Prinzessin Anne wird die erste offizielle Besucherin der Ausstellung in Mittelengland sein. Sie ist Schirmherrin des Volksbund-Partners, der Commonwealth War Graves Commission. (© Harald John / CWGC – Dave Chadwick)
Neue Ausstellung in Cannock Chase: Rückblick auf ein Jahrhundert
Der Volksbund eröffnet sein erstes „History Center“ und erinnert an Schiffskatastrophen, Zeppelin- und Flugzeugabstürze beider Weltkriege und an die zivilen Opfer
Sein Name war bekannt und gefürchtet: Heinrich Mathy, Kommandeur von Zeppelinen, die im Ersten Weltkrieg Tod und Zerstörung nach England brachten. In der neuen Ausstellung, die der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. am 17. September im englischen Cannock Chase eröffnet, findet sich sein Name ebenso wie eine Schultüte von 1915, Kriegsrezepte aus dem Jahr 1940 und ein Song von den Beatles.
Auf dem Friedhof in Staffordshire, der zentralen deutschen Kriegsgräberstätte in England, gibt es mehrere bemerkenswerte Dinge zu entdecken. Auf der leicht ansteigenden Fläche liegen Tote des Ersten und des Zweiten Weltkrieges bestattet – nur durch eine Bodenwelle getrennt. Die Friedhof liegt in einer „area of outstandig beauty“, einem sehr reizvollen Landschaftsschutzgebiet mit Heidecharakter.
Drei Zeppelin-Besatzungen
Auf einer kleinen Terrasse neben dem Gedenkraum sind drei Besatzungen von Luftschiffen bestattet und wie an kaum einem anderen Ort lässt sich die Entwicklung des Luftkrieges im 20. Jahrhundert an den Gräbern von fast 5.000 Toten besonders gut nachvollziehen. Der Volksbund tut dies nun mit einer modernen zweisprachigen, multimedialen Ausstellung.
Nirgendwo sonst hatte er bisher die Chance, ein Gebäude eigens für eine Ausstellung zu entwickeln. Der Komplex steht zwar unter Denkmalschutz, wurde aber von Grund auf saniert und wird künftig von Schulklassen und internationalen Besucherinnen und Besuchern als „History Center“ genutzt – ein würdiger Ort der Begegnung und des Lernens.
Deutsch-britisches Gemeinschaftswerk
Besonders eng war bei diesem Projekt die Zusammenarbeit mit dem britischen Partner, der Commonwealth War Graves Commission (CWGC). Dieser jahrzehntelangen Partnerschaft widmet die Ausstellung ein eigenes Kapitel.
Wer waren die Toten?
Indem sie Biographien nachzeichnet, folgt die Ausstellung einem bewährten Konzept. Heinrich Mathy etwa hatte als Luftschiffkapitän rund 34 Tonnen Bomben auf London abwerfen lassen, bevor er am 2. Oktober 1916 starb – als „L 31“ in Brand geschossen wurde und abstürzte.
Gerda Maiwald war vor dem Zweiten Weltkrieg nach Großbritannien gezogen, um dort zu arbeiten. Sie starb 1940 als Kriegsgefangene. Willi Schäfer war Bordschütze einer Dornier Do 217. 1943 kam er mit 23 Jahren an dem Tag ums Leben, an dem seine Tochter geboren wurde. Maximilian von Herff ist einer von zwei SS-Generälen, die in Cannock Chase bestattet sind.
Aus ganz England zusammengebettet
Zweiter Schwerpunkt ist die Geschichte des Friedhofs. Aus allen Teilen des Landes wurden Tote beider Weltkriege ab 1962 hierher umgebettet – auch Opfer von Schiffskatastrophen, die an Englands Küsten angespült worden waren.
Der deutsche Architekt Diez Brandi entwarf die Gebäude. Auf Wunsch erhielten Angehörige bei der Einweihung 1967 eine Teakholz-Urne mit Erde aus Cannock Chase – auch das ein Exponat in der Ausstellung.
