In der Steppe zwischen Wolgograd und Rostow, eine Grablage mit 16 Toten. Grabräuber hatten sie geöffnet, Erkennungsmarken und anderes gestohlen. Ein anonymer Hinweis führte die Volksbund-Umbetter 2025 an diesen Ort. (© Volksbund)
Nur halb so viele Exhumierungen wie im Vorjahr
Volksbund-Arbeit vor allem in Russland stark eingeschränkt
Die Zahl der Ausbettungen sank innerhalb von einem Jahr um fast die Hälfte: Mehr als 11.000 Tote des Zweiten Weltkrieges waren es 2024, im vergangenen Jahr nur etwa 5.500. Arne Schrader erklärt, warum. Er leitet die Abteilung Kriegsgräberdienst beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V..
Der Volksbund exhumierte in elf Ländern – von Nordmazedonien über Ungarn bis nach Litauen. Für sieben Länder (inklusive Deutschland) hatte er über 10.000 Umbettungen vorbereitet und angemeldet. In vier weiteren reagierte er vor allem auf Zufallsfunde.
Ukraine und Belarus
Mehr Tote als erhofft bargen die Teams in Belarus und in der Ukraine, weniger vor allem in Russland. Ein Grund: der Ukraine-Krieg. Haupteinsatzgebiete in Russland wie Kursk oder Belgorod liegen zu dicht an umkämpften Regionen.
Ein zweiter: Ausbettungen sind grundsätzlich nur mit Genehmigung regionaler Behörden möglich. In der angespannten internationalen Lage seien manche Entscheidungsträger vor Ort verunsichert und erteilten lieber keine Genehmigung, als möglicherweise Fehler zu machen, erklärt der Abteilungsleiter.
Dass trotzdem die Zahl 1.649 für Russland in der Statistik steht, hat auch damit zu tun, dass dem Volksbund Gebeine übergeben wurden, die russische Suchgruppen exhumiert hatten. „Gebeinübernahme” sagen die Experten dazu.
Abkommen hat Bestand
Zugrunde liegt der Volksbund-Arbeit in Russland das Kriegsgräberabkommen von 1992. Daran halte sich die russische Regierung nach wie vor, betont Schrader. Aber: Da Deutschland seit Beginn des Ukrainekrieges in Russland als „unfreundlicher Staat“ gelistet sei, hätten die Kompetenzen der bisherigen Partnerorganisation in Russland nicht mehr ausgereicht, um reibungslose Arbeit vor Ort zu garantieren.
Dank einer diplomatischen Initiative, in die viele Instanzen eingebunden waren und die von der Deutschen Botschaft in Moskau unterstützt wurde, sei es gelungen, die russische Regierung zu einem Neustart zu bewegen, ergänzt der Leiter des Volksbund-Büros in Moskau, Hermann Krause.
Neuer Partner in Russland
Dem Volksbund soll ab 2026 eine neue russische Institution als Partner für die Umsetzung seiner Aufgaben zur Seite stehen. Dann werde die Zahl der Genehmigungen wieder deutlich steigen, so die Hoffnung der Experten. Für 2026 setze die Abteilung Kriegsgräberdienst wieder 4.000 Exhumierungen in der Russischen Föderation an.
Das Kriegsgräberabkommen beruhe auf Gegenseitigkeit, betont Schrader. Denn auch in Deutschland birgt der Volksbund jedes Jahr auf Antrag von Kommunen Kriegstote – auch sowjetische. Welcher Nationalität sie waren – ob ukrainisch, russisch, weißrussisch … – lässt sich meist nicht klären, wobei der Volksbund nicht nach Nationalitäten unterscheidet, sondern alle Kriegstoten gleichbehandelt.
Gräbernachweis bereitet vor
„Das Referat Gräbernachweis bereitet im Winter die kommende Saison vor“, erklärt Schrader, „und die Abteilung legt fest, wo wir arbeiten wollen.“ Zugrundeliegende Unterlagen kommen aus dem Volksbund-Archiv, dem Bundesarchiv und aus lokalen Beständen jeweils vor Ort.
Dazu gehören Dokumente, aber auch Erinnerungen oder Überlieferungen von Zeitzeugen. „Erfassung“ möglicher Grablagen ist der Fachbegriff. Das alles fließt in die Pläne für das neue Jahr ein.
