgearbeitet.

In den Siebzigerjahren durchsuchten Taucher des polnischen Unterwasserklubs »Rekin« das Wrack – das Bernsteinzimmer fanden auch sie nicht, dafür nahmen sie unter anderem die große Deckenleuchte aus dem Ballsaal mit. Britische Taucher fanden in den Achtzigerjahren Gefallen an zwei Bullaugen, die sie aus der »Gustloff« herausschnitten. Der deutsche Zoll schnappte sie. Auch vom Passagierdampfschiff »Steuben« ist mittlerweile alles, was nicht niet- und nagelfest war, verschwunden. Wohlhabende Sammler würden für Nazisouvenirs vom Meeresgrund Zehntausende Euro bezahlen, schrieb 2019 die polnische Tageszeitung »Gazeta Wyborcza«.

Geplündert wurde schon im 20. Jahrhundert. Heute sieht Christian Lübcke eine neue Gefahr: den Tauchtourismus. »Größere Tauchunternehmen signalisieren deutlich, dass sie das Geschäft ausbauen wollen«, sagt er. »Sie fordern, den Zugang zu den Wracks zu erleichtern.«

Baltictech leistet Lobbyarbeit. Die polnische Tauchgruppe wirbt »für die Ostsee als den interessantesten Wracktauchplatz der Welt« und strebt lockerere Regeln »für eine bessere Zugänglichkeit der Ostseewracks« an. Ihr besonderes Interesse gilt der »Wilhelm Gustloff«, der »Goya« und der »Steuben« – den großen »Baltic Titanics«.

Tomasz Stachura ist Mitbegründer der Baltictech-Konferenz zur Förderung des Wracktauchens in der Ostsee. Er hat schon öffentlichkeitswirksam über das Bernsteinzimmer in der »Karlsruhe« spekuliert und zahlreiche weitere Ostseewracks betaucht. 2015 berichtete er »Radio Gdańsk« davon, zwischen Knochen, Kleiderresten, Schuhen und Kinderwagen zu tauchen: »Sie sind praktisch überall, denn jedes Wrack ist mit einer Katastrophe verbunden.« Im Laderaum der »Goya« etwa habe es so ausgesehen, »als hätte dieses Schiff Knochen transportiert, so viele gibt es davon«, sagte Stachura. »Es gibt auch Hosengürtel und Schuhe, weil nur diese Dinge 70 Jahre überlebten. Jeder Raum ist voller Knochen, und das ist wirklich schockierend.«

Fast jedes zweite Wrack auf der Projektliste der Baltictech sei ein Seekriegsgrab, sagt Volksbund-Mann Lübcke. Der Deutsche Marinebund forderte die Bundesregierung schon 2018 auf, deutsche Seekriegsgräber zu schützen – bisher vergebens.

Für das kommende Jahr will der Volksbund eine internationale Tagung einberufen. Kommen sollen Vertreter einiger Landesregierungen, der Ostseeparlamentarierkonferenz, Marineattachés sowie Schifffahrtsbehörden aus Deutschland, Polen, Dänemark, Schweden und den baltischen Staaten. Lübcke sieht dringenden Handlungsbedarf, zumal ein weiteres Problem alle Beteiligten betreffe: die Gefahren von Giftstoffen und Munitionsresten im Meer.

Bei der Tagung wolle man versuchen, die Dachverbände der Taucher einzubeziehen. »Wir wollen natürlich nicht jeden, der einfach nur seinen Kopf ins Wasser steckt, unter Generalverdacht stellen«, so Lübcke. »Die Masse der Taucher weiß, dass man an Seekriegsgräbern gar nichts zu suchen hat – und wenn man sich in der Nähe aufhält, die Finger von allem lässt, was am Boden liegt.«

DER SPIEGEL vom 10.07.2021 »Die baltische 'Titanic'«
Ausgabe 28, Seite 46 - 48, vom 10.07.2021
Autorin: Grothe, Solveig
Rubrik: Deutschland
Abstrakt: Illegaler Tauchtourismus in der Ostsee
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Bericht in der London Times

Unter der Überschrift „Baltic war graves 'desecrates by divers'“ berichtet auch die London Times über das Thema. Der Berlin-Korrespondent David Crossland hatte es aufgegriffen. Erschienen ist der Artikel am 22. Juli 2021.

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