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Nach 82 Jahren: Tochter steht erstmals am Grab ihres Vaters

Kurt Faust 1944 als einziger geborgen und begraben – Trümmer des Bombers 4555 in Felsspalte entdeckt

Zwei Tage vor ihrem 82. Geburtstag erfüllt sich ein Wunsch, der Ursula McRae aus den USA ihr ganzes Leben begleitet hat: Sie steht in Berneuil in Frankreich am Grab ihres Vaters Kurt Faust. Jahrzehntelang wusste sie weder, wo er bestattet ist, noch unter welchen Umständen er ums Leben kam. Nicht nur der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. hat sie an dieses Ziel geführt.
 

Der Weg bis auf diesen Friedhof war weit – nicht nur wegen der großen räumlichen Distanz. Zwei Männern ist es zu verdanken, dass sich ihr Wunsch erfüllte: Dr. Christian Lübcke, Geschäftsführer des Landesverbandes Hamburg, und Richard Smyth, ein in Burma geborener Hamburger.

Smyth klärte das Schicksal zweier Flugzeugbesatzungen aus dem Zweiten Weltkrieg, Lübcke suchte nach Angehörigen. 2020 erfuhr Ursula McRae von ihm, was mit ihrem Vater geschah und wo er begraben wurde.
 

Gefährlicher Einsatz im Juni 1944

Kurt Faust war ein erfahrener Pilot im Kampfgeschwader 100 „Viking“ – einer Einheit, die auf Angriffe gegen alliierte Schiffe spezialisiert war. Nach der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie wurde das in Toulouse stationierte Geschwader rasch in Einsätze im Norden Frankreichs geschickt. Die Bedingungen waren denkbar ungünstig. Die alliierte Luftüberlegenheit im Kanalgebiet war erdrückend.

Die deutschen Dornier Do 217-Bomber hatten den schnellen britischen und amerikanischen Jagdflugzeugen wenig entgegenzusetzen. Als Faust am 14. Juni 1944 den Einsatzbefehl erhielt, war ihm die Gefährlichkeit der Mission bewusst. Der 28-jährige Oberfeldwebel war ein hochdekorierter, erfahrener Pilot. In der Nacht starteten die Maschinen zu einem rund 720 Kilometer langen Flug in Richtung Norden.

 

Luftangriff verhilft zu privatem Glück

In der Maschine mit der Kennung 4555 flog Faust gemeinsam mit dem 28-jährigen Fahnenjunker-Oberfeldwebel Erich Adermann aus Berlin. Zur Besatzung gehörten außerdem der Bordfunker Julius Schmidt und der Bordwart Josef Kraft, beide erst 20 Jahre alt. Faust wusste zu diesem Zeitpunkt bereits, dass er Vater einer kleinen Tochter war.

Diese Erkenntnis verdankte er ausgerechnet einem alliierten Bombenangriff: Er hatte bei seiner Frau eine Frühgeburt ausgelöst, als Faust wenige Wochen zuvor auf Heimaturlaub gewesen war. So hatte er sein Kind noch vor der Rückkehr an die Front in den Armen halten können – ein kurzer Moment des privaten Glücks mitten im Krieg.
 

In der Nacht vom Kurs abgewichen

Der deutsche Angriff auf alliierte Schiffe vor Cherbourg entwickelte sich schnell zu einem Fiasko. Bereits beim Anflug wurden die deutschen Bomber abgefangen, wurde das Führungsflugzeug abgeschossen. Bei schlechter Sicht und aufziehendem Sturm lösten sich die Formationen auf.

Faust gelang es zunächst, seine Maschine sicher durch den Luftkampf zu steuern. Auf dem Rückflug schloss sich ihm ein weiteres Flugzeug an. Gemeinsam versuchten beide Besatzungen, nach Toulouse zurückzukehren.
 

Ein Berg in Flammen

Doch die Wetterbedingungen verschlechterten sich weiter. Starker Regen, schlechter Sichtkontakt und fehlende Orientierungsmöglichkeiten erschwerten die Navigation erheblich. Verdunkelte Städte und ein kaum sichtbarer Mond ließen fast keine Anhaltspunkte erkennen. Warum die Maschinen schließlich deutlich vom Kurs abwichen, ist bis heute ungeklärt.