Späte Entscheidung zu Bundeshaushalt
2025 gab es weitere Hürden: die allgemein angespannte Haushaltslage beim Volksbund und die lange Durststrecke mit Blick auf die Haushaltsmittel des Bundes: Durch den Regierungswechsel stand erst Ende September definitiv fest, wieviel Geld das Auswärtige Amt für das laufende Jahr zahlen würde.
Zum ersten Mal seit etlichen Jahren stieg die Summe um zwei Millionen Euro für alle Volksbund-Aufgaben. Ein kleiner Teil floss in den Umbettungsdienst, doch kam die Entscheidung zu spät für die meisten noch offenen Projekte der Saison 2025. „Innerhalb von drei Monaten bis zum Jahresende sind neue Umbettungsprojekte im Ausland inklusive Genehmigungen nicht umzusetzen,“ betont Schrader. Immerhin war die Exhumierung von 97 Toten in Litauen mit den zusätzlichen Mitteln noch möglich.
Zahl der Länder reduziert
„In den letzten drei Jahren mussten wir aus Geldmangel die Zahl der Länder, in denen wir aktiv suchen, reduzieren und gleichzeitig den Personalstamm des Umbettungsdienstes im Ausland verkleinern“, so Arne Schrader weiter.
Der Fokus der aktiven Suche liege weiter auf der Ukraine, Belarus, Polen, Ungarn, Kroatien und eben Russland. In allen anderen Ländern entsende der Volksbund bei Notausbettungen und Gebeinfunden verfügbares Personal. So waren Umbetter 2025 insgesamt in elf Ländern im Einsatz. 2023 waren es noch 16 Länder.
In Serbien zum Beispiel, wo mit „Erfassungen“ vieler Grablagen bestmögliche Vorarbeit schon geleistet ist, plane der Volksbund nach wie vor keine Einsätze – „weil wir dort trotz neu abgeschlossenem Kriegsgräberabkommen noch immer keine konkreten Ansprechpartner haben“, so Arne Schrader.
Spende und Freiwilligen-Einsätze
Hilfe kommt von anderer Stelle: Seit einigen Jahren bildet der Volksbund mit Mitteln der Eva Mayr-Stihl-Stiftung Freiwillige zu Umbettern aus – ein neuer Lehrgang steht bevor, eine Warteliste ist bereits voll. 15 Personen werden derzeit bei exponierten Grablagen eingesetzt.
„Insgesamt sorgten die Freiwilligen dafür, dass schon mehr als 600 Kriegstote exhumiert werden konnten und ein würdiges Grab erhalten“, sagt Schrader dankbar. Einsatzorte 2025 waren unter anderem Narva-Jöesuu in Estland und Kumanovo in Nordmazedonien.
2025 spendete die Stiftung außerdem zwei Profi-Tiefensonden, wie sie Kampfmittelräumdienste einsetzen. Über drei solcher Spezialgeräte verfügt der Umbettungsdienst damit jetzt.
Gefahr, dass Gräber verlorengehen
Die Arbeit geht also weiter. Aber: „Wenn wir Einzelmaßnahmen in weit entfernten Regionen Europas hintenanstellen, wächst die Gefahr, dass Gräber verlorengehen“, betont der Experte. „Schwindende Ressourcen haben also direkte negative Auswirkungen auf noch zu klärende Schicksale.“ Das sei für ihn – selbst Angehöriger mehrerer Kriegstoter – ein unhaltbarer Zustand.
Immerhin nimmt der Volksbund 2026 die aktive Suche nach Kriegstoten in Estland und Lettland wieder auf und wird erstmals systematisch in Nordmazedonien nach Kriegstoten suchen. Der Grund: Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat im November auch für 2026 eine Mehrzuwendung beschlossen, die das möglich macht.
Blick auf die Statistik
Russland: 1.649 exhumierte Tote (z.T. Gebeinübernahmen)
Polen: 1.132
Belarus: 1.116
Ukraine: 825
Kroatien: 201
Bosnien-Herzegowina: 132 (sämtlich Gebeinübernahmen)
Litauen: 97
Estland: 63
Ungarn: 61
Nordmazedonien: 40
Montenegro: 3
Deutschland: 222
gesamt: 5.541 ausgebettete Tote
Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Darüber informiert der Kriegsgräberdienst. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
jetzt unterstützen
zur Startseite
