Ein Partner für Lehrkräfte und Schulen?

4. Juni 2019

Walter-Johannes Herrmann (dritter von links) an der Geschichts- und Erinnerungstafel Göttingen | Bild Volksbund

Der antiquiert wirkende Name und das noch oft vorherrschende Image – „Ewiggestrige“, kümmern sich nur um Soldatengräber – hält auch GEW-Mitglieder davon ab, sich über Ziele und pädagogische Angebote zu informieren. Es lohnt sich jedoch, über den Volksbund zu reflektieren.

In fast allen Einzugsbereichen von Schulen gibt es Grablagen für Kriegstote. Soldaten, Zwangsarbeiter*innen, Menschen, die durch Kriegshandlungen ihr Leben verloren, haben nach dem Gräbergesetz ein dauerhaftes Ruherecht. Gräber von Opfern von Krieg und Gewalt sind zu erhalten. Schüler*innen können sich auch in ihren Lebensräumen handlungsorientiert mit Schicksalen von dort Bestatteten auseinandersetzen und erfahren, was Krieg für Menschen bedeutet. Oft wächst daraus auch die Erkenntnis, dass Frieden nichts Selbstverständliches ist und man selbst einen Beitrag zur Erhaltung des Friedens leisten kann. Hier setzen die pädagogischen Angebote des Volksbunds an. Drei seien kurz vorgestellt.

Erinnerungstafeln

Im Projekt „Geschichts- und Erinnerungstafel“ erforschen die Schüler*innen die Biographien der Getöteten und die Umstände ihres Todes. Anschließend dokumentieren sie ihre Ergebnisse auf einer öffentlichen Erinnerungstafel, die auf dem jeweiligen Friedhof aufgestellt wird. Damit wird auch ein Teil Lokalgeschichte – „Heimatgeschichte“ – erarbeitet, und zwar nicht im Sinne von „Heimattümelei“, sondern als kritische Bestandsaufnahme, als Auseinandersetzung mit Menschen, die wie Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter*innen gegen ihren Willen hier bei uns, in unseren Gemeinden lebten und starben; mit Menschen, die, wie die Kindersoldaten des Volkssturms, verblendet und fehlgeleitet, von einer verbrecherischen militärischen Führung in den Tod geschickt wurden. In unserer Gegenwart, in der der Begriff „Heimat“ politisch instrumentalisiert und Menschrechte in Frage gestellt werden, ist diese Projektarbeit wichtig. Sie geschieht ganz im Sinne eines modernen kompetenz- und handlungsorientierten Unterrichts: die Schüler*innen wenden ihr Fachwissen in neuen Zusammenhängen außerhalb der Schule an, sie erarbeiten eine dauerhafte Präsentation und gewinnen so Einsichten in die Komplexität der deutschen Erinnerungskultur. Im schulischen Alltag kann das Projekt „Geschichts- und Erinnerungstafel“ in geradezu idealer Weise im WPK-Bereich der Sek I oder im Seminarfach in der Sek II eingebracht werden.

„Wir schreiben Eure Namen“

Das Namensziegelprojekt „Wir schreiben Eure Namen“ verfolgt einen ähnlichen handlungsorientierten Ansatz. In den 1990er Jahren sind die von der Wehrmacht angelegten Personalunterlagen der nach Deutschland verschleppten und dort oft nur anonym bestatteten sowjetischen Kriegsgefangenen ermittelt und ausgewertet worden. Anhand von Reproduktionen der überlieferten Personalkarten können sich Schüler*innen mit ausgewählten Einzelschicksalen beschäftigen, deren Leidensweg in Deutschland rekonstruieren und eine Tontafel mit Namen und Lebensdaten erstellen. Die Tafel wird dann auf dem Friedhof angebracht, wo die Person bislang nur anonym in einem Massengrab bestattet war. Diese Arbeit eignet sich besonders für fächerübergreifende Ansätze und für Projektwochen: intellektuelle, kognitive Annäherung und praktische Tätigkeit gehen Hand in Hand. Einem bislang anonymen Toten wird sein Name zurückgegeben und Angehörige erfahren jetzt von seiner letzten Ruhestätte. Auch das ist ein Beitrag zur Völkerverständigung.

International

Als drittes Bildungsangebot des Volksbunds könnten die internationalen Jugendbegegnungsstätten in Frankreich, in den Niederlanden, in Belgien und nahe der polnischen Grenze auf Usedom genannt werden. Diese befinden sich in der Nachbarschaft einer Kriegsgräberanlage und werden von erfahrenen Pädagogen geleitet, die für Klassen- und Studienfahrten fertige Konzepte mit mehreren Alternativen vorbereitet haben. Neben der Auseinandersetzung mit ausgewählten Biographien der auf den Gräberfeldern bestatteten Toten oder Modulen zur nationalen und europäischen Erinnerungskultur werden auch Exkursionen in das Umland nach Straßburg, Amsterdam, Brüssel oder Stettin angeboten. Ferner sind Begegnungstreffen mit gleichaltrigen Schulklassen aus dem Gastland möglich, so dass echte binationale Projektarbeit zur gemeinsamen Geschichte und Gegenwart möglich wird. Diese ausgefeilten und erprobten Angebote werden die KollegInnen bei der sonst oft mühsamen und arbeitsintensiven Vorbereitung und Durchführung von Klassenfahrten nachhaltig entlasten.

Walter-Johannes Herrmann

 

Weitere Infos
Informationen über diese und weitere Angebote bis hin zu praktischen, praxisnahen Hilfestellungen können bei den Bildungsreferenten des Volksbunds abgerufen werden. Der Volksbund beschäftigt nämlich in den vier Bezirken der Landesschulbehörde jeweils einen solchen Hauptamtlichen, der eine ausgewiesene Expertise im Bereich schulischer undaußerschulischer Bildungsarbeit hat. In Lüneburg und Braunschweig sind es aus dem Schuldienst entsandte Kollegen. Sie vermitteln die Bildungsangebote, beraten und unterstützen bei der Realisierung schulischer und außerschulischer Projekte und können auch finanzielle Ressourcen über die Stiftung „Gedenken und Frieden“ erschließen.

Hier sind ihre Kontaktdaten:

Bezirk Braunschweig
Dr. Rainer Bendick
rainer.bendick(at)volksbund.de

Bezirk Hannover:
Coskun Tözen
coskun.toezen(at)volksbund.de

Bezirk Lüneburg/Stade
Karl-Friedrich Boese
karl-friedrich.boese(at)volksbund.de

Bezirk Weser-Ems:
Marco Wingert
marco-wingert(at)volksbund.de


Ihre Arbeit ist eben keine militärverherrlichende, apologetische Annäherung an Kriegstote, sondern eine kritische, aufklärerische Auseinandersetzung mit den ganz existenziellen Folgen, die Krieg für Menschen hat – denn davon zeugen die Kriegsgräber, die es in jeder unserer Gemeinden gibt. Sie können als außerschulische Lernorte genutzt werden, die nachhaltig vor Krieg und Gewaltherrschaft warnen. Die Erinnerungsorte dürfen nicht denen überlassen werden, die wieder von „Ruhm und Ehre“ reden, die einen Wandel in der Erinnerungskultur herbeireden wollen. Gerade dagegen richtet sich die
Bildungsarbeit des Volksbunds.


erschienen in G&W Erziehung und Wissenschaft Niedersachsen, Ausgabe Juni 2019

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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