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Kontinuitäten und Brüche innerhalb des Volksbundes
Erzählen und Erinnern - eine Reihe des Referates Erinnerungskultur im Hauptstadtbüro in Kooperation mit mehreren Landesverbänden
12. Dezember 2019

Einige Organisationen feiern 2019 ihren hundertsten Geburtstag, so die Arbeiterwohlfahrt und die Volkshochschulen. Sie wurden in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbruchbewegungen gegründet mit dem Anliegen, die Situation der Arbeiterschaft langfristig zu verbessern.

Die Gründung des Volksbundes 1919 hatte einen aktuellen, konkreten und traurigen Anlass. Die Gründer haben damals sicher nicht damit gerechnet, dass es den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hundert Jahre später noch geben wird. Welche Faktoren bestimmen, ob eine Organisation bleibt oder zerfällt, ob sie in ihrer Form stagniert oder sich verändert?

In der Veranstaltungsreihe 100 Jahre Volksbund – Erzählen und Erinnern wurden unterschiedliche Aspekte, aber auch Personen der Volksbundgeschichte vorgestellt und diskutiert. Im letzten Teil der Reihe wurden „Kontinuitäten und Brüche“ thematisiert. Dazu hatten sich rund 120 Interessierte im Anfang Dezember im Berliner Abgeordnetenhaus eingefunden.

Ein Gedenken, das uns wachsam hält

Dr. Fritz Felgentreu, Vorsitzender des Landesverbandes Berlin betonte die enge Beziehung des Volksbundes zur Stadt Berlin, in der er „als ein Teil der Bürgergesellschaft gegründet wurde“. Dies habe ihm auch ermöglicht, so Felgentreu weiter, nach dem Zivilisationsbruch des II. Weltkrieges, weiter zu arbeiten. Ralf Wieland, Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses begrüßte als „Hausherr“ die Mitarbeitenden und Mitstreiter des Volksbundes. Der Erhalt der Kriegsgräber sei ein wichtiger Auftrag, doch ebenso wichtig sei die internationale Zusammenarbeit und Jugendarbeit. „Jubiläum heißt, sich der Erinnerung zu stellen! Wir erleben auch in den Parlamenten Geschichtsverdrossenheit. Wir verdanken dem Volksbund ein Gedenken, das uns wachsam hält!“

 Einen umfassenden inhaltlichen Input zu den eingangs gestellten Fragen über die bestimmenden Faktoren gab Prof. Dr. Manfred Hettling von der Universität Halle. Er ist einer der Mitautoren des Buches über die Organisationsgeschichte des Volksbundes. Er stellte die Bedingungen vor, die für die Kontinuitäten oder anders formuliert, das Fortbestehen einerseits, aber auch die Brüche in der Organisationsgeschichte verantwortlich sind und zitierte Reinhart Koselleck „Der Toten zu gedenken gehört zur menschlichen Kultur. Der Gefallenen zu gedenken, der gewaltsam Umgebrachten, derer, die im Kampf, die im Bürgerkrieg oder Krieg umgekommen sind, gehört zur politischen Kultur.“ Der Volksbund verkörpert mit seiner Arbeit beide Dimensionen.“

Der Volksbund war beweglich und anpassungsfähig

Der Verein hat, so Hettling osmotische, also durchlässige Grenzen – im Gegensatz zu staatlichen Organisationen. So blieb er beweglich und war gewissermaßen auch wandlungsfähig. Die Brücken zu NS-Ideologie wurden 1933 von vielen „willig beschritten“. Aber war nun der Volksbund nationalsozialistisch? Völkisch-nationalistisch? Da müsse man durchaus differenzieren und manche Diskussion würde, so Hettling, doch „unterkomplex“ geführt. (Hier sei die Bemerkung erlaubt, dass dieser Begriff für Erheiterung bei den Anwesenden sorgte.) Insgesamt sei es dem Volksbund gelungen, so Hettling, viele unterschiedliche Interessen zu bündeln, sich von Anfang an gut zu vernetzen und dazu noch anpassungsfähig zu sein. Nach dem Vortrag befragte Moderatorin Dr. Heike Dörrenbächer die Podiumsgäste nach ihren Beziehungen zum Volksbund.

 Wolfgang Wieland, Jurist, war 1978 Mitbegründer der Grün-Alternativen Liste (GAL) in Berlin. Er erinnert sich, dass es 1975 in Berlin kaum Erinnerungskultur gab, z.B. auch kein jüdisches Museum. Erst in den 2000er Jahren, auf einer Russlandexkursion mit dem damaligen Volksbund-Präsidenten Reinhard Führer, lernte er die konkrete Arbeit des Volksbundes kennen und schätzen. Zum Wert der Erinnerungskultur zitierte er den amerikanischen Philosophen George Santayana: „Wer sich seiner Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen."

