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In der Hitze des Balkans
Reise der Volksbund-Förderer
12. Oktober 2018

Mazedonien, Albanien und Montenegro mit all ihren wunderschönen Landschaften, orthodoxen Klöstern und Kirchen, den beeindruckenden Ausgrabungsstätten wie in Heraklea mit römischen und byzantinischen Mosaiken sowie auch die vier deutschen Kriegsgräberstätten in Prilep, Bitola, Tirana und Podgorica – das alles stand auf dem umfangreichen Programm der Balkan-Reisegruppe. Diese setzte sich aus ganz besonderen Förderern des Volksbundes zusammen. An der Seite der erfahrenen Reiseführerin Marlene Will, erlebten sie gemeinsam einen hochsommerlichen Balkan, der schon durch die schiere Fülle seiner gebotenen Eindrücke in guter Erinnerung blieb. Dies gilt auch für Marlene Will, die nach jahrzehntelangem Dienst für die internationale Volksbund-Friedensarbeit nun endgültig in den Ruhestand wechselt. Lesen Sie hier ihren letzten Reisebericht:

Höhepunkte in Mazedonien

Insgesamt 35 Mitreisende (unser Foto zeigt sie vor der Festung in Kruje) trafen sich zunächst am Frankfurter Flughafen. Der Flug sollte nach Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens gehen. Nachdem wir dort unsere Zimmer in einem schicken Hotel direkt am Fluss Vardar bezogen hatten, startete unsere Reise mit einer Einladung unseres Studiosus-Reiseleiters Alex Matiyas in die Bar des Hotels zu einem Begrüßungstrunk. Dabei stellten sich alle kurz vor, und gleich im Anschluss fuhren wir gemeinsam in ein typisch mazedonisches Restaurant zum Abendessen mit traditioneller Musik. Der Tisch bog sich buchstäblich unter all den kulinarischen Köstlichkeiten, die diese Region zu bieten hat. Unsere regionale Reiseleiterin Vaska – die uns erst an der albanischen Grenze verließ – erklärte uns alle Köstlichkeiten auf dem Tisch.

Am nächsten Tag zeigte uns Vaska die Stadt Skopje mit vielen Statuen von Alexander dem Großen, dessen Vater, Philipp II. und anderen Persönlichkeiten. Überhaupt habe ich selten eine Stadt gesehen mit so vielen Denkmälern und Statuen. Sie zeigte uns die Festung, die Altstadt mit Moschee und führte uns auf den Berg Vodno mit einer wundervollen Aussicht auf die Stadt und die umgebenden Berge. Schon am folgenden Morgen ging es weiter zu unserem nächsten Übernachtungsort Bitola.

Unser erstes Ziel war der deutsche Soldatenfriedhof des Ersten und Zweiten Weltkrieges Prilep. Bei der Einweihung dieses Friedhofs im Jahr 1933 gab es neben den deutschen Kriegstoten auch solche aus Österreich, Bulgarien, Ungarn, Rumänien, Serbien, Türkei und Albanien. Heinrich Ebert, der Sohn des Reichspräsidenten Friedrich Ebert, bekam hier ebenfalls seine letzte Ruhestätte. Nachdem der Volksbund im Jahr 2003 die Genehmigung erhalten hatte, den Friedhof wieder herzurichten, wurden etwa 1800 Kriegstote des Zweiten Weltkrieges zugebettet. Prilep gehört zu den 19 Friedhöfen, auf denen die Ausstellung des Volksbundes „19 für 19“ – aus Anlass der Gründung der Kriegsgräberfürsorge im Jahre 1919 – stattfindet.

Bereits in Deutschland habe ich Verbindung mit Manuela Koteska aufgenommen. Sie ist Deutschlehrerin in Prilep. Auf meine Bitte hin besorgte sie uns Blumen und versicherte uns, dass sie gern bei unserem Besuch für Fragen zur Verfügung stehe. Mit dabei war die gesamte Familie Kateska, die sich um den Friedhof kümmert. Manuela organisierte im letzten Sommer mit Jugendlichen ihrer Schule und der Partnerschule in Deutschland ein Jugendlager. Die jungen Menschen arbeiteten auf dem Friedhof  bei nahezu 40 Grad. Wir wussten dies alle sehr zu schätzen, denn auch wir schwitzten unter der mazedonischen Sonne auch ganz ohne Arbeitseinsatz.

