Lebendige Kooperationsveranstaltung mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Bundespolizeiakademie. (© Bundespolizeiakademie / Michael Frauenkron)
Kooperation mit Bundespolizei: „Erinnerung ist Zukunftsarbeit“
Auftakt: Tagung mit dem Volksbund in der Bundespolizeiakademie Lübeck
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. und die Bundespolizei schlagen ein neues Kapitel der Zusammenarbeit auf. „Geschichte – Erinnerung – Gegenwart“ lautete das Motto, als sich Vertreter beider Seiten zu Vorträgen, Praxisimpulsen, einer Podiumsdiskussion und vor allem zum Austausch trafen.
Mit der Bundeswehr und Reservisten hat der Volksbund schon starke Partner an seiner Seite – seit rund 70 Jahren. Die Kooperation umfasst vor allem die Haus- und Straßensammlung, Pflegeeinsätze, logistische Unterstützung etwa bei Workcamps und historisch-politische Bildung.
Nun soll eine ähnliche Partnerschaft mit der Bundespolizei entstehen. Ziel: gemeinsame Projekte, die Geschichte lebendig halten und die Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vermitteln.
Sie machten sich in Lübeck für eine Partnerschaft stark (von links): Dr. Dirk Reitz (Landesgeschäftsführer Sachsen), Dirk Backen (Volksbund-Generalsekretär), Henning Schumann (Stadtpräsident), Ulf Strandt (Präsident Bundespolizeiakademie) und Detlef Fritzsch (Volksbund-Vizepräsident) © Bundespolizeiakademie / Michael Frauenkron
Verantwortung basiert auf Erinnerung
„Erinnerung ist Zukunftsarbeit“, sagte Ulf Strandt, der Präsident der Bundespolizeiakademie, bei der Begrüßung. Demokratische Resilienz bedeute, aus der Erinnerung zu lernen und Haltung zu zeigen. Aus der Erinnerung an die Geschichte von Krieg, Gewaltherrschaft und Terror entstehe das Bewusstsein für Frieden und Demokratie. Daraus wiederum erwachse eine Verantwortung für die Zukunft – für Sicherheit, Freiheit und Frieden.
Auch Lübecks Stadtpräsident Henning Schumann spannte den Bogen vom historischen zum politischen Bewusstsein: „Erinnerung ist die Grundlage für Verantwortung. Verantwortung ist die Grundlage für Demokratie“, sagte er. Eine stabile Demokratie brauche ein Gedächtnis. Die Gesellschaft müsse in der Lage sein, aus Geschichte zu lernen.
„Mahnmale des Scheiterns“
„Kriegsgräberstätten sind Mahnmale für das Scheitern der Menschlichkeit“, so Schumann. Daraus ergebe sich „eine Verpflichtung für uns alle“ – unabhängig von Beruf oder Dienstgrad. Kriegsgräberpflege gehe alle an. Sie sei eine demokratische Aufgabe, sei lebendige Bildungs- und Friedensarbeit und diene der Wertebildung sowie der internationalen Verständigung. „Kriegsgräberpflege ist der Blick nach vorn.“
Volksbund-Vizepräsident Detlef Fritzsch betonte ebenfalls die Aufgabe von Erinnerungskultur in einer demokratischen Gesellschaft: „Erinnerung an Krieg und Gewaltherrschaft darf nicht nur Schuld erkennen und benennen.“
Frieden in Freiheit verteidigen
Sie müsse vor allem Verantwortung vermitteln und die Bereitschaft stärken, Verantwortung zu übernehmen, so Fritzsch weiter – „für die Verteidigung des Friedens in Freiheit, für unser Gemeinwesen und den Rechtsstaat. Bereitschaft, „sich für die innere und äußere Sicherheit unseres Vaterlandes mit ganzer Kraft einzusetzen.“
„Totengedenken“ erweitert
Dabei stellte Fritzsch, der selbst leitender Beamter der Bundespolizei war, besonders die Verantwortung von Polizistinnen und Polizisten heraus: „Sie riskieren täglich ihr Leben und ihre Gesundheit für die Sicherheit aller Menschen in unserem Land.“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier habe deshalb am Volkstrauertag erstmals an die im Einsatz ums Leben gekommenen Beamtinnen und Beamten in das Totengedenken mit einbezogen– ein starkes Zeichen der Anerkennung, so Fritzsch.
Generalsekretär Dirk Backen zeichnete die Entwicklung des Kriegsgrabes von der Antike bis in die Gegenwart nach. Gedenken sei komplex und gerade an den Gräbern von deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges zeige sich die Ambivalenz deutschen Gedenkens. Wer war Täter? Wer Opfer? Kann ein Täter auch Opfer gewesen sein? Darf man auch um diesen trauern?
Volksbund und Blaulicht-Organisationen
Beispiele für eine bereits bestehende Zusammenarbeit zwischen dem Volksbund und den Blaulicht-Organisationen auf Landesebene stellte Dr. Dirk Reitz, Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen, vor.
So beteiligen sich seit Jahren Landespolizei und Feuerwehr an den Gedenkveranstaltungen zum Luftkrieg in Dresden. Im kommenden Jahr werde auch die Bundespolizei daran mitwirken, hieß es in Lübeck. Weiteres Beispiel: In Unterfranken ist es für die Bundespolizistinnen und -polizisten des Aus- und Fortbildungszentrums in Oerlenbach schon jetzt Tradition, bei der Haus- und Straßensammlung unterwegs zu sein.
Gemeinsamkeiten in der Bildungsarbeit
Einen Einblick in den historisch-politischen Unterricht der Bundespolizei gaben Caroline Drexler vom Aus- und Fortbildungszentrum in Bamberg und Tobias Rosin vom Lehrbereich Aus- und Fortbildung in Lübeck.
Wie der Volksbund setzt auch die Bundespolizei dabei auf einen multiperspektivischen Ansatz. Beide Institutionen arbeiten mit Biographien, organisieren Zeitzeugengespräche, entwickeln Ausstellungen und bieten Exkursionen an. Immer stehen die Werte der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft im Mittelpunkt.
Ambivalenz des Krieges
Bei der abschließenden Podiumsdiskussion plädierte Detlef Fritzsch dafür, den Besuch einer Kriegsgräberstätte in das Curriculum der Akademie aufzunehmen: „Wäre es nicht bereichernd, wenn auch ein Soldatenfriedhof besucht würde, der die ganze Ambivalenz des Krieges verdeutlicht?“, fragte der Volksbund-Vizepräsident.
Der Volksbund ist ...
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 10.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
