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Stete Arbeit an der Geschichte

Zum 8. Mai: Nachdenken über den Wandel der ukrainischen Erinnerungskultur

Der Wandel der ukrainischen Erinnerungskultur – das war das Thema einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion, zu der der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. gemeinsam mit dem „Dokumentationszentrum für Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ und dem Ukrainischen Institut in Berlin eingeladen hatte. Der Abend markierte gleichzeitig den Auftakt der Gedenkveranstaltungen zu 81 Jahre Kriegsende am 8. Mai.

 

Das Thema war klar gesetzt: Der russische Angriffskrieg verändert die Inhalte und die Bedeutung des Erinnerns – nicht nur in der attackierten Ukraine, sondern auch in Deutschland. Museumsleitungen, Historiker und andere Beteiligte müssen reagieren.
 

„Krieg hat alles verändert“

Die Osteuropa-Historikerin Dr. Kristiane Janeke aus dem Bundesvorstand des Volksbundes begrüßte die rund 150 Besucherinnen und Besucher im „Dokumentationszentrum für Flucht, Vertreibung und Versöhnung“. Der Krieg, so Janeke, habe alles verändert: Familienzusammenhänge, Friedhöfe, Denkmäler und Archive.

Auch in Zeiten des Krieges sei der Volksbund im Osten aktiv, so Janeke weiter: „Während wir in der Ukraine Weltkriegstote bergen, sterben Menschen in einem neuem Krieg.“ Vor diesem Hintergrund müsse man nachdenken, wie Erinnerung in Zeiten des Krieges geschützt werden könne. 
 

Gedenkwoche in Berlin 

Am Dienstag startete zugleich eine ukrainische Erinnerungswoche in Berlin. Dr. Kateryna Rietz-Rakul, Direktorin des Ukrainischen Institutes in Deutschland, sagte: „Wir erleben einen Erinnerungskrieg, in dem die ukrainische Identität zerstört wird.“ Der Kreml benutze nach wie vor die Erzählung vom Großen Vaterländischen Krieg, um das Streben der Ukraine nach Unabhängigkeit als Faschismus zu diskreditieren.

Sie habe beobachtet, dass sich das deutsche Gedächtnis lange Zeit nur auf die russische Sichtweise konzentriert habe, so Kateryna Rietz-Rakul. Aber historisches Denken sei nicht statisch. „Darum brauchen wir eine Erinnerungskultur, die die Ukraine nicht als Puffer oder Brücke versteht, sondern als souveränes Subjekt.“
 

Am 8. statt am 9. Mai gedenken

Die Ukrainerin Bozhena Kozakevych vom Deutsch-Polnischen Haus betonte in diesem Zusammenhang die Notwendigkeit einer „Entsowjetisierung“ der Erinnerungspolitik. Dazu gehöre auch, dass die Ukraine am 8. Mai des Sieges über Hitler-Deutschland gedenke, nicht wie die Russisches Föderation am 9. Mai. „Es geht darum, das koloniale Denken zu überwinden und das Eigene zu entdecken.“

Diese Sichtweise stützte Jörg Morré, Direktor des Museums Berlin-Karlshorst und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Volksbundes: „Wir haben in Karlshorst lange die Sowjetunion mit Russland gleichgestellt.“ Durch die Ukraine habe man die Chance, nachzuholen, das russlandzentrierte Denken zu relativieren.

 

Das Bild der „besiegten Sieger“

Moderator Dominik Tomenendal vom Volksbund konnte die Frage der Sichtweise an Yurii Savchuk, Generaldirektor des Nationalen Museums der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, weitergeben. „Leiten Sie ein ukrainisches Museum oder ein sowjetisches?“

Savchuks Antwort war eindeutig: Seit 1974 sei es das „Nationale Museum des Zweiten Weltkrieges“ gewesen, 2014 habe er den Namen geändert. „Aber das war nur eine Namensänderung. Mehr als zehn Jahre später sind wir erst dabei, vom sowjetischen Denken in ein ukrainisches Denken zu kommen.“
 

Eine neue Erzählung der Ukraine

Seit der russischen Invasion seien 22.000 neue Artefakte in die Ausstellung des Museums gekommen und würden den Blick auf Vergangenheit und Gegenwart täglich ändern. Mehr als eine Million Besucher hätten sich davon bereits überzeugt, sagte Savchuk.

Zur Erinnerungskultur der Gegenwart gehöre auch der Blick auf die Ukraine im Zweiten Weltkrieg. Yurii Savchuk: „Wir zeigen die Geschichte der ‚besiegten Sieger‘“.

Denkmäler und ihre Bedeutung

Wie sich Denkmäler in ihrer Bedeutung verändern, untersucht die Kunsthistorikerin Yevheniia Moliar. Nach wie vor versuche „die Kreml-Propaganda“, die Erzählung vom russischen Volk als „Siegervolk“ und der Bevölkerung der Sowjetstaaten als „Opfervolk“ zu etablieren. Dagegen helfe es nur, die Multinationalität der ehemaligen Sowjetunion zu betonen, denn seit Jahrzehnten dominiere Russland die Sicht auf den Zweiten Weltkrieg, sagte die Wissenschaftlerin.
 

Geschichte des Gedenkens

Wie aber umgehen mit diesem Wandel in der Erinnerungskultur, fragte Moderator Tomenendal. Yurii Savchuk berichtete, wie er den ukrainischen Anteil im Zweiten Weltkrieg immer stärker herausarbeite und um aktuelle Geschichten des neuen Krieges ergänze.

„Unser Museum erzählt also eine neue Geschichte des Gedenkens. Das Institut für das nationale Gedenken, eine Behörde, würde zudem die staatliche Erinnerungspolitik mit gestalten“, erklärte Savchuk. Hier würden Vorschläge gemacht, wie Straßen umbenannt werden oder Zeremonien für das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg verändert werden können.

„Erinnerungskulturen im Gespräch”

Die Veranstaltung gehörte zur Volksbund-Reihe „Erinnerungskulturen im Gespräch”. Schwerpunkte waren bisher:
Norwegen: Wenn Geschichte vergessen wird – Beispiel Norwegen
Ägypten: Erinnern an El Alamein: Starkes Statement für Volksbund-Arbeit
Kreta: „Viele tranken aus dem Fluss des Vergessens“
 
 

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Harald John Abteilungsleiter Fundraising-Kommunikation-Marketing (FKM)