Prost – à votre santé

Weiter ging es nach Bitola. Auch hier stand der Besuch der Kriegsgräberstätte des Ersten Weltkrieges auf dem Programm. Das gestaltete sich jedoch nicht so einfach. Unser Bus konnte uns nämlich aufgrund des schmalen Weges nicht dorthin befördern. Kurzerhand organisierten wir mit Hilfe von Mile Petrovski – auch mit ihm hatte ich bereits in Deutschland Kontakt aufgenommen – und mit tatkräftiger Hilfe von Alex etwa acht Taxis. Wir trafen den Friedhof sauber und in einem ordentlichen Zustand an. Das war keine Selbstverständlichkeit, denn dieser Friedhof wurde in der Vergangenheit immer mal wieder durch Romas besucht, die ihren Müll dort hinterließen. Offensichtlich hat sich der Kontakt des Volksbundes zu den Roma-Organisationen gelohnt. Aber auch Manuela Koteska trug mit ihren Jugendlichen mit dazu bei, dass dieser Friedhof in einem guten Zustand war.

Vor dem Abendessen schlenderten wir mit Vaskas Erklärungen durch Bitola. Sie zeigte uns auch den Turm, dessen Glocken vom Volksbund gespendet wurden und ab und an auch das „Lied vom guten Kameraden“ erklingen lassen. Zum Abendessen überraschte uns eine Runde Raki. Sie wurde spendiert von einer Reiseteilnehmerin, auf die wir am Morgen im Hotel etwas gewartet hatten. Irrtümlich bekam auch der Nachbartisch etwas ab. Die sechsköpfige Gruppe prostete uns vergnügt zu. Es waren Franzosen, eine Dame von ihnen besuchte das Grab ihres Großvaters, denn in Bitola gibt es auch einen großen französischen Friedhof. Dieser Friedhof hat gleichzeitig als Memorial de Bitola eine Partnerschaft mit dem Memorial von Caen. Natürlich kannte diese Personengruppe die großen deutschen Soldatenfriedhöfe in der Normandie.

Auf nach Ohrid

Der Ohridsee gehört zu den ältesten Seen Europas. Sein Alter wird auf über eine Million Jahre geschätzt und birgt Lebensformen, die anderswo schon längst ausgestorben sind. Mit seinen annähernd 300 Metern Tiefe hat mich am meisten seine ungewöhnliche Klarheit fasziniert. Das hieß für mich: Hinein in die kühlen Fluten, wenn es Gelegenheit dazu gibt. 

Nach einem kulturreichen Programm und Bootsfahrt kamen wir zum Glück schon gegen 16.30 Uhr im Hotel am Ohridsee an. Unsere Reiseleiterin Vaska bot der Gruppe jedoch zusätzlich einen Ausflug zum Kloster Sv. Naum an, mit einer kleinen Bootsfahrt zu den Quellen des Flusses Crn; nochmals 27 Kilometer entfernt auf kurviger Strecke. Etwa die Hälfte der Gruppe nahm dieses Angebot an, die andere Hälfte nutzte die erste freie Zeit zu einem ausführlichen Bad im Ohridsee. Alle waren mit ihren Entscheidungen glücklich. Nach dem Abendessen habe ich die Gruppe noch zu einem Vortrag über die Situation des Balkan im Zweiten Weltkrieg eingeladen. Alle waren da und verfolgten meine Ausführungen. Das war wirklich ein straffes Pensum.

Im Land der Skipetaren – Albanien

An der Grenze war Schichtwechsel: Wir verabschiedeten Vaska und begrüßten Elisabeta aus Tirana. Elisabeta ist eine junge Frau, die uns teil haben ließ an ihrer Entwicklung in der Familie und uns so einen tiefen Einblick gewährte in die Strukturen der albanischen Gesellschaft.

