Sie tragen die Botschaft, die von den dunklen Schatten der Geschichte Rigas ausgeht, in ihre Heimatstädte – sogar bis nach Prag. (© Lena Wiele)
„Selbst der schönste Ort kann zum schrecklichsten werden“
Erinnerung an Riga: Jugendliche aus 23 Städten werden zu Botschaftern – Projekt von Volksbund und Bethe-Stiftung
Joscha kommt aus Petershagen, 1.500 Kilometer von Riga entfernt. Jüdinnen und Juden fuhren diese Strecke vor 85 Jahren in Waggons in den Tod. Mit 27 anderen Jugendlichen ist der 16-Jährige in die lettische Hauptstadt gereist, um „Botschafter der Erinnerung“ zu werden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. und die Bethe-Stiftung hatten dazu eingeladen.
Alle sind in Städten zu Hause, die dem Deutschen Riga-Komitee angehören – weit über 80 sind das inzwischen. Von dort rollten 1941/42 Deportationszüge aus dem Deutschen Reich in die lettische Hauptstadt.
Das Komitee ist ein europaweit einzigartiges Bündnis der Erinnerung, das der Volksbund initiiert hat. Dass Petershagen in Ostwestfalen dazugehört, ist dem städtischen Gymnasium zu verdanken – Jugendlichen wie Joscha, Levi und Jocelyne. Alle drei waren in Riga dabei.
Schule sorgt für Mitgliedschaft
In Petershagen lenkt der Differenzierungskurs Geschichte/Religion – ergänzend zum regulären Unterricht – den Blick auf Nationalsozialismus und den Holocaust. Die Volksbund-Ausstellung zu Riga machte das Städtebündnis an der Schule bekannt. Lehrerin Heike Tschöpe lernte es bei einer Delegationsreise näher kennen.
Daraufhin recherchierte der Kurs den Leidensweg jüdischer Familien aus Petershagen: Alle gehörten zu den rund 25.000 Jüdinnen und Juden, die in die lettische Hauptstadt deportiert wurden. „Warum sind wir nicht Mitglied im Riga-Komitee?“, fragten die Jugendlichen vor zwei Jahren.
„Ich möchte den nächsten Schritt gehen“
Auf Initiative des Gymnasiums beschloss der Stadtrat, dem Komitee beizutreten, der Kurs gestaltete den Festakt mit. „Ich möchte den nächsten Schritt für meine Schule gehen”, sagte Jocelyne (15), als sie sich für die Reise bewarb. „Ich möchte mehr über die Geschichte meiner Heimat während der NS-Zeit erfahren und dazu beitragen, dass dieses Thema präsent in den Köpfen der Menschen wird und bleibt.“
Der Mann, der Juden rettete
Inzwischen ist die Reise zu Ende, gestern kehrten die „Botschafter der Erinnerung“ nach Hause zurück. Die Idee hinter dem Projekt: Die 15- bis 21-Jährigen sollen die Erinnerung an die Holocaust-Opfer aus ihrer Heimat wachhalten und genau dort weitertragen, wo sie als jüdische Mitbürger, Nachbarn, Freunde gelebt haben. Darum recherchierten alle in der Gruppe vor Abflug eine Biographie.
In Riga haben sich Workshops, Führungen und Besuche abgewechselt. Ilya Lensky, Direktor des Museums der Juden in Lettland, hat die Gruppe durch die Stadt geführt. Die Jugendlichen haben den Bahnhof Šķirotava gesehen, an dem die Deportationszüge ankamen, und die Geschichte von Žanis Lipke gehört. Der Lette hatte Dutzende Jüdinnen und Juden jahrelang versteckt, versorgt, gerettet.
Land, Leute, Geschichte, Kultur
Verteidigungsattaché Christoph Karich sprach in der Deutschen Botschaft mit den jungen Gästen über Erinnerungskultur in Lettland und die aktuelle Sicherheitslage. Im „Okkupationsmuseum“ ging es um Lettland und Osteuropa zwischen Hitler und Stalin und bei der Deutsch-Baltischen Zukunftsstiftung lernte die Gruppe viel über Land und Leute, über die lettische Geschichte und Kultur.
Im Zentrum aber stand die Gräber- und Gedenkstätte Bikernieki. Vor 25 Jahren wurde sie dank des Riga-Komitees inmitten von Massengräbern angelegt. In diesem Waldstück war der Großteil der Jüdinnen und Juden aus Städten im Deutschen Reich ermordet und verscharrt worden.
Führung am Erschießungsort
Die Führung am Ort der Erschießungen, das Treffen mit dem Architekten der Gedenkstätte, Sergey Rizs, der Pflegeeinsatz mit lettischen Schülerinnen und Schülern, eine gemeinsame Gedenkveranstaltung – all das dürfte zu den prägendsten Eindrücken der Reise zählen. Auch der Architekt stellte fest: „Für mich war das ein unvergessliches Erlebnis.“
Was kommt jetzt?