Workcamps stärken Versöhnung
Der Volksbund-Landesverband Bremen übernahm die Patenschaft für den Friedhof und etablierte eines der traditionsreichsten Workcamps. Mehr als 60 Mal führte er deutsche und britische Jugendliche bisher an den Gräbern zusammen, was ebenfalls dokumentiert ist.
Wie sehr sich das deutsch-britische Verhältnis gewandelt hat, wird auch an anderer Stelle deutlich: Die Schultüte von 1915 mit militärischen Symbolen wie dem Zeppelin steht für das Feindbild auf beiden Seiten bis 1945 (das Original ist im Deutschen Historischen Museum Berlin zu sehen). Der Beatles-Song „All you need is love“ an einer Hörstation steht dagegen für eine Begeisterung, die keine Nationalitäten und Grenzen mehr kannte.
Szenographie führt durch den Raum
Danny Chahbouni, Ausstellungsexperte des Volksbundes und Referatsleiter Kommunikation, erklärt die Idee hinter der Ausstellung: „Die Szenographie führt den Besucher durch den Raum.“ Zwischen den geschwungenen Elementen, die ästhetisch einen Bezug zum Thema Luftkrieg herstellen, ist Platz für die Arbeit mit kleinen Gruppen. Auch das Beleuchtungskonzept ist darauf abgestimmt. Dunkle Ecken gibt es nicht.
Wandtapeten zeigen zum einen Szenen des brennenden Londons im Zweiten Weltkrieg, zum anderen einen Landschaftsausschnitt der Somme in Frankreich – „eine Referenz an die schweren Kämpfe bis 1918, die auf britischer Seite die meisten Toten forderten“, so Danny Chahbouni. Dazwischen fällt der Blick durch Fenster auf die deutschen Gräber in landschaftlich idyllischer Umgebung.
Diebstahl macht Sanierung nötig
Wechselvoll ist die Entstehungsgeschichte der Ausstellung: 2020 konzipiert, verzögerte Diebstahl das Projekt. Der Vandalismus blieb während der Pandemie lange unentdeckt: Unbekannte hatten das flache Kupferdach herausgerissen – das Gebäude nahm durch Feuchtigkeit derart großen Schaden, dass es von Grund auf saniert werden musste.
Der Volksbund brachte als Provisorium 2022 zunächst eine Wanderausstellung auf den Weg. Harald John, der als Abteilungsleiter Öffentlichkeitsarbeit den Prozess von Anfang an begleitet hat, bringt den Kern der mobilen und der Dauerausstellung so auf den Punkt: „Es geht um die deutsch-britische Geschichte in beiden Weltkriegen, um den herrlich gelegenen Friedhof, um die Beziehungen der Menschen untereinander damals und heute.“
„Für bessere Zukunft streiten“
Harald John zitiert den heutigen König Charles III., der 2020 beim Volkstrauertag im Bundestag gesagt hatte: „Lassen Sie uns aller Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Verfolgung gedenken (…) Sie inspirieren uns, für eine bessere Zukunft zu streiten – lassen Sie uns dies zu unserem gemeinsamen Anliegen machen“ (mehr lesen) – dazu soll die neue Ausstellung beitragen.
Eröffnet wird sie am Donnerstag mit einem besonderen Gast aus dem Königshaus: Prinzessin Anne ist Schirmherrin der CWGC. Eine deutsch-britische Gedenkstunde auf der Kriegsgräberstätte schließt sich an die feierliche Eröffnung an.
Neues Kooperationsprojekt
Gemeinsam haben CWGC und Volksbund vor kurzem im englischen Porlock ein neues Projekt auf den Weg gebracht: Beide Partner wollen sich künftig intensiv im ganzen Land um die Gräber deutscher Kriegstoter kümmern, die nicht nach Cannock Chase umgebettet wurden (dazu: Ein Grabstein und eine Geschichte voller Trost und Hoffnung).
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Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
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