Erst in 1991 gab es die ersten freien Wahlen in Albanien. Enver Hoxha riegelte das Land hermetisch ab, erst nach seinem Tod erfolgte langsam die Öffnung des Landes. Gleich nach dem Grenzübertritt konnten wir in den Bergen viele Bunker sehen. Berat – die Stadt der 1000 Fenster – war unser erstes Ziel, eine der schönsten Städte Albaniens und bereits auf der Liste für das UNESCO-Weltkulturerbe. Über der Stadt thront der Kala, der Burgberg. Alex gab uns tiefe Einblicke in die Geschichte und erklärte uns im Onufri Museum die Ikonestase.  Die Besonderheit hier ist, dass die Ikonen durch kunstvolle Nussbaumschnitzereien eingerahmt sind. Das Museum ist Teil der sehr sehenswerten Kathedrale der heiligen Maria. Nach einem sehr anstrengenden Tag begrüßte uns die Adria in Durres mit einem traumhaften Sonnenuntergang. Aber auch hier gab es noch im Dämmerlicht das römische Amphitheater zu bestaunen. Bereits im Dunkeln erreichten wir unser luxuriöses Hotel in Tirana.

Deutsche Gräber mitten im Park

In Tirana befindet sich der Friedhof mitten im Stadtpark, sehr idyllisch gelegen. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich auch Gräber der Commonwealth War Graves Commission. Von zu Hause aus hatte ich mich mit der Albanischen Botschaft in Verbindung gesetzt, die Prof. Dr. Marenglen Kamsi gebeten hat, etwas über den Friedhof und die Situation über Albanien im Weltkrieg zu erzählen. Dr. Kamsi lehrt an der Universität in Tirana, und sein Fachgebiet ist die Historie des 20. Jahrhunderts. Er hat in Deutschland studiert, spricht hervorragend deutsch und war somit genau der Richtige für unser Anliegen. Herr Marz von der Deutschen Botschaft wäre sehr gern selbst dabei gewesen, aber ausgerechnet an diesem Tag war unser Außenminister in Tirana und zusätzlich die Verteidigungsministerin in Mazedonien, für die die Botschaft auch zuständig ist. Somit war dort Hektik und verständlicherweise keine Zeit für unsere Gruppe.

Elisabeta und Alex bummelten mit uns anschließend durch die Stadt und gaben uns Instruktionen, wie wir am Nachmittag die Stadt ein wenig auf eigene Faust erkunden könnten. Zuvor jedoch lud Alex uns alle zu einem Getränk in einem Kaffee ein. Er sah wohl wie sehr wir unter der Stadthitze litten, schließlich stand ja noch ein Besuch im sehr interessanten Nationalmuseum an.

Albanien darf man natürlich nicht verlassen ohne etwas mehr über den Nationalhelden Skanderbeg zu erfahren. In der Festung Kruje ergab sich diese Gelegenheit. Nach dem anstrengenden Aufstieg informierte uns Alex über sein Leben im 15. Jahrhundert und seinen erfolgreichen Kampf gegen die Osmanen. Über Shkoder ging es zur Grenze nach Montenegro.

Traumhafte Ausblicke 

Von Anfang an beeindruckte uns dieses wild zerklüftete bergige Land mit seinen spektakulären Landschaften. Wie ein Schwalbennest im Felsen befindet sich das Kloster Ostrog, eines der wichtigsten Heiligtümer der serbisch-orthodoxen Kirche. Es ist gleichzeitig Wallfahrtsort, so gab es viele Besucher, die sich dort mit Schlafsäcken eingefunden hatten. Aufgrund der steilen Lage ist dieser Ort nicht erreichbar mit Bussen, aber kleinere Fahrzeuge standen uns zur Verfügung, so dass alle von uns die Heiligtümer aufsuchen konnten. In Podgorica suchten wir am Nachmittag den letzten der vier deutschen Kriegsgräberstätten auf unserer Reise auf.

Gleich zu Anfang unserer Reise berichtete mir Herr von Ludowig, dass sein Vater in Podgorica in Gefangenschaft gewesen war und übergab mir Briefe sowie Berichte von ihm. In der Andacht – die ich auf allen Friedhöfen gehalten habe – berichtete ich der Gruppe von den Aufzeichnungen, aber auch darüber, dass auf diesem Friedhof Soldaten liegen, die der SS angehörten. Das Zitieren von einem Auszug aus der Rede von Generalsekretärin Schily bei der Einweihung im letzten Jahr bot sich an.