In den frühen Morgenstunden zerschellten beide Flugzeuge unabhängig voneinander an Hängen der nördlichen Pyrenäen-Ausläufer, rund 90 Kilometer südwestlich von Toulouse. Augenzeugen berichteten später von kreisenden Maschinen und einem Berg, der „in Flammen gestanden“ habe. Fausts Flugzeug zerbarst bei Mauleon-Barousse. Die Besatzung kam ums Leben, viele waren schwer verbrannt.
 

Trümmerteile in Schlucht verborgen

Anwohner und Mitglieder der Résistance erreichten als Erste die Absturzstelle der Maschine von Kurt Faust. Sie bargen brauchbare Materialien, die Trümmer verbargen sie in einer Felsschlucht. Erst Tage später traf eine deutsche Einheit aus Tarbes ein. Sie konnte lediglich die Leiche eines Besatzungsmitglieds bergen, das später als Kurt Faust identifiziert wurde. Er erhielt ein provisorisches Grab in Tarbes.

 

Vergessen und wiederentdeckt

Nach dem Rückzug der Wehrmacht im Sommer 1944 gerieten die Absturzstellen weitgehend in Vergessenheit, doch über Jahrzehnte hinweg berichteten Anwohner noch von Überresten der Flugzeuge in der Region.

Fast 70 Jahre später kam Bewegung in die Aufarbeitung – auch dank der unermüdlichen Bemühungen von Richard Smyth, der sich in Toulouse niedergelassen hatte: 2013 untersuchten Höhlenforscher die Felsspalte, in der Augenzeugen zufolge Wrackteile eines der Flugzeuge zu finden sein mussten. Tatsächlich entdeckten die Experten Trümmer des Bombers 4555 der deutschen Luftwaffe.
 

Zweite Absturzstelle gefunden

2016 entdeckte der Kanadier Alain Gaudet zufällig die Absturzstelle des zweiten Flugzeugs und es gelang, eine Angehörige ausfindig zu machen: Ursula McRae in den USA , die Tochter des einzigen Toten, der nach dem Absturz gefunden und bestattet worden war. Zu der Zeit waren seine sterblichen Überreste längst aus dem provisorischen Grab auf die deutsche Kriegsgräberstätte Berneuil umgebettet, sein Name auf einer Grabplatte verewigt.

Zwei Männer im Krieg verloren

Von ihrer Mutter wusste Ursula McRae wenig über den Vater, den sie nie kennengelernt hatte. Geheiratet hatten die beiden, als die Mutter schon einmal ihren Mann verloren hatte: Er war 1942 im Kaukaus ums Leben gekommen, wo er als Pionier Minen entschärfte. Auch er war Vater geworden und auch sein Sohn wuchs als Halbwaise auf.

2020, als Ursula McRae davon erfuhr, wann und wie Kurt Faust gestorben war und wo sein Grab zu finden ist, wollte sie so schnell wie möglich nach Frankreich reisen. Erst war es die Corona-Pandemie, die das verhinderte, dann waren es gesundheitliche Gründe. 2026 endlich war es möglich.

Höhepunkt und Erfüllung

Am Grab ihres Vaters fand sie kaum Worte für die Trauer und den Schmerz, der sie jahrzehntelang begleitet hatte. „Es war der Höhepunkt meiner Reise, die Erfüllung und ein Abschluss eines lebenslangen Wunsches“, sagte sie.

Dann machte sich die Tochter von Kurt Faust auf nach Deutschland, um ihren Halbbruder zu besuchen. Beide teilen dasselbe Schicksal. Ihr Leben ist geprägt von einem Krieg, dessen Folgen bis in die Gegenwart reichen.

2020 berichtete der Volksbund schon einmal: Trümmer im Fels: Gedenken an der Absturzstelle

Text:
Christian Lübcke, Geschäftsführer des Landesverbandes Hamburg (Kontakt)
Christiane Deuse, Redakteurin 

Der Volksbund ist ...

… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
 

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