 Marion Gardei ist Pfarrerin und Beauftragte für Erinnerungskultur der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Sie lobte die Bildungs- und Jugendarbeit des Volksbundes als vorbildlich, aber auch die Gräberpflege: „Bestatten ist ein biblisches Gebot. Für die Angehörigen ist der Ort zur Trauer wichtig.“

Prof. Dr. Sönke Neitzel lehrt heute an der Universität Potsdam und ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates im Volksbund. Als Militärhistoriker habe man eine Aufgabe, so Neitzel, denn unsere Gesellschaft tue sich sehr schwer mit ihren Soldaten. Außerdem sei die differenzierte Auseinandersetzung mit der Täter-Opfer-Problematik wichtig. „Die Kriegsgräberstätten sind hier die idealen Lernorte, um die Komplexität des Krieges zu erkennen.“

 Wofür haben wir Gräber? Zum Mahnen!

Zu vielen Fragen, auch denen aus dem Publikum entwickelte sich eine lebhafte Diskussion: Hat sich die Bildung vom Volksbund gewandelt? Ist er differenzierter geworden? Wolfgang Wieland hat darauf eine eindeutige Antwort: „Der Volksbund hat sich auf jeden Fall gewandelt... Jetzt haben wir den Anspruch, Faktor und nicht nur Indikator gesellschaftlicher Veränderung zu sein. Da bin ich gerne ‚unterkomplex‘ und fordere ‚Nie wieder Krieg! Wofür haben wir die Gräber? Zum Mahnen!“ Auf die Frage, wie man mit den Gräbern der Täter umgehen soll, verwies er auf die Formulierung von Jan Philipp Reemtsma in dessen Laudatio zur Nationalpreisverleihung an den Volksbund – „Mit Trauer und Scham!“

Doch wie kann man junge Menschen in die Erinnerungsarbeit einbinden? „Die Erinnerungsorte treten nun an die Stelle der Zeitzeugen – übersetzt mit pädagogischen Hilfsmitteln“. Der Volksbund solle politische Kultur mitgestalten, forderte Marion Gardei. „Mehr Gedenkstätten helfen nicht“ widersprach Sönke Neitzel, es gehe auch um Identität – und da würden negative Eigenschaften gerne herausdekliniert.

Gestorben und getrauert wird für das eigene Land

Auf die Frage nach der politischen Herausforderung an den Volksbund gab es wie erwartet unterschiedliche Antworten. Die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und die Friedensarbeit sei kein Widerspruch. Kriege zu differenzieren gehöre dazu und zwischen friedenserhaltenden Maßnahmen und Eroberungskriegen muss unterschieden werden. Mehr Europa bedeute nicht Aufgabe der nationalen Identität, sondern mehr Zusammenhalt, so Wolfgang Wieland. Hettling entgegnete, dass man doch gerade auf Kriegsgräberstätten sehen könne, dass „für das eigene Land gestorben und getrauert“ würde.

Wohin soll die Reise den Volksbund führen? Manfred Hettling betonte die Relevanz des Kernelements: Erhalten der Kriegsgräber als Lernort. Marion Gardei sah hingegen Bildungs- und Jugendarbeit als Kernaufgabe und wünschte mehr politische Stellungnahmen des Volksbundes. Dem widersprach Wolfgang Wieland: Das gemeinsame Gedenken sei die Kernaufgabe. Der Volksbund sei auf einem guten Weg, wenn er um Positionen ringe. „In anderen Ländern dient das Soldatengrab zur Sinnstiftung – wir sprechen von Mahnung und Trauer.“ Der Gegenüberstellung von Grabpflege und Bildungsarbeit widersprach ein Mitglied des Jugendarbeitskreises. „Das Eine gehört zum Anderen.“

Wir immunisieren Jugendliche gegen Hass!

Das Fazit und den Blick auf die Zukunft des Volksbundes wagte Generalsekretärin Daniela Schily: „Der Volksbund hat sich verändert – er musste sich verändern und wird sich weiter verändern. Es gibt einen Generationenwechsel, die Betroffenen werden weniger. Die Jüngeren trauern nicht, aber sie wollen etwas wissen. Und für den Volksbund wird das Kriegsgrab im Zentrum stehen. Unser Projekt „19für19“, die Erweiterung der Kriegsgräberstätten zu Lernorten, soll für diejenigen verständlich sein, die dort nicht um Angehörige trauern. Sie sollen Denk-Stätten sein. Die Jugendlichen, die zu uns in die Workcamps und in unsere Begegnungsstätten kommen, sie wollen wir immunisieren gegen Hass!

Text: Diane Tempel-Bornett / Fotos: Martin Bayer