Letzter gemeinsamer Winter: Die Schwestern Renate und Jutta genießen den Schnee. (© privat)
Nach 82 Jahren entdeckt: das Grab der kleinen Schwester
Erster Besuch auf dem Hamburger Friedhof am Volkstrauertag 2025
Gut 8.500 Kilometer muss Jutta Grönwoldt zurücklegen, wenn sie von Dallas im US-Bundesstaat Texas zum Volkstrauertag in ihre Geburtsstadt Hamburg reist. Bis vor kurzem ging die 85-Jährige davon aus, dass ihre jüngere Schwester dort im Juli 1943 in einem Massengrab bestattet wurde. Nun weiß sie: Renate hat ein eigenes Grab.
Das kleine Mädchen – eines der rund 40.000 Opfer des Hamburger Feuersturms vom 27. auf den 28. Juli – ruht auf der Kriegsgräberstätte Hamburg-Bergedorf. Diese Nachricht hat Jutta Grönwoldt Dr. Christian Lübcke zu verdanken, dem Geschäftsführer des Landesverbandes Hamburg. Für eine Ausstellung zu den Bergedorfer Kriegsgräberstätten hat er mehrere Biographien zusammengetragen – exemplarisch für jede Gruppe der dort bestatteten Kriegstoten.
Grab wegen des Alters ausgewählt
Auf der Suche nach der Geschichte eines zivilen Bombenopfers wählte er Renate Grönwoldt aus – ein Kind im Alter seiner eigenen Tochter. Das kleine Mädchen starb mit knapp zwei Jahren, nachdem britische und amerikanische Bomber mit der „Operation Gomorrha“ die Hansestadt in ein brennendes Inferno verwandelt hatten.
„Nimm Renate und folge mir!“
In dieser Nacht suchte Familie Grönwoldt Zuflucht in einem Luftschutzkeller nahe ihrer Wohnung im Stadtteil Rothenburgsort. Die Familie – das waren Vater Albert, Mutter Alma, die dreijährige Jutta und die knapp zweijährige Renate sowie die Großmutter Anna Grönwoldt-Götsch. Alma war erneut schwanger. Im Bunker saß Jutta auf dem Schoß ihres Vaters, während Renate sich in die Arme der Mutter kuschelte.
„Nach der Bombardierung sagte mein Vater zu meiner Mutter: ‚Alma, nimm Renate und folge mir nach draußen!‘“, erinnert sich Jutta Grönwoldt. „Als wir den Keller verlassen hatten, sah er, dass sie nicht hinterhergekommen war. Er setzte mich auf eine Bank und ging zurück, um nach meiner Mutter zu schauen. Dann stellte er fest, dass sie wegen des Sauerstoffmangels nicht mehr am Leben war. Renate brachte er mit nach draußen.“
Im Chaos der zerbombten Stadt
Mit einer schweren Kohlenmonoxidvergiftung wurde das kleine Mädchen ins Bergedorfer Krankenhaus gebracht, wo zeitgleich unzählige Verwundete eintrafen. Kurze Zeit später erlag es den Folgen der Vergiftung. Im Chaos der zerbombten Stadt verlor sich seine Spur. Jutta Grönwoldt glaubte über acht Jahrzehnte, ihre Schwester sei in einem Massengrab bestattet worden.
Auch Großmutter Anna überlebte den Bombenangriff nicht – ebenso fünf weitere Familienmitglieder. Sie wurde – wie ihre Schwiegertochter Alma und zahlreiche andere Bombenopfern – in einem Massengrab auf dem Friedhof Hamburg-Ohlsdorf beigesetzt.
Über Bayern in die USA
Da Vater Albert als Matrose zur See fuhr, kam die dreijährige Jutta zur Großmutter mütterlicherseits. Diese verstarb jedoch bei einem tragischen Unfall im Sommer 1947. Angeblich stürzte sie beim „Kohleklauen” von einem Kohlewaggon.
Daraufhin lebte Jutta zunächst bei der Familie ihres Onkels in Bayern und wuchs dann in Heimen auf. Als sie einen amerikanischen Seemann kennenlernte, zog sie mit ihm in die USA. Seit 1965 lebt Jutta mit ihrer Familie in Dallas, Texas.
In Hamburg ist Jutta Grönwoldt seither nie wieder gewesen. Ende der 1990er Jahre bat sie einen Bekannten, in der Hansestadt nach dem Grab ihrer Schwester zu suchen. Irrtümlicherweise teilte man ihm mit, es gäbe nur Massengräber.
Besuch am Grab
Christian Lübcke ließ die Geschichte der kleinen Renate nicht mehr los. Er recherchierte bei „Ancestry“, einer Plattform für Ahnenforschung, und fand ihre Sterbeurkunde und auch die Sterbeurkunde der Mutter. Schließlich machte der Historiker die Tochter von Jutta Grönwoldt in den USA ausfindig und kontaktierte sie.
Überglücklich nahm die Familie die Nachricht auf, dass Renate in einem Einzelgrab bestattet wurde, das heute noch existiert. „Ich bin wirklich beeindruckt und überwältigt, dass Licht auf dieses bedeutende, tragische Ereignis fällt“, schrieb Jutta Grönwoldt an Lübcke.
Zu ihrem 85. Geburtstag am 31. Oktober erhielt sie von ihrer Tochter Stephanie Shackelford Flugtickets nach Hamburg. So kann sie an der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag auf dem Bergedorfer Friedhof teilnehmen – an jenem Ort, an dem ihre kleine Schwester ihre letzte Ruhe gefunden hat.
Kein Einzelfall
Jutta und Renate Grönwoldts Schicksal ist kein Einzelfall. Während des Feuersturms im Sommer 1943 war die Versorgung der Verletzten und Bergung der Toten chaotisch. Massenhaft wurden Schwerverwundete in die wenigen noch funktionsfähigen Krankenhäuser gebracht. Ihre Namen wurden teilweise gar nicht oder fehlerhaft notiert.
Da es keine Adressen mehr gab, erhielten Angehörige keine Informationen über Beerdigungen. Ganze Familien wurden ausgelöscht und teilweise unter falschen Namen oder anonym bestattet, da niemand überlebt hatte, der sie identifizieren konnte.
Noch heute gibt es Kriegsgräber, von denen niemand etwas weiß. Noch immer gibt es Grabinschriften, die falsch oder fehlerhaft sind. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. kann auch im Inland dabei helfen, das zu ändern.
16. November: Die zentrale Gedenkstunde am Volkstrauertag im Bundestag mit dem italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella als Redner überträgt die ARD live ab 13.30 Uhr.
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Der Volksbund ist...
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 10.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
