Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan legt einen Stein als Zeichen des Gedenkens auf einer der neuen Stelen für jüdische Soldaten des Ersten Weltkrieges ab. (© Uwe Zucchi)
Nun ruhen sie unter dem Davidstern
Operation Levi: Volksbund tauscht in Consenvoye Grabzeichen jüdischer Soldaten aus
Fast 110 Jahre nach Beginn der Schlachten des Ersten Weltkrieges in Frankreich: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. ruft 2023 die Operation Levi ins Leben. Deutsche Soldaten jüdischen Glaubens sollen mit den richtigen Grabzeichen – Stelen mit Davidstern statt christlichen Kreuzen – ihre religiöse Identität zurückerhalten.
Am 3. Juni 2026, rund 110 Jahre nach ihrem Tod, enthüllt der Volksbund auf der Kriegsgräberstätte Consenvoye in Frankreich für die jüdischen Soldaten David Jacobs, Hermann Marx und Karl Schuster eine gemeinsame neue Stele.
An den Kameradengräbern werden an den Namen von Josef Leiter, Emil May, Sally Levi, Adolf Mendels und Max Wertheimer Rosetten mit einem Davidstern angebracht. Für Levy Rosenthal, Alfred Hess, Arthur Schlesinger und Julius Rosenthal wird jeweils eine einzelne Stele enthüllt.
Verfolgung und Tod statt Anerkennung
Es ist das zweite Mal, dass der Volksbund im Rahmen der Operation Levi die Gräber jüdischer Soldaten korrekt kennzeichnet. Was steckt dahinter? Mehr als 100.000 jüdische Soldaten kämpften im Ersten Weltkrieg für ihr Vaterland, 77.000 von ihnen an der Front. Über 12.000 gaben ihr Wertvollstes: ihr Leben.
Doch statt Dank, Anerkennung und Emanzipation begegnete den jüdischen Familien Hohn und Hass. 20 Jahre nach Kriegsende schützten nicht einmal ihre militärischen Auszeichnungen die Veteranen und ihre Familien vor Verfolgung und Ermordung.
„An sie zu erinnern ist das Mindeste”
„Sie waren unsere Kameraden und wir haben sie verraten. An sie zu erinnern, ist das Mindeste, was wir tun können – und wenn sie fälschlicherweise unter einem Grabkreuz bestattet sind, dies gegen eine Stele auszutauschen“, erklärt Dirk Backen das Engagement seiner Organisation.
Bürgermeister, Konsul und Präsident
Der Tag beginnt unter einem schweren grauen Himmel. Die Ruhe in der kleinen Stadt Consenvoye wird unterbrochen, als drei Wagen vorfahren: der Bürgermeister von Consenvoye, André Domois, Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan und Thomas Kern, der deutsche Generalkonsul aus Straßburg.
Sie kommen mit Vertreterinnen und Vertretern des Volksbundes und der Stadt am Ehrenmal der Gemeinde zusammen, um dort einen Kranz niederzulegen. Auch an der amerikanischen Gedenkstätte gedenken sie gemeinsam der Toten.
Die Straße zur deutschen Kriegsgräberstätte ist gesperrt. Nur wer namentlich angemeldet ist, darf passieren. Das große Aufgebot an Sicherheitskräften lässt darauf schließen, dass hier eine besondere Veranstaltung stattfinden wird.
Krieg und Kultur – ein Gegensatz?
Die Gedenkveranstaltung beginnt mit der Enthüllung der UNESCO-Plakette am Eingang der Kriegsgräberstätte. Consenvoye zählt seit 2023 zum Weltkulturerbe.
Wolfgang Schneiderhan begrüßt die rund 220 Gäste. Er dankt der Präfektin Anne-Florence Caton für die Enthüllung der Plakette und sagt: „Und doch ist es auf den ersten Blick verstörend: Eine Kriegsgräberstätte, auf der über 11.000 Tote ruhen – ist das unser Weltkulturerbe? Was hat Krieg mit Kultur zu tun? Die Antwort ist einfach: Nichts.”
Der Bogen muss weiter gespannt werden: „Wir gedenken heute aller Gefallenen, egal welcher Nation oder Religion”, so Schneiderhan, „und wir nehmen von ihren Gräbern die Verpflichtung mit, uns mit ganzer Kraft für den Frieden einzusetzen und dort, wo Krieg herrscht, ihn wieder herzustellen. Das ist die Botschaft, die von dieser Kriegsgräberstätte ausgeht.“
23 deutsche Kriegsgräberstätten sind als Weltkulturerbe anerkannt. Consenvoye ist die erste, auf der eine Plakette enthüllt wurde – hier Präfektin Anne-Florence Canton, Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan (Mitte) und Jérôme Dumont, Präsident des Regionalrats des Departements Meuse. © Uwe Zucchi
Versöhnung zwischen Erbfeinden
Consenvoye hat eine besondere Geschichte. Nach drei Kriegen zwischen den einstigen „Erbfeinden“ Deutschland und Frankreich trafen sich hier 1984 der französische Staatspräsident François Mitterrand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und gedachten gemeinsam der Toten.
Es war das erste Mal, dass ein französischer Präsident eine deutsche Kriegsgräberstätte besuchte. Die Botschaft war eindeutig: Deutschland und Frankreich haben sich versöhnt.
„Zukunft, die nie gelebt wurde“
Die Politikerin Dr. Ottilie Klein, Mitglied des deutschen Bundestages, betont: Es sei unmöglich, Kriegsgräberstätten zu besuchen und sie unbeeindruckt wieder zu verlassen. Denn hinter jedem Grabstein stehe ein Leben, eine Familie, eine Zukunft, die nie gelebt wurde, und eine Welt, die aufgehört habe, zu existieren.
