Die Informationen aus vergangenen Jahrzehnte sind widersprüchlich und historische Fotos von der Grablage im polnischen Chorzów lassen ebenfalls Fragen offen. Hier eine undatierte Aufnahme und einer der Umbetter mit einer weißen Namentafel im Vordergrund. (© Volksbund-Archiv / Artur Berger)
Kriegsgefangene in Polen nach 80 Jahren endlich geborgen
Genehmigung für den Alten Friedhof in Königshütte in Oberschlesien ließ Jahrzehnte auf sich warten
Die Liste ließ auf 61 Tote schließen – die meisten von ihnen Kriegsgefangene. Doch es war einfach zu viel Zeit vergangen, als der Volksbund in Königshütte (polnisch: Chorzów) endlich mit dem Exhumieren beginnen durfte. 52 Tote wurden am Ende geborgen. Jahrzehntelang haben Einwohner der Stadt ihre Gräber gepflegt.
Am 27. Januar 1945 waren die ersten deutschen Kriegstoten auf dem Alten Friedhof des Ortes in Oberschlesien bestattet worden: zwei Offiziere, ein Hauptmann, ein Leutnant – ohne Namen. Am selben Tag hatte man ein Massengrab für 18 weitere unbekannte Soldaten angelegt. Eine nachträglich angelegte Liste gibt Aufschluss darüber.
Zuletzt wurde ihr zufolge Hermann B., Pionier, am 15. September 1948 bestattet. Er starb mit 47 Jahren. Alle Kriegsgefangenen, die hier begraben wurden, hatten im Kohlebergbau gearbeitet, in der Grube „Prezydent“. Doch es gibt noch weitere Listen und nicht alle Informationen sind deckungsgleich.
Kameraden stellten Holzkreuze auf
Manche Kriegsgefangene starben an für die Gefangenschaft typischen Krankheiten wie Tuberkulose. Viele kamen bei Unfällen oder auch bei Explosionen im Bergwerk ums Leben – daran lassen die Gebeine, die Matti Milak und sein Team bei der Exhumierung fanden, keinen Zweifel. Bestattet wurden sie am Rand des zivilen Friedhofs entlang einer Mauer. Kameraden dürften die Holzkreuze mit Namen und Daten aufgestellt haben.
Über Jahrzehnte hielt der Volksbund Kontakt nach Königshütte, wo Einwohner sich um die Gräber kümmerten. 1961 erhielt er ein Schreiben, in dem es hieß: „Mit Freuden werden die Soldatengräber weiter gepflegt.“
Nach und nach eingeebnet
Von 1974 sind Fotos einzelner Gräber erhalten – die meisten mit einer Umfassung und Tafeln aus Stein, auf denen Namen und Daten eingraviert waren. In den folgenden Jahren schafften die beiden Frauen, die sich zu der Zeit kümmerten, die Pflege nicht mehr und konzentrierten sich nur noch auf einen Teil der Gräber. Die übrigen wurden eingeebnet. Der Volksbund sorgte 1978 dafür, dass alle Gräber – soweit noch möglich – dokumentiert wurden.
Weiße Tafel vor jedem Grab
Spätestens Mitte der1990er Jahre waren alle Gräber eingeebnet. Jeder namentlich bekannte Tote erhielt eine weiße Tafel mit Namen, Geburts- und Sterbedatum. Ob sie jeweils an der richtigen Stelle platziert wurden und ob der Genannte dort wirklich bestattet war, dürfte auch zu dem Zeitpunkt schon ungewiss gewesen sein. Denn: Manche Gräber waren leer, als die Umbetter sie jetzt öffneten, und andere hatten nicht den Abstand, den die weißen Tafeln vorgaben.
Mit Unterzeichnung des deutsch-polnischen Kriegsgräberabkommens 2003 durfte der Volksbund offiziell seine Arbeit aufnehmen. Doch obwohl diese Grablage im Referat Gräbernachweis in der Bundesgeschäftsstelle gut dokumentiert war, blieb sie weiter unberührt.
Widerstand vor allem der Kirche
Es fehlte die Genehmigung für die Exhumierung. „Vor allem die Kirche, die Geistlichen vor Ort, waren dagegen“, erklärt Artur Berger, Leiter des Umbettungsdienstes im Bereich Mitte.
Als kürzlich ein neuer Geistlicher Ansprechpartner für den Volksbund wurde, ging alles ganz schnell: Die Genehmigung wurde erteilt und am 13. April begann der Einsatz unter besonders widrigen Bedingungen.
Extrem lehmiger Boden, Regen und Grundwasser – so hoch, dass ausgehobene Gruben sofort vollliefen … All das forderte dem Team um Matti Milak alles ab. Vier „eigene“ Leute gehörten dazu. In der ersten Woche unterstützten sie Artur Berger, ein ehrenamtlicher ehemaliger Umbetter und drei Freiwillige.
Ehrenamtlich ausgebildet
Die Freiwilligen haben sich ehrenamtlich beim Volksbund ausbilden lassen und werden gezielt da eingesetzt, wo Unterstützung nötig ist. Die drei Männer gehören zum Versorgungsbataillon 131 aus Bad Frankenhausen, das den Volksbund bei vielen Gelegenheiten auch logistisch unterstützt.
Arbeitsfreie Tage nutzten die Beteiligten aus Deutschland für einen kleine Pflegeeinsatz auf der Kriegsgräberstätte Laurahütte (polnisch: Siemianowice Śląskie) und einem Besuch im nahegelegenen Auschwitz, dem ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager.
Einbettung im Herbst in Laurahütte
Ob die Namen und Daten auf den Listen im Volksbund-Archiv und auf den weißen Steinen tatsächlich zu den geborgenen Toten passen, muss sich noch zeigen. Die Umbetter haben die Gebeine der Toten genau untersucht und Größe, vermutetes Alter – soweit möglich – und Besonderheiten in den Umbettungsprotokollen dokumentiert. Sie gehen jetzt an das Referat Gräbernachweis in der Bundesgeschäftsstelle, wo sie ausgewertet und mit allen Informationen zu dieser Grablage verglichen werden. Die Ergebnisse stimmt der Volksbund mit dem Bundesarchiv ab.
Würdig bestattet werden die Toten im Herbst auf dem Sammelfriedhof Laurahütte (polnisch: Siemianowice Śląskie).
Der Volksbund ist ...
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