Wie geht es weiter? Diese Frage stand beim Abschluss-Workshop im Raum. Wie können die „Botschafter der Erinnerung“ weitergeben, was sie gesehen und gelernt haben, was sie erschüttert hat, was ihnen persönlich wichtig ist?
Joscha hatte im Vorfeld erklärt: „Ich möchte in meiner Generation das Bekenntnis ‚Nie wieder!‘ mit Leben füllen.“ Und Levi (16) hatte davon gesprochen, „was für ein Glück wir haben, dass wir heute aufgeklärt sind und wissen, was die Nazis gemacht haben. Das möchte ich weitergeben“ – vor allem angesichts des Rechtsrucks in vielen Ländern Europas.
Video-Blog, Vorträge, Artikel
Levi und Joscha haben einen Video-Blog zur Reise produziert, der am Gymnasium Petershagen und beim jüdischen Laubhüttenfest gezeigt werden soll, das die Schule organisiert. Levi kann sich außerdem vorstellen, im Riga-Komitee aktiv zu bleiben. Die beiden und Jocelyne wollen Riga und den dunklen Bezug zu ihrer Heimatstadt mehr ins Bewusstsein rücken. Sie wollen an ihrer Schule Vorträge halten. Auch Veröffentlichungen in der Lokalzeitung sind eine Option.
Andere wollen den Holocaust-Gedenktag mitgestalten und auch dafür die Biographien ausarbeiten, die sie recherchiert haben. Posts für Social Media-Kanäle und Artikel für eine Schulzeitung sollen entstehen. Auch Initiativen, dass weitere Städte Mitglied im Riga-Komitee werden, kamen zur Sprache.
In kleinen Gruppen formulierten die Jugendlichen Botschaften: „Jeder hat eine persönliche Verbindung zum Nationalsozialismus”, heißt es da. Und: „Selbst der schönste Ort kann zum schrecklichsten werden.”
„Die Schatten über Riga sollten uns heute davor warnen, niemals mehr Hass über Liebe gewinnen zu lassen.“
Botschaft aus dem Abschluss-Workshop
Auch einen Appell formulierten die Jugendlichen: immer wachsam sein und nicht erst in der Katastrophe Widerstand leisten, sondern so früh wie möglich.
Spenden-Verdoppelungsaktion
Diese Reise war der Auftakt des Projekts „Botschafter der Erinnerung“. Weitere Reisen für Jugendliche und junge Erwachsene sollen in den kommenden Jahren folgen. Dafür hatte der Volksbund um Spenden gebeten. Die Bethe-Stiftung aus Köln / Bergisch-Gladbach hat sie verdoppelt und weitere Unterstützung zugesagt.
Damit wächst das Netzwerk der Erinnerung. Bisher hat das Riga-Komitee mit Reisen und Treffen vor allem Delegierte der Städte und Kommunen angesprochen. Die Riga-Ausstellung wird in öffentlichen Einrichtungen gezeigt und auf Anfrage gerne zur Verfügung gestellt (Kontakt). Dazu gibt es pädagogisches Begleitmaterial.
„Die Reise nach Riga ist für mich unvergesslich und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Gelegenheit bekommen habe.“
Jocelyne Korff (15)
„Ein richtig tolles Projekt”
Landes- und Bezirksverbände des Volksbundes nutzen das Material zum Riga-Komitee für ihre Bildungsarbeit. Der Bezirksverband Ostwestfalen-Lippe etwa organisiert eigene Delegationsreisen. Eine der treibenden Kräfte: seine Vorsitzende, Regierungspräsidentin Anna Katharina Bölling.
Bildungsreferentin Lena Wiele gibt Workshops zum Thema und hat die Jugendlichen nach Riga begleitet. Ihr persönliches Fazit: „Ein richtig tolles Projekt. Ich kannte Riga schon, aber mit den Jugendlichen unterwegs zu sein, Eindrücke zu teilen und ihre Perspektiven kennenzulernen, hat die Tage so besonders wertvoll gemacht. Die Gruppe hat richtig Lust, weiter in Kontakt zu bleiben und vor allem das Gelernte und Gesehene in ihre Heimatstädte und Schulen zu tragen.“
Bewundernswertes Engagement
Sie bewundere das Engagement und die Motivation der Jugendlichen, sich freiwillig, außerhalb der Schule mit so komplexen und auch schmerzhaften Themen auseinanderzusetzen. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen werden die jungen Botschafterinnen und Botschafter nach Kräften unterstützen.
Mehr lesen Sie hier:
www.riga-komitee.eu
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Der Volksbund ist ...
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