„Wenn wir uns also heute zu Ehren dieser gefallenen jüdischen Soldaten versammeln, würdigen wir auch ihr Engagement für eine Heimat, die ihr Opfer nicht wertschätzte, und versuchen, zumindest einige der Ungerechtigkeiten wieder gutzumachen, die diesen Männern und ihren Familien widerfahren sind“, sagt Ottilie Klein.
Das Unrecht korrigieren
Rabbi Dr. Jacob J. Schacter, Ehrenpräsident der amerikanischen Operation Benjamin und Partner der Operation Levi, erklärt: „Als Jude bin ich heute hier, um anderer Juden zu gedenken – zwölf Juden, die im Dienst des Landes, das sie liebten, kämpften und fielen. Aus irgendeinem Grund wurden sie unter einem lateinischen Kreuz begraben. Ihre Identität wurde verschleiert, ihr Glaube wurde verschleiert, ihre Würde – unbeabsichtigt, würde ich sagen – missachtet. Doch heute korrigieren wir dieses Unrecht.”
Die Präfektin Anne-Florence Canton betont, dass Frieden niemals selbstverständlich ist. „Wir erinnern, nicht um die Wunden der Vergangenheit zu pflegen, sondern um zu verhindern, dass sich dieselbe Logik des Hasses und die Tragödien wiederholen. Die deutsch-französische Aussöhnung, die wir heute als selbstverständlich ansehen, ist aus diesem Bewusstsein entstanden.“
Kaddisch für jeden der zwölf Soldaten
Für jeden der zwölf Soldaten wird das Kaddisch, das jüdische Totengebet, gesprochen – auch von Militärbundesrabbiner Zsolt Balla. Jedem wird für seinen Dienst für sein Land gedankt, jeder wird im Kreise der Lebenden willkommen geheißen, so wie es auf jüdischen Grabsteinen steht.
Auch Angehörige sind angereist. Für die Familie von Adolf Mendels dankt Susan Monty Branfman. Sie berichtet, dass ein Teil ihrer Familie während des Holocausts ermordet wurde. Einige konnten fliehen. Heute leben sie in den USA und in Australien, verstreut in der ganzen Welt. Doch sie wüssten davon und seien dankbar, dass ihr Vorfahre nun heute in Europa ein würdiges Grab gefunden habe.
Totensignale und 17 Tauben
Die Gedenkveranstaltung endet mit dem deutschen und dem französischen Totensignal. Doch nicht ganz: Es gibt noch eine Überraschung. Ein Schwarm Tauben, biblisches Symbol für Hoffnung und für den Frieden, wird freigelassen und fliegt über die Kriegsgräberstätte in weitem Bogen hinweg.
Neue Ausstellung eröffnet
Auch auf diesem Friedhof hat der Volksbund eine neue Dauerausstellung installiert. Stelen informieren über die Geschichte der Kriegsgräberstätte, vor allem aber über das Schicksal jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg, über die Operation Levi und über die Familie Leiter, die beispielhaft für viele andere steht.
Vier Söhne der Familie aus dem württembergischen Aufhausen waren im Ersten Weltkrieg Soldaten, nur zwei kehrten zurück. Josef Leiter ist in Consenvoye in einem Kameradengrab bestattet. Auch sein Name wurde mit einem Davidstern gekennzeichnet, um an sein Schicksal zu erinnern.
Großnichte als Mahnerin
Unter nationalsozialistischer Gewaltherrschaft wurde die Familie nahezu ausgelöscht. Nur eine von vier Schwestern Josef Leiters überlebte. Seine Großnichte, Inge Auerbacher, lebt heute in den USA und mahnt gegen das Vergessen – unter anderem 2022 im Deutschen Bundestag. Die Einladung nach Consenvoye konnte sie aus gesundheitlichen Gründen nicht annehmen, gab aber der Operation Benjamin ein Interview.
„Dieser Ort trägt die Last des Krieges in sich. “
Anne-Florence Canton, Präfektin
Neue Grabzeichen an US-Gräbern
Am Vortag der Veranstaltung hatte Operation Benjamin auf dem US-amerikanischen Soldatenfriedhof Meuse-Argonnen bei Romagne ebenfalls Grabzeichen ausgetauscht. Auch dort hatten an jüdischen Gräbern Kreuze gestanden, die jetzt durch Stelen mit Davidstern ersetzt sind.
#volksbundhistory
Zum Hintergrund und zur Entstehungsgeschichte der Operation Levi lesen Sie auch: Falsche Grabsteine – Antisemitismus im deutschen Militär.
Außerdem zum Ersten Weltkrieg:
Von Verdun bis zur Brussilow-Offensive: 1916 – die Welt in Flammen
Verdun – vom Schlachtfeld zum deutsch-französischen Erinnerungsort
Spenden für die Operation Levi
Der Volksbund kann sein Engagement mit Blick auf jüdische Soldaten des Ersten Weltkrieges nur mit Hilfe von Spenden fortsetzen. Indem er Kreuze gegen Stelen mit dem Davidstern tauscht, ruft er das Schicksal dieser Soldaten und ihre Familien wieder in Erinnerung und setzt ein starkes Zeichen gegen Antisemitismus.
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Seit 2026 wird die Volksbund-Initiative auch von der Alfred Landecker Foundation unterstützt.