Titos Gebirgsbahn

Der nächste Tag bot uns kaum zu übertreffende Eindrücke der Bergwelt von Montenegro. Wir starteten mit der Zugfahrt durch die Moraca Schlucht und konnten es nicht fassen wie an diesen Steilhängen Brücken und Tunnels entstehen konnten. Auf der Rückfahrt besuchten wir das Kloster Moraca und bestaunten die Bahnstrecke nochmals aus der unteren Perspektive, der Straße, die sich am Moraca Canyon entlang schlängelt. Eine neue Straße entsteht in der dortigen Bergregion. Wir bewunderten die riesigen Baustellen, die umsäumt waren mit chinesischen Bauarbeiter-Unterkünften.

Über die geschichtsträchtige und ehemalige Residenz- und Hauptstadt Montenegros Cetinje führte unser Weg nun endgültig zur Adria. Aber nicht bevor wir mit unserem Busfahrer mitgeschwitzt hatten, denn er musste bis zur Küste hinunter 25 Kehren bewältigen – oftmals mit Zurückstechen. Aber dann erblickten wir die wundervolle Insel Sveti Stefan und Budva. Unser Hotel lag direkt am Strand, so dass einige von uns noch schnell die Gelegenheit erfassten und vor dem Abendessen in einem Fischrestaurant im Meer badeten. 

Mit einem Frühstück, das wirklich nichts zu wünschen übrig ließ, verließen wir unser Hotel in Richtung der wunderschönen Bucht von Kotor. In dem Örtchen Njegus, am Rande des Lovcen Nationalparks, hielten wir an. Dort kosteten wir von dem schmackhaften Njeguski Schinken und Käse. Kotor bringt uns nochmals zum Staunen. Seine geschichtsträchtige Altstadt mit ihren Kirchen und Palästen ist natürlich bereits zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt worden. Majestätisch wacht über der Stadt die Festung mit der nahezu erhaltenen 4,5 Kilometer langen Stadtmauer.

Nach einem letzten Besuch eines Klosters auf der kleinen Insel Maria am Felsen vor Perast kamen wir spät abends in unserem Hotel in Herceg Novi an. Von nun an richtete sich unser Augenmerk auf die Heimreise, denn schon um Punkt fünf Uhr sollte die Abfahrt am nächsten Morgen Richtung Flughafen Dubrovnik sein.

Diese Reise durch die Balkanstaaten war nicht zuletzt so gelungen und so schön, weil alle Beteiligten so freundlich und rücksichtsvoll miteinander umgingen. Der Geist in dieser Gruppe stimmte! Herr Dr. Wild sagte mir zum Abschied, das touristische Programm habe ihm gut gefallen, aber das Ziel seien für ihn immer noch die Kriegsgräber.

Zum Abschied noch ein persönliches Wort: Seit über 50 Jahren begleite ich nun Reisen des Volksbundes. Diese so rundum gelungene Fahrt durch die Balkanstaaten war nun meine letzte. In den ersten Jahren – gegen Ende der sechziger Jahre – begleitete ich noch die Mütter, Geschwister und Kameraden der gefallenen Soldaten. Heute sind es die deren Kinder und zunehmend Interessierte an Land, Leuten und Kultur sowie an den jeweiligen Friedhöfen. Immer habe ich versucht, neben den Begleitungen zu den Gräbern auch das Interesse an die jeweiligen Ländern zu wecken. Fünf Jahrzehnte Reisebegleitungen waren auch gleichzeitig Miterleben der Entwicklung und Entstehen der deutschen Kriegsgräberstätten in Europa insbesondere in Osteuropa. Mit großer Dankbarkeit an den Volksbund und an die vielen Persönlichkeiten, die ich kennenlernen durfte, verabschiede ich mich nun mit einem tränenden Auge von dieser interessanten Tätigkeit.

Marlene Will

Maurice Bonkat
Redakteur
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