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Warum sind wir hier?
Gedanken zur Kriegsgräberstätte Budaörs
04. Oktober 2018

Vor etwa zwei Wochen organisierte der Volksbund auf der deutsch-ungarischen Kriegsgräberstätte Budaörs eine viel beachtete Gedenkveranstaltung. Konkrete Anlässe dazu waren das 25. Jubiläum des Kriegsgräberabkommens sowie die neue Ausstellung zum geschichtlichen Hintergrund der Kriegsgräberstätte – und genau damit befasste sich auch der ungarische Historiker Krisztian Ungvary. Er ist unter anderem auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Volksbundes. Seine Gedanken zu dieser besonderen Kriegsgräberstätte, und was sie heute für uns bedeuten kann, lesen Sie hier im Wortlaut:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

hier, im Deutschen Soldatenfriedhof Budaörs ruhen mehr als 16.300 deutsche und 800 ungarische Soldaten. Hinter jedem Gefallenen blieb ein unermesslicher Schmerz und Leid. Über Leben und Tod der Soldaten berichten die Exponate der Ausstellung. Durch die Präsentation der Einzelschickschale können Sie sich ein Bild über die Zerstörung von Familien machen. Bitte erlauben Sie mir dazu einige Gedanken. Die Grundfrage beim Besuch eines deutschen Soldatenfriedhofes lautet ja, wenn es nicht um die Angehörigen der Gefallenen geht: warum sind wir hier?

Das Erinnern an die deutschen Gefallenen des Zweiten Weltkrieges ist keine einfache Angelegenheit, schließlich sind im Namen Deutschlands unermessliche Verbrechen begangen worden. Diese Komplexität wird auch in der Ausstellung präsentiert, wo neben der missbrauchten Kriegsgeneration auch der Kommandeur der 22. SS-Kavalleriedivision, ein bekennender Nazi präsentiert wird. Andererseits darf nicht jedem Soldat eine Kollektivschuld aufgeheftet werden. Diejenigen, die aktiv ihr Schicksal gestalten konnten, waren mit Sicherheit in der Minderheit. Der Krieg vereinte schließlich Täter und Opfer. Beide liegen gemeinsam in diesen Friedhöfen.

In diesen Gräbern ruhen zerfetzte Körper, erfrorene Glieder, ausgehungerte, von Verzweiflung heimgesuchte Soldaten. Wir, Genießer der Gnade der späten Geburt, finden es selbstverständlich dass wir uns jeden Tag duschen können und warmes essen bekommen. Die Soldaten die in dieser Ausstellung präsentiert werden, konnten davon meistens nur träumen.  Früher bediente man sich mit Begriffen wie Heldentum, Pflichtbewusstsein und Opferbereitschaft. Das gab es sicherlich auch, schon die Länge des Krieges und die fatale Effektivität der deutschen Soldaten sind ein Beweis dafür. Allerdings sind diese Begriffe wegen der Sinnlosigkeit des Krieges auch zunehmend sinnlos. Standen deutsche Soldatenfriedhöfe vor 1945 für Heldentum, stehen sie heute als Mahnzeichen für den Frieden.

Dieser Friedhof wäre auch dann nicht nur ein deutscher Soldatenfriedhof wenn nur Soldaten der Wehrmacht und Waffen-SS hier ruhen würden. Die zwei SS-Kavalleriedivisionen, die einen wesentlichen Teil der Gefallenen stellen, wurden während des Jahres 1944 durch zwangsrekrutierte Ungarndeutsche aufgefüllt. Manche dieser Soldaten sprachen besser ungarisch als deutsch. Obwohl die Ungarndeutschen sich im politischen Sinne als Ungarn verstanden, wurden sie vom ungarischen Staat als Kanonenfutter für NS-Deutschland ausgeliefert. Aber auch Ungarn kamen in deutschen Uniformen zum Einsatz. Wir können zum Beispiel nur spekulieren, warum der in Budapest geborene Vince Cigány zur SS-Kavallerie kam. Fest steht, dass weder sein Geburts- noch sein Wohnort in einem ungarndeutschen Zusammenhang gesetzt werden kann. Er gilt seit Dezember 1944 als vermisst, seine Überreste liegen möglicherweise in diesem Friedhof. Deshalb ist dieser Friedhof auch ein Teil der ungarischen Geschichte.

Imre Kertész schrieb in seinem Schlüsselroman Schicksalslosigkeit den Satz über sich selbst: „es war nicht mein Schicksal, aber ich habe es erlebt” – den Sinn des Satzes verstehen wir nur, wenn wir vergegenwärtigen, dass das 20. Jahrhundert für die Mitglieder der Erlebnisgeneration eine regelrechte Zumutung war. Vermutlich hat es auch Vince Cigány nicht wissen können, dass er sein junges Leben in einem verbrecherischen Krieg sinnlos opfern muss. Es war auch nicht sein gewähltes Schicksal, er hat es aber trotzdem erleben müssen. In der Ausstellung finden Sie eine Reihe dieser nicht gewählten Schicksale.

Man könnte denken, nach 70 Jahren wird dieser Friedhof seine endgültige Gestalt finden. Das Gegenteil ist der Fall. Allein in den fünf Tagen des Ausbruchsversuches aus Budapest fielen mehr als 20.000 deutsche Soldaten. Weniger als 800 sind bisher aufgefunden worden. Über 19 Tausend liegen noch heute in den Wäldern und Feldern, die in der Nachbarschaft dieses Friedhofs zu finden sind. Selbst in den Dimensionen des Zweiten Weltkrieges steht damit der deutsche Soldatenfriedhof Budaörs für ein beispielloses und sinnloses Gemetzel.

Wenn über gefallene Soldaten gesprochen wird, dann wird in meinem Land allzu oft auch von Helden gesprochen. Gerade hier, an diesem Friedhof ist es angebracht, an drei richtige Helden zu erinnern. Eine Identifizierung der Gefallenen ist nur deshalb möglich, weil der US-Major Henry Sternweiler und der französische Hauptmann Armand Klein im Jahr 1945 sich den Befehl des Alliierten Kontrollrates über die Vernichtung der deutschen Soldatenverzeichnisse widersetzt hatten. Sie bezeichneten diese Vernichtung als „inhuman” und wandten sich an General Eisenhower, um die Maßnahme zu stoppen. Schließlich konnte der Alliierte Kontrollrat überzeugt werden, dass auch die deutschen Soldatenangehörigen das Recht haben, Nachricht über den Verbleib ihrer Verwandten zu erhalten. Diese beiden Offiziere sind richtige Helden. Sie handelten sogar entgegen eines Befehls und machten damit die Identifizierung von hunderttausenden Soldaten erst möglich. Sie zeigten Zivilcourage in der schwierigsten Situation, ihrem Vorgesetzten gegenüber.

Der dritte Held, worüber ich sprechen möchte, ist ein unbekannter deutscher Offizier. Als General Pfeffer-Wildenbruch, der Oberbefehlshaber der deutschen Truppen in Budapest sich in der Budenz-Straße von Buda (einst deutsch Ofen) ergab, weigerte er sich einen Befehl über die Einstellung der Kämpfe zu geben. Als er während seines ersten Verhörs an der Hűvösvölgyi Straße dazu aufgefordert wurde, schwieg er. Dazu muss erwähnt werden, dass während des Ausbruchs auf hundert gefallene deutsche Soldaten gerade zwei gefallene Sowjetsoldaten kamen – das Unternehmen war ein Verbrechen gegenüber den eigenen Soldaten. Pfeffer-Wildenbruch saß in einem großen Saal, als ihm diese Frage gestellt wurde. Er schwieg nur und senkte seinen Kopf. Nach längerer Pause meldete sich ein Offizier der Luftwaffe und sagte, dass er bereit sei, seine Kameraden für die Einstellung der Kämpfe zu überreden. Er ging mit einer weißen Armbinde zu den letzten Widerstand leistenden SS-Soldaten im Raum des St. Johannes Spitals, dabei riskierend daß er von jemandem versehentlich oder gar absichtlich erschossen wird. Er hat sich selbst überwunden, um seine Kameraden vor dem sicheren Tod zu retten.

Als Abschluss soll hier noch die letzte Strophe aus dem Gedicht von Wilfried Owen: Dulce et decorum est stehen:

In allen Träumen, vor meinem hilflosen Blick,
Wirft er sich nach mir, gurgelnd, erstickend, ertrinkend.
Wenn du nur einmal in würgendem Traum
Hinter dem Karren gingst, auf den wir ihn geworfen,
Die weißverdrehten Augen sähst, auf dem Gesicht den Schaum,
Sein hängendes Gesicht wie eines Teufels krank vom Sündenschorfen,
Und hörtest du, wie ihm das Blut bei jedem Stoß
Gurgelnd aus schaumverstopften Lungen quillt,
Obszön wie Krebs und bitter wie ein fetter Kloß
Aus Rotz, wie Schwären auf reinen Zungen, die nichts mehr stillt:
Nie würdest du, Freund, Kindern eine Story
Von Krieg und Ruhm servieren und den Rest
Des alten Lügenworts: Dulce et decorum est

Pro patria mori.

Maurice Bonkat
Redakteur
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