Der US-Amerikaner Loren Hintz (links) und der Wehrmachtssoldat Heinrich Johann (rechts mit Familie) starben am selben Tag in Italien nur rund 30 Kilometer voneinander entfernt (© privat)
Tod zweier Soldaten am 21. April 1945 – Familien reichen sich die Hände
Zum Volkstrauertag 2025: Volksbund-Broschüre schlägt Brücke für deutsche-amerikanische Freundschaft
Im April 1945 treffen die deutschen und die alliierten Truppen an der „Gotenstellung” in Norditalien aufeinander. Am 21. April bricht die Verteidigung des Apennin zusammen. Zwei der Toten an diesem Tag: der Deutsche Heinrich Johann und der US-Amerikaner Loren Hintz. 80 Jahre später kommen ihre Familien in Bologna zusammen, um gemeinsam an sie zu erinnern. Ein Beispiel für Versöhnung, ausgehend von Italien – dem Schwerpunkt am Volkstrauertag 2025 im Bundestag.
First Lieutenant Loren Hintz startete am frühen Morgen des 21. April 1945 mit einer P-47 Thunderbolt vom Cesenatico Air Field zu seiner letzten Mission. Nahe Bagnarola wurde sein Flugzeug abgeschossen. Kaum 30 Kilometer entfernt sollte Oberschütze Heinrich Johann ein Munitionslager südöstlich der Ortschaft S. Giovanni in Persiceto räumen. Ein Aufklärungsflugzeug der Alliierten zwang die deutsche Kompanie, in Deckung zu gehen.
Von Partisanen getötet
„Nachdem das Flugzeug verschwunden ist, stellen die Soldaten fest, dass zwei ihrer Kameraden in der Zwischenzeit von Partisanen getötet und ausgeraubt worden sind. Einer von ihnen ist Heinrich Johann.“ Diese Zeilen druckte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in einer Broschüre zu den Kriegsgräberstätten ab, die er in Italien betreut.
Allein auf dem Futa-Pass sind die Namen von rund 30.800 Toten verzeichnet – Heinrich Johann ist einer von ihnen. Sein Enkel Stefan hatte den Tod des Großvaters recherchiert. Das kleine Volksbund-Heft schlug die Brücke zwischen den Familien beiderseits des Atlantik, die heute eng befreundet sind.
Angereist zur Einbettung
Die Tochter des US-Piloten, Gretchen Hintz Wronka, hatte das Heft mitgenommen, als sie den Futa-Pass im November 2019 besuchte. Der eigentliche Anlass ihrer Reise: die Einbettung der Gebeine ihres Vaters auf dem US-amerikanischen Soldatenfriedhof Florenz.
Die feierliche Zeremonie – in einem Video festgehalten – war der Schlusspunkt der Geschichte „Loren finden“, wie die Familie ihr Engagement und ihre Beharrlichkeit um der Gewissheit willen nannte. Denn sie hatte sich nicht zufrieden gegeben mit der Auskunft, dass von dem Leichnam des 27-jährigen US-Piloten kaum eine Handvoll sterblicher Überreste geblieben sein sollte. Das wollten vor allem die Witwe und die Tochter nicht glauben.
Fotos, Karte, Augenzeuge
Enkel Hans Wronka stieß auf eine Webseite für Veteranen mit Verbindungen zur P-47 Thunderbolt – dem Flugzeug, das sein Großvater geflogen hatte. Über zwei Jahrzehnte fügte sich ein Puzzleteil zum anderen. Der Durchbruch gelang schließlich mit Piero Fabbri – der italienische Pilot und Amateurforscher untersucht Fälle von abgeschossenen amerikanischen Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg .
Fabbri machte unter anderem einen Augenzeugen den Absturzes 1945 ausfindig. Dessen entscheidende Hinweise, die Personalakte, eine Schlachtkarte und Luftaufnahmen aus den letzten Kriegstagen trugen dazu bei, dass die Suche schließlich endete: Am 23. Juli 2016 wurden in einem Acker sowohl das Flugzeug-Wrack als auch die sterblichen Überreste von Loren Hintz gefunden und geborgen.
