Jetzt steht fest: Das Wehrmachtsmotorrad aus der Donau ist eine DKW NZ 350-1, 1944 in Zschopau produziert (Foto frei zur Veröffentlichung bei Nennung der Quelle). Inzwischen liegt der Fundort wieder unter dem Wasserspiegel. (© Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. / Simone Schmid)
Wehrmachtsmotorrad und die Toten aus der Donau: Wer waren sie?
Spurensuche hat begonnen – Identifizierung ist ein langer Weg mit offenem Ausgang
Das Foto des geborgenen Wehrmachtsmotorrades aus Budapest geht um die Welt – sogar „The Times of India“ und „Vietnam.VN” berichteten. Die DKW NZ 350-1 wird aktuell im Institut und Museum für Militärgeschichte, beim ungarischen Partner des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., aufgearbeitet.
Alle Fundstücke und natürlich auch das Motorrad werden genauestens untersucht. Beim Volksbund läuft jetzt die Recherche an, um die beiden Toten vom Donauufer zu identifizieren.
Jetzt unterstützen
Länge der Knochen als Indiz
Arne Schrader, Leiter der Abteilung Kriegsgräberdienst und internationale Beziehungen, erklärt, wie schwierig das grundsätzlich ist und was alles nötig ist, um zu klären, ob die beiden Erkennungsmarken tatsächlich zu den Toten gehören. Die Namen der ursprünglichen Träger sind möglicherweise schnell ermittelt, aber das ist nur der erste Schritt.
Zunächst werden die Gebeine genau untersucht. Die Länge der Knochen etwa gibt Aufschluss über die ungefähre Körpergröße. Dies wird, soweit möglich, meist anhand unterschiedlicher Knochen analysiert, zum Beispiel mit dem Unter- und dem Oberschenkelknochen.
Geschätztes Alter
Auch für das Alter der Soldaten gibt es entsprechende anatomische Anhaltspunkte, die es erlauben, mit hoher Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, ob ein Knochen zu einem Menschen unter 20, zwischen 20 und 25 Jahren und so weiter bis zu über 40 Jahren gehört.
„Hier sind unter anderem das Kreuzbein und die Epiphysen an den Langknochen auswertbar und auch die Weisheitszähne können Auskunft geben”, erklärt Arne Schrader. Zähne, die mit Amalgam gefüllt sind, weisen darauf hin, dass ein Toter wahrscheinlich aus dem Westen Europas kam, denn solche Füllungen gab es in der Sowjetunion damals so gut wie nicht.
Ehering und Kuban-Schild
All diese Details werden möglichst zeitnah nach der Bergung im Umbettungsprotokoll festgehalten. Protokoll und die Marken werden umgehend nach der Untersuchung in die Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes nach Niestetal bei Kassel geschickt.
Dasselbe gilt für mögliche „Beifunde“, die bei der Identifizierung helfen können. Beim Fund am Donau-Ufer gehören zum Beispiel ein Ehering und ein Kuban-Schild, ein Kampfabzeichen der Wehrmacht, dazu.
Dokumente und private Hinweise
Im weiteren Prozess gleicht das Team des Referats Gräbernachweis die Funde mit allen Unterlagen ab, die der Volksbund möglicherweise zu den Toten gesammelt hat.
Dazu gehören Informationen von Angehörigen, von Kameraden zum möglichen Todeszeitpunkt oder dazu, wo sich die Spur der Vermissten verlor. Auch Unterlagen der Wehrmacht wie Verlustmeldungen zählen dazu. