Zum ersten Mal weltweit wurden bei der Somme-Offensive am 15. September 1916 in der Schlacht um Flers-Courcelette massenhaft Panzer eingesetzt. (© John Warwick Brooke, Imperial War Museum, Q5574 via Wikimedia Commonsons)
Von Verdun bis zur Brussilow-Offensive: 1916 – die Welt in Flammen
#volksbundhistory über das Jahr, in dem der moderne Krieg seine zerstörerische Gewalt voll entfaltete
Verdun, Skagerrak, Somme oder die Brussilow-Offensive – Ereignisse und Namen, die wir bis heute mit dem Jahr 1916 verbinden. Dennoch lösten diese Schlachten des Ersten Weltkrieges trotz gewaltiger Verluste an Menschenleben und enormem Materialeinsatz das strategische Patt zwischen den Mittelmächten (Hauptakteure Deutsches Reich, Österreich-Ungarn) und der Entente (Hauptakteure Großbritannien, Frankreich, Russland) nicht auf.
Der Krieg hatte sich seit 1914 grundlegend verändert: Die bunten Uniformen und Kavallerieattacken der Anfangszeit waren dem Grau des industrialisierten Stellungskrieges gewichen. Maschinengewehre, Artillerie und Stacheldraht verliehen der Defensive eine bis dahin unbekannte Überlegenheit.
Unter dem Hashtag #volksbundhistory berichten wir in einem Blog von historischen Ereignissen und liefern Hintergrundinformationen.
Unser Autor heute: Dr. Dirk Reitz. Der Historiker ist Geschäftsführer des Volksbund-Landesverbandes Sachsen.
Wendepunkt der Kriegsführung
Die gescheiterten Offensiven des Jahres 1916 markierten zugleich einen Wendepunkt der Kriegführung. Der hohe Blutzoll zwang die Armeen zu taktischen und technischen Neuerungen. Auf deutscher Seite entstanden Stoßtruppverfahren und bewegliche Angriffsformationen, während Briten und Franzosen den „Tank” (Panzer) als neue Waffe einführten.
Das Gefechtsfeld gewann an Tiefe – gestaffelte Verteidigungsstellungen und Reserven im Hinterland sollten Durchbrüche auffangen. Auch die Heere selbst wandelten sich: Kavallerie kämpfte zunehmend „abgesessen“ – die Kavalleristen verloren ihre Pferde und fochten als „Kavallerieschützen“ nicht anders als die reguläre Infanterie. Die Zahl der Maschinengewehre stieg drastisch und Reserveoffiziere ersetzten die hohen Verluste des aktiven Offizierskorps.
Primat der militärischen Führung
1916 stand im Zeichen der relativen Dominanz des Militärischen über der Politik. Politische Initiativen zur Begrenzung oder Neuformulierung der Kriegsziele blieben aus. Insbesondere in Deutschland verstärkte sich mit Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und dessen Stellvertreter, General Erich Ludendorff, das Primat der militärischen Führung – manche Autoren sprechen gar von Miliärdiktatur.
Gleichzeitig weitete sich der Krieg geographisch aus. Während die Aufmerksamkeit bis heute vor allem auf Frankreich gerichtet ist, ereigneten sich auf dem Balkan, im Osten Europas und im Nahen Osten Entwicklungen von erheblicher Tragweite.
Folgen bis in die Gegenwart
Rumänien trat auf Seiten der Entente in den Krieg ein, um Siebenbürgen zu gewinnen. In Mesopotamien gelang osmanischen Truppen unter deutscher Führung die Einkesselung und Gefangennahme einer britisch-indischen Armee bei Kut-el-Amara. Parallel dazu ordneten Frankreich und Groß-Britannien mit dem Sykes-Picot-Abkommen den Nahen Osten neu – eine Entscheidung, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen.
Mit dem fortdauernden Krieg wurden immer mehr Staaten, Volkswirtschaften und Gesellschaften in den Konflikt hineingezogen. Die Vereinigten Staaten unterstützten zunächst wirtschaftlich und finanziell die Entente und banden sich damit zunehmend an deren Schicksal. Der europäische Staatenkrieg entwickelte sich Schritt für Schritt zum Weltkrieg.
Größte Seeschlacht ihrer Zeit
Eine Konstante europäischer Militärgeschichte zeigte sich erneut in der Überlegenheit der See- und Flügelmächte gegenüber den kontinentalen Mittelmächten. Deutschland und Österreich-Ungarn blieben wirtschaftlich und maritim strukturell unterlegen. Weder gelang es, die britische Seeblockade wirksam zu brechen, noch konnten die Flotten der Mittelmächte entscheidende Erfolge erringen.
Die Skagerrakschlacht vom 31. Mai 1916, die größte Seeschlacht ihrer Zeit, endete strategisch zugunsten Großbritanniens. Effektiver erwies sich langfristig der U-Boot-Krieg, dessen Eskalation Deutschland jedoch zunächst aus Rücksicht auf die Neutralität der USA vermied.
In Verdun und an der Somme
Prägend für das Jahr 1916 wurden vor allem die Schlachten von Verdun und an der Somme. Beide Operationen entwickelten sich zu monatelangen Materialschlachten mit minimalen Geländegewinnen und ungeheuren Verlusten.
Vor Verdun griffen deutsche Truppen an, während an der Somme Briten und Franzosen offensiv vorgingen. In beiden Fällen überschätzten die Planer die Wirkung vorbereitenden Artilleriefeuers und unterschätzten die Widerstandskraft der Verteidigung.
Fast 60.000 Briten starben am 1. Juli
An der Somme verlor die britische Armee am 1. Juli 1916 innerhalb weniger Stunden fast 60.000 Soldaten – der blutigste Tag ihrer Militärgeschichte. Auch vor Verdun blieb der deutsche Angriff nach anfänglichen Erfolgen stecken.
General von Falkenhayn verfolgte dort die Idee, Frankreich an einem symbolisch wichtigen Punkt „auszubluten“. Doch die Kalkulation ging nicht auf; die deutschen Angriffe wurden im Herbst eingestellt.
Bündnispartner ohne einheitliche Linie
Charakteristisch für den Krieg war zudem die mangelnde Koordination der Bündnispartner. Sowohl Mittelmächte als auch Entente handelten lange Zeit ohne einheitliches Oberkommando. Nationale Interessen, Prestigedenken und Rivalitäten der Oberbefehlshaber erschwerten eine abgestimmte Kriegführung. Erst allmählich verbesserten insbesondere die Westalliierten ihre Zusammenarbeit.
Von großer Bedeutung war zugleich die Brussilow-Offensive der russischen Armee im Sommer 1916. Sie brachte Österreich-Ungarn an den Rand des Zusammenbruchs und zwang Deutschland dazu, erhebliche Verstärkung zu entsenden. Der Kriegseintritt Rumäniens verschärfte die Lage der Donaumonarchie zusätzlich.
Bevölkerung litt immer mehr
Währenddessen belastete der Krieg das Leben der Bevölkerung immer mehr. Rationierte Lebensmittel, staatliche Bewirtschaftung und Dienstpflicht prägten den Alltag. Bei den Mittelmächten verschlechterte sich die Versorgungslage dramatisch und kulminierte im Steckrübenwinter 1916/17.
Großbritannien führte erstmals die allgemeine Wehrpflicht ein, während sich zugleich das Gravitationszentrum der Weltfinanz zunehmend von London nach New York verlagerte.
Industrialisierter Krieg entfesselt
Das Jahr 1916 steht daher sinnbildlich für die totale Entfesselung des industrialisierten Krieges. Die gewaltigen Verluste an der Somme, vor Verdun oder in Galizien zeigten, dass die traditionellen Vorstellungen militärischer Entscheidungsfindung versagt hatten.
Zugleich kündigten sich bereits jene politischen und gesellschaftlichen Umbrüche an, die 1918 zum Zusammenbruch der alten europäischen Großreiche führten.
Kollektives Gedächtnis unterschiedlich
Bis heute erinnern die Soldatenfriedhöfe und Gedenkstätten von Verdun und an der Somme an das Massensterben jenes Jahres. Doch die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ist in Europa unterschiedlich ausgeprägt. Während er in Großbritannien und Frankreich tief im kollektiven Gedächtnis verankert blieb, wurde er in Deutschland vom Schatten des Zweiten Weltkriegs überlagert.
Gerade deshalb lohnt der Blick auf das Jahr 1916 – jenes Jahr, in dem Europa in Flammen stand und der moderne Krieg seine zerstörerische Gewalt voll entfaltete.
Text: Dr. Dirk Reitz, Geschäftsführer des Volksbund-Landesverbandes Sachsen
Ein Langfassung des Artikels mit Fußnoten, Quellenangaben und Literaturverzeichnis finden Sie hier.
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Lesetipps
1. Fergusson, Niall: The Pity of War. Penguin 1998.
2. Hirschfeld Gerhard, KRUMEICH Gerd, RENZ Irina PÖHLMANN Markus (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Paderborn 2014.
3. Jentsch, Christian / WITT, Jann: Der Seekrieg 1914-1914. Die kaiserliche Marine im Ersten Weltkrieg. Darmstadt 2016.
4. Keegan, John: Das Antlitz des Krieges. Frankfurt a.M./New York 1991.
5. McMeekin, Sean: The Ottoman Endgame. Penguin 2015.
6. Münkler Herfried: Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918. Berlin 2013.
7. Rauchensteiner, Manfred: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie. Wien, Böhlau, 2013.
8. Stone, Norman: World War One, A short history. London 2007.
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