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„Miteinander über Geschichte vor Ort austauschen“
Vortrag und Podium über „100 Jahre Volksbund – Siegfried Emmo Eulen und die Geschichte des Volksbundes“ in Weeze
13. November 2019
  • Düsseldorf

Weeze. Nein, ein Vergnügen war es nicht, was die knapp 75 Freundinnen, Freunde und Förderer des Volksbundes sowie sonstige Interessierte am vergangenen Sonntag im Bürgerhaus Weeze über Siegfried Emmo Eulen hören mussten. Im Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Kruse (Fernuniversität Hagen) über die (frühe) Geschichte des Volksbundes fand die Person Eulen besondere Berücksichtigung.

Bereits vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung hatten knapp 40 Personen bei strahlendem Sonnenschein die Möglichkeit zur Besichtigung der örtlichen Kriegsgräberstätte genutzt. Weezes Bürgermeister Ulrich Francken selbst übernahm die Führung vor Ort. Die Kriegsgräberstätte Weeze ist eine der wenigen Anlagen in Nordrhein-Westfalen, die nicht durch den Landesverband, sondern von der Münchener Bundesbauleitung des Volksbundes unter ihrem Chefarchitekten Robert Tischler geschaffen wurde. Unter den hier bestatteten Toten ruht auch Dr. Siegfried Emmo Eulen, einer der Gründerväter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Nach ihm benannt wurde in Weeze die Siegfried-Eulen-Straße.

Im Gegensatz zum anhaltenden Sonn(en)tagswetter dann zum Teil bedrückende Fakten. Eulen und seine Mitgründer – allesamt Gräberverwaltungsoffiziere des Ersten Weltkrieges – seien, so Kruse, wilhelminisch geprägt gewesen. Damit gehörten sie zu jener bürgerlichen Elite, die betont national und „militärisch, ja militaristisch" orientiert gewesen sei und der Weimarer Demokratie oft distanziert bis ablehnend gegenübergestanden habe.

Eulen, der seinen akademischen Titel nach vorheriger nicht ausreichender Bewertung im August 1914 dann wegen der „außergewöhnlichen Umstände des Augenblicks" doch noch erhielt, fand – so Kruse – als Gräberverwaltungsoffizier des Ersten Weltkriegs die Bestimmung seines Lebens. Er habe ein großes Geschick gehabt, Lobbyarbeit für die Kriegsgräberfürsorge zu betreiben und prominente Unterstützer für den Volksbund zu gewinnen. Der von ihm vertretene Anspruch indes, als privater Verein eine eigenständige Rolle in der Kriegsgräberfürsorge zu spielen und die nationale Erinnerungskultur an den Weltkrieg in einem heldischen Sinne zu prägen, habe vielfältige Konflikte mit den zuständigen staatlichen Stellen heraufbeschworen. Auch heute wohl als „Korruptionsverdacht" bezeichnete Vorwürfe gegen den Volksbund und dessen moralisch angreifbare Geldausgaben überstand er jedoch unbeschadet.

Im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Machtergreifung stellte Eulen den Volksbund zielstrebig auf das Führerprinzip um und entwickelte ihn zu einer nicht förmlich gleichgeschalteten, aber doch „nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft", die aktiv für die Ziele des Regimes eintrat. Emmo Eulen selbst wurde „Bundesführer", ernannte ein zutiefst nationalsozialistisch orientiertes Führungspersonal und handelte mit der Führung des NS-Regimes die Erhebung des bisher privat organisierten Volkstrauertages zum gesetzlichen „Heldengedenktag" aus, an dem nunmehr nicht nur ein heldisches Gefallenengedenken, sondern auch die Erinnerung an die „Blutzeugen der Bewegung" zelebriert wurde. Langjährige Volksbundvertreter jüdischer Herkunft oder demokratischer Gesinnung wurden dagegen aus dem Volksbund gedrängt und teilweise vom Regime verfolgt. Im Nationalsozialismus entwickelte sich der Volksbund selbst auch zahlenmäßig zu einer Massenorganisation, gleichwohl sein Einfluss im Laufe des Krieges zurückging. Eulen verstarb infolge einer Ende 1944 auf dem Truppenübungsplatz erlittenen Schussverwundung im Lazarett Schloss Wissen im Januar 1945.

Noch bis 1973 (seit 1952) war die höchste Auszeichnung im Volksbund die Siegfried-Emmo-Eulen-Plakette.

Im Anschluss an den Vortrag diskutieren darüber, über die Arbeit des Volksbundes und Probleme der Erinnerungskultur Frau Christiane Underberg, Dr. Ralph Trost (Ruhr-Universität Bochum), Dr. Bünyamin Werker (Universität Köln), Dr. Günther J. Bergmann MdL und Bürgermeister Ulrich Francken gemeinsam mit Prof. Kruse.In diesem von Jens Krepela, WDR-Studio Düsseldorf, moderierten Gespräch ging es zunächst um die Siegfried-Eulen-Straße in Weeze. Bürgermeister Francken erklärte, dass es für ihn nicht darum gehen könne, den Straßennamen zu entfernen, sondern darüber zu informieren und dadurch zur Diskussion anzuregen.

Dr. Bergmann unterstützte dies ausdrücklich und betonte man solle den Straßennamen belassen. Er sei gegen jegliche Form von „Denkmalsturz". Dies sei für die Gegenwart nicht hilfreich. Als Beispiel nannte er ein umstrittenes Kriegerdenkmal aus Kalkar, wo aller, auch jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges aus Kalkar, als Helden gedacht werde. Später sei auf die Rückseite als Relief ein NS-Adler eingraviert worden. Es gebe aktuell Bestrebungen, das Denkmal und damit auch das Gedenken an die Toten des Ersten Weltkrieges zu entfernen. Jedoch, so Dr. Bergmann, könne allein ergänzende Erläuterung eine Lösung sein.

Dr. Trost berichtete über seine Bildungsarbeit in Verbindung mit der deutschen Kriegsgräberstätte in Ysselsteyn. Unter den fast 32.000 hier ruhenden Kriegstoten gebe es eine große Spanne – von aktiven Kriegsverbrechern bis zu dem einen Tag alten Säugling. Er erzählt von Karl Heinz Rosch. 3 Tage nachdem er 18 Jahre alt wurde, geriet er mit anderen Soldaten auf einem Bauernhof in Goirle unter feindlichem Beschuss. Er ging aus der Deckung, als er die zwei noch im Hof spielenden Kinder des Bauern sah und sie in Sicherheit brachte. Als er die Deckung erneut verließ, traf ihn eine Granate genau dort wo er die Kinder zuvor rettete. Er starb an diesem 6. Oktober 1944. Heute gebe es für Rosch in dem Ort ein Denkmal mit dem ihm als „Hero with No Glory" gedacht werde. Bis es soweit war, habe es intensive Debatten und der örtlichen Bevölkerung gegeben. 60 Jahre lang war die Geschichte tabu gewesen, da Rosch „ein deutscher Feind gewesen" sei.

Ein anderer Punkt der Diskussion war die Tatsache, dass es dem / im Volksbund lange Zeit schwerfiel, sich mit Fragen der Täterschaft auseinanderzusetzen. Dr. Werker führte im Verlauf der Diskussion aus, so schmerzhaft die Erkenntnis auch sei – insbesondere für Familienangehörige –, so sei die Wehrmacht eben auf keinen Fall frei von Schuld und habe insgesamt die NS-Diktatur lange Zeit mit gestützt.In der Bildungsarbeit forderte er eine Abkehr von der Betroffenheitspädagogik. Man solle jungen Menschen vertrauen und auch neue kreative Formen für die inhaltliche Auseinandersetzung finden bzw. nutzen. Zugänge durch Literatur, Kunst usw. seien gut geeignet, um sich der schwierigen Geschichte thematisch anzunähern.

Frau Underberg stellte für die dritte Nachkriegsgeneration eine gesunde Neugier fest, sich des Themas anzunehmen. Man müsse die jungen Menschen darin bestärken zu lernen und zu verstehen, dass sie ideologischen Verführungen widerstehen können. Versöhnung müsse auch heute ein inhaltlicher Prozess sein. Dabei müsse jede/r schauen, was er/sie selbst dazu beitragen könne. Für sie sei klar, wenn man sich nicht mit der Erinnerung beschäftige, könne man auch nicht politisch eigenständig im Umgang mit Gedenken sein.

Erst nach knapp 2 ½ Stunden wurde die Veranstaltung beendet. Gleichwohl gab es immer noch Redebedarf, wie sich in den folgenden Einzelgesprächen zeigte.

Was bleibt als Fazit? Es ist auch heute nicht leicht, sich mit Geschichte von NS-Zeit und II. Weltkrieg vor Ort auseinanderzusetzen. Dabei muss man manchmal auch miteinander um Positionen ringen. Aber es ist letztlich der einzige Weg, um Erinnern und Gedenken lebendig zu halten. Veranstaltungen dieser Art im Volksbund sind ein Beitrag zu gelebter Erinnerungskultur.

Text: Thomas Rey, Bilder: Thomas Rey/ Jana Moers