Ein typisch britisches Grabzeichen für gefallene Soldaten steht jetzt auf dem Grab von Wilhelm Reuhl auf dem Friedhof in Porlock an der englischen Küste – ein Symbol auch und vor allem für tiefes Mitgefühl der Anwohner. (© Deutsche Botschaft London)
Ein Grabstein und eine Geschichte voller Trost und Hoffnung
Tod von Wilhelm Reuhl 1944 stiftet deutsch-britische Freundschaft – Volksbund und CWGC setzen Zeichen
Es ist ein Ort des Todes, doch an ihm beginnt eine Geschichte voller Trost und Hoffnung. 86 Jahre später mündet sie in eine Gedenkstunde für den Flieger Wilhelm Reuhl, abgeschossen am 27. September 1940 im Alter von 20 Jahren. In Porlock an der englischen Küste setzen der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. und die Commonwealth War Graves Commission (CWGC) für ihn einen Grabstein.
Sabine Reuhl, die Nichte des Bordschützen, lässt in dem kleinen Dorf Porlock in Sumerset einen Brief an den „lieben unbekannten Onkel Wilhelm“ verlesen: „Der Gemeinderat, die Gemeinde St. Dubricius und die Einwohner von Porlock haben dafür gesorgt, dass dein vorzeitiger Tod nie in Vergessenheit geraten ist. Sie haben dich an der prominentesten und schönsten Stelle des Hawkcombe-Friedhofs beigesetzt.“
Briten suchten den Kontakt
„Sie haben dein Grab besucht und gepflegt und dort Blumen niedergelegt. Am Gedenktag haben sie deinen Namen verlesen“, heißt es weiter. Immer wieder hätten sie den Kontakt zu Eltern und Geschwistern des Soldaten in Südhessen gesucht.
„Sie kümmerten sich so aufmerksam und herzlich um dich, als wärst du ihr eigener verstorbener und betrauerter Sohn oder Bruder gewesen. Dabei warst du als Gegner, als Feind in ihr Land gekommen …“
Anwohner pflegten Gräber
Das Zeichen, dass der Volksbund und die CWGC an diesem Tag im Beisein von Angehörigen der Deutschen Botschaft setzen, ist beispielhaft. Denn in unzähligen Orten im Ausland begruben Behörden oder Anwohner auch die Toten der feindlichen Armeen – oft mit militärischen Ehren – und pflegten ihre Gräber.
In England wurden die meisten deutschen Toten in den 1960 Jahren auf den neu angelegten Friedhof Cannock Chase umgebettet. Doch die Familie von Wilhelm Reuhl wollte das nicht.
Frische Blumen fünf Mal im Jahr
Sie beauftragte Jahr um Jahr an fünf Gedenktagen den Floristen des kleinen Dorfes damit, Reuhls Grab mit Blumen zu schmücken. Anwohner und die Gemeinde pflegten es.
Als der Florist sein Geschäft aufgab, erfuhr Rosemary Ball zufällig davon und bot der Familie an, die Aufgabe zu übernehmen. Kurz vor ihrem Tod 2019 verfügte die Mutter von Sabine Reuhl, dass der Auftrag enden sollte. Da waren Rosemary Ball und Sabine Reuhl längst Freundinnen geworden.
„Alle kannten die Geschichte“
Mit der Gedenkstunde in Porlock und dem neuen Grabstein machen der deutsche und der britische Gräberdienst drei Anliegen deutlich: das Andenken an die Kriegsopfer zu bewahren, den unermesslich hohen Preis aufzeigen, den Kriege fordern, und damit den Frieden untermauern.
Zu all dem hat das Grab des jungen Fliegers in Porlock im Kleinen und über viele Jahrzehnte beigetragen, wie der Brief der Nichte, der Tochter seines Bruders, zeigt: „Wann immer wir bei Besuchen in ungezwungenen Gesprächen erwähnten, dass wir Verwandte von Wilhelm Reuhl seien, kannten alle die Geschichte und den Ort seines Grabes.“
„Mitgefühl ist bewundernswert“
Sehr interessierte und freundliche Gespräche seien entstanden, so Sabine Reuhl. „Es wurde nie ein einziges unfreundliches Wort gesagt. Das von den Briten gezeigte Mitgefühl ist bewundernswert.“ Sie dankte für ein „wunderbares Projekt und den Grabstein für Wilhelm –, damit wir niemals vergessen und die Völkerverständigung fördern.“
Fast 330 einzelne Gräber
Volksbund-Generalsekretär Dirk Backen erklärte, dass Porlock am Anfang eines neuen Projekts stehe. Fast 330 weitere einzelne Gräber gebe es auf Friedhöfen in England. Schritt für Schritt wolle der Volksbund – gemeinsam mit der CWGC – sie alle begutachten, richtig kennzeichnen und sicherstellen, dass sie angemessen gepflegt werden.
„In Absprache mit dem Auswärtigen Amt wird die CWGC die Pflege dieser Gräber übernehmen, wofür wir überaus dankbar sind”, so Dirk Backen. Jedes Grab sei wichtig.
Porlock als „leuchtendes Beispiel”
Mit Blick auf die außergewöhnliche Anteilnahme der Bevölkerung am Schicksal von Wilhelm Reuhl ergänzte der Generalsekretär: „Wir Deutschen erwarten diese Gesten der Großzügigkeit und Menschlichkeit nicht und können sie auch nicht erwarten. Sie zeugen von einem außergewöhnlichen kulturellen Wert der örtlichen Gemeinschaft und des Vereinigten Königreichs als Nation.
Charles Garrett von der CWGC (Director of Global Strategy) sprach von der „Geschichte von Porlock und seinem Einwohner Wilhelm Reuhl”. Er nannte sie ein leuchtendes Beispiel dafür ist, was die beiden Länder erreichen wollten und müssten. Erst die persönliche Tragödie eines Mannes oder einer Frau, die einen frühen und meist gewaltsamen Tod erlitten, könnten den schrecklichen menschlichen Preis des Krieges wirklich verdeutlichen. „In unseren unsicheren Zeiten gewinnt dies zunehmend an Bedeutung.”
Neue Ausstellung in Cannock Chase
Garrett betonte außerdem den großen Wert, den Volksbund und CWGC der Versöhnung und der Bedeutung des Gedenkens in einer freien und gerechten Gesellschaft beimessen.
Mehr als 7.000 deutsche Soldaten aus beiden Weltkriegen sind in Großbritannien bestattet – die meisten von ihnen auf der einzigen deutschen Kriegsgräberstätte des Landes, in Cannock Chase in Staffordshire. Der Volksbund wird dort im September eine neue Dauerausstellung eröffnen – in einem denkmalgeschützten Gebäude, das CWGC und Volksbund gemeinsam sanieren und ausbauen ließen.
Den Feind begraben …
Wie sehr die Pflege von Kriegsgräbern in der Nachkriegszeit dazu beigetragen hat, dass sich Deutsche und Briten einander angenähert und versöhnt haben, hat der britische Historiker Tim Grady untersucht. Sein Buch „Burying the Enemy: The Story of Those Who Cared For The Dead in Two World Wars“ (Den Feind begraben: Die Geschichte derer, die sich in den beiden Weltkriegen um die Toten kümmerten) ist in der Reihe #volksbundhistory vorgestellt:
Versöhnung „von unten“: Gräber deutscher Soldaten in Großbritannien
Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