Kinder, Enkel, Urenkel
Drei Generationen waren bei der Bergung dabei: Lorens Kinder – Gretchen Hintz Wronka (geboren 1944) und Martin Hintz (geboren am 1. Juni 1945) –, fünf Enkel und drei Urenkel.
Virtuell die Hand reichen
Ein paar Monate später nahm die Tochter des US-Piloten den Flyer vom Futa-Pass wieder zur Hand – zum 75. Todestag von Loren Hintz. Als sie entdeckte, dass Heinrich Johann am selben Tag und in der derselben Region gestorben war, fragte sie beim Volksbund nach seinen Nachkommen. „Wenn möglich, möchte ich virtuell die Hand reichen für Frieden und Solidarität zwischen den Familien“, schrieb sie damals dem Volksbund.
Wenig später sahen sich die Familien aus Ettringen bei Koblenz und Minnesota bei einem virtuellen Treffen zum ersten Mal. Schnell entstand das Gefühl, einander schon lange zu kennen, und verband vor allem die beiden Enkel miteinander: Hans Wronka und Stefan Johann.
Neues Kapitel beginnt
„Wir sind es uns selbst, unseren Familien und vor allem zukünftigen Generationen schuldig, die Vergangenheit zu kennen, zu verstehen und daraus zu lernen“, schrieb Hans Wronka damals dem Volksbund. Stefan Johann sieht das genauso. Darum setzte er seine eigenen Recherchen an dem Ort fort, an dem sein Großvater mit 42 Jahren starb. „Meiner Oma habe ich versprochen, nicht eher Ruhe zu geben, bis wir Klarheit haben. Auch mir selbst bedeutet das sehr viel“, sagt der Enkel.
Munitionslager ist heute ein Bauernhof
Inzwischen hat der Enkel das Munitionslager bei S. Giovanni in Persiceto gefunden, das heute ein Bauernhof ist. Aus Briefen von Kameraden seines Großvaters weiß er, wer mit ihm zusammen dort getötet wurde: ein Soldat aus Wien, der bis heute als vermisst gilt.
Er fand heraus, dass beide in einem Massengrab auf dem Zentralfriedhof San Giovanni in Persiceto beigesetzt und später vom Volksbund auf den Futa-Pass umgebettet worden waren. Stefan Johann sucht weiter – jetzt hofft auf persönliche Gegenstände seines Großvaters, die vielleicht jemand in der Gegend noch aufbewahrt.
Nicht nur der Todestag verbindet
„Es gibt so viele Parallelen in unseren Familien”, sagt der 58-jährige Deutsche. „Beide Opas wollten nie in den Krieg, und auch menschlich waren sie sich offenbar sehr ähnlich. Meine Mutter und Hans‘ Vater stammen beide aus Ostpreußen, wurden 1945 vertrieben. Beide haben ähnliches erlebt und geschildert. Und auf beiden Seiten gibt es einen Uropa, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hat.“ Der Kontakt sei für ihn wie ein Geschenk.
Der 54-jährige US-Amerikaner sagt: „Wir haben die Familien anderer amerikanischer Flieger gefunden, die ebenfalls in Italien gestorben sind. Es war nur natürlich, sich bald zu fragen, wer die Leute waren, gegen die die Amerikaner kämpften, und umgekehrt. Es liegt an uns, diese Verbindungen weiterhin herzustellen und das Erbe unserer Vorfahren weiterzuführen.“
Die Geschichte geht weiter
Und Gretchen? 80 Jahre nach dem Tod der beiden Soldaten machte sie sich wieder auf den Weg – erst nach Deutschland, um dem Sohn des Deutschen, Erhard Johann, die Hand zu reichen. Und dann nach Bologna, wo beide Familien im Sommer 2025 gemeinsam der Toten gedachten.
Auch Aurélie war dabei, die Urenkelin des Wehrmachtssoldaten. Sie erzählt diese deutsch-amerikanische Versöhnungsgeschichte aus ihrer Perspektive in der nächsten Ausgabe der FRIEDEN, der Mitgliederzeitschrift des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., die Anfang Dezember erscheint.
16. November: Die zentrale Gedenkstunde am Volkstrauertag im Bundestag mit dem italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella als Redner überträgt die ARD live ab 13.30 Uhr.
Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 10.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen.
Für seine Arbeit ist der Volksbund dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
