Namentafeln und Grabkreuze auf der Kriegsgräberstätte Narva. Dort will der Volksbund im Herbst die geborgenen Toten einbetten. (© Volksbund-Archiv)
Volksbund intensiviert die Arbeit in Estland
Exhumierungen im Baltikum dank Sonderzuwendung des Bundes möglich
Sie hatten eine lange Anreise von Viimsi im Nordosten Estlands nach Niestetal bei Kassel: Hellar Lill, Direktor des Kriegsmuseums in Tallinn (EWM), Berater Peep Reisser, Forscher Ranno Sõnum und Anton Pärn, Direktor des Museums in Haapsalu besuchten die Bundesgeschäftsstelle des Volkbundes. EWM ist seit einigen Jahren der staatliche Volksbund-Partner, Direktor Pärn arbeitet seit 1997 in unterschiedlichen Funktionen verlässlich mit der deutschen Kriegsgräberfürsorge zusammen.
Es ist eine gute Nachricht für Menschen, deren Angehörige in Estland und Lettland vermisst sind: Der Volksbund wird in diesem Jahr die aktive Suche nach Kriegstoten in den beiden baltischen Ländern wieder aufnehmen. Möglich wird das durch eine Mehrzuwendung des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages. Die Schicksalsklärungen werden fortgesetzt.
Besprochen wurde außerdem eine Erweiterung der Friedhofsgrenzen in Tallinn-Maarjamäe (deutsch: Reval-Marienberg), um die in der Nähe liegenden Gräber der dort ruhenden deutschen Kriegstoten unter behördlichen Schutz zu stellen. Die Namen dieser Toten sind bereits auf der Anlage verzeichnet. Der Friedhof wird von Esten und verstärkt jetzt auch von Deutschen besucht. Darum sollen neue Hinweisschilder angebracht werden.
Friedhöfe als Orte der Begegnung
Die estnischen Partner wünschen sich auch edukative Elemente wie Erklärtafeln. Eine Ausstellung würde die Kriegsgräberstätte zu einem Lernort aufwerten – hier verfügt der Volksbund über wertvolle Expertise. Die humanitäre Organisation bietet außerdem umfangreiche Bildungsarbeit an.
Seit etlichen Jahren werden Kriegsgräberstätten mit modernen Ausstellungen zu Lern- und Begegnungsorten ausgebaut. Die estnischen Kollegen werden die Deutsche Botschaft in Tallinn kontaktieren und den Volksbund um Unterstützung bitten. Auch digitale Grundlagen für eine Auftragsverarbeitung sollen geschaffen werden, um Grabschmuckwünsche von Angehörigen erfüllen zu können.
Im Raum Narva und Saaremaa
Im Moment wird an den Vergaben für Umbettungsarbeiten gearbeitet. Die Suche nach Kriegstoten wird für den Raum Narva und Saaremaa (deutsch: Ösel) geplant. Auch die estnischen Partner wollen verstärkt nach Informationen suchen, um möglicherweise noch unbekannte Grablagen zu lokalisieren und zu finden.
Gäste aus Estland und Gastgeber in Niestetal: (von links) Jobst Walter (Volksbund-Referatsleiter Pflege), Forscher Ranno Sõnum, Artur Berger (Umbettungsleiter Mitte), Volksbund-Generalsekretär Dirk Backen, Hellar Lill (Direktor Kriegsmuseum), Berater Peep Reisser, Arne Schrader (Abteilungsleiter Kriegsgräberdienst), Anton Pärn (Direktor Museum Haapsalu und Läänemaa). © Simone Schmid
Fragen an Artur Berger
Artur Berger, Leiter des Umbettungsbereichs Mitte, gibt Auskunft zur Arbeit in Estland:
Was ist das Besondere an der Arbeit in diesem Land?
Aufgrund der Haushaltslage der letzten Jahre war es dem Umbettungsdienst nicht möglich, dort systematisch zu arbeiten. Darum konnten auch Anfragen von Angehörigen nicht abschließend bearbeitet werden. Entsprechend unzufrieden waren die Angehörigen – aber auch wir, da wir diese Anfragen gerne beantworten möchten.
Wir müssen die notwendigen Arbeitsschritte initiieren, um eine Umbettung zu erwirken. Außerdem sind aufgrund der veränderten Sicherheitslage in Europa die baltischen Staaten stärker im Fokus und im Bewusstsein der Politik. Auch die Botschaften und die Zusammenarbeit in der Kriegsgräberfürsorge sind wichtig mit Blick auf die innereuropäische Zusammenarbeit.
Wann wird der Volksbund in Estland exhumieren?
Da wir dort bis dato nicht über eigenes Personal verfügen, ist zunächst eine Ausschreibung nötig. Sie wird demnächst veröffentlicht und wir hoffen, Bieter zu erreichen, die in der Lage sind, die Arbeiten nach unseren Maßstäben umzusetzen – und die sich auch im Rahmen unserer wirtschaftlichen Möglichkeiten bewegen.
Wo sind die ersten Exhumierungen geplant?
Da in den letzten Jahren keine systematische Arbeit möglich war, möchten wir zuerst die eingegangenen Angehörigenanfragen abarbeiten. Um welche Orte es sich handelt, möchte ich zum Schutze der Grablagen nicht im Vorfeld preisgeben.
Wer sind unsere Partner in Estland?
Von Seiten der estnischen Partner zur Erfüllung des Kriegsgräberabkommens ist das Kriegsmuseum in Tallinn (Eesti Sõjamuuseum) unser Ansprechpartner. Mit der Delegation des Museums, die uns in der Bundesgeschäftsstelle besuchte, haben wir uns auf einen grundsätzlichen Prozess geeinigt. Dabei ging es auch darum, welche administrativen Regelungen zu beachten sind. Im Nachgang sind die Details zu klären, das ist ein fortzuschreibender Prozess.
Wenn wir mit den Umbettungsarbeiten beginnen, werden neue Herausforderungen auf uns warten, die wir aber gemeinsam mit den Kollegen des Kriegsmuseums bewältigen werden. Von der Deutschen Botschaft in Tallinn erhalten wir sehr viel Unterstützung, wie ich bei einem Besuch Anfang Februar erfahren durfte. Die Arbeit in Estland wird eine Herausforderung für uns sein, aber ich bin dem Kriegsmuseum und der Botschaft für ihr Zutun bei der Wiederaufnahme unserer Arbeit sehr dankbar.
Wie viele Grablagemeldungen liegen vor?
Dokumentarisch überliefert sind die Grablagen von rund 3.100 Toten, die wir noch nicht geborgen haben. Dazu kommen noch etwa 5.000 Soldaten, deren Exhumierung aus unterschiedlichen Gründen in den vergangenen 30 Jahren nicht möglich war. Eine erneute Prüfung, ob wir dort jetzt exhumieren können, erscheint mir sinnvoll.
Werden Angehörige vorab informiert, dass dort gearbeitet wird?
Üblicherweise werden Angehörige nicht im Vorfeld informiert. Nach der Bearbeitung der Umbettungsdokumentation durch das Referat Gräbernachweis und amtlicher Bestätigung durch das Bundesarchiv in Berlin erhalten sie Nachricht, wenn ihr Angehöriger geborgen und identifiziert werden konnte.
Wird es eine Einbettung in Estland geben?
Es ist geplant, Mitte September auf der Kriegsgräberstätte in Narva geborgene Tote einzubetten. Die Deutsche Botschaft und Vertretern des Kriegsmuseums haben ihre Teilnahme bereits signalisiert.
Lesen Sie mehr im Bericht über einen punktuellen Einsatz 2025: Werden wir ihn finden? – Die vermissten Toten der Narvaschlacht und im Artikel über die Kriegsgräberstätte in Tallinn: Kriegsgräberstätte Maarjamäe: Wie geht es in Tallinn weiter?
Der Volksbund ist ...
… ist ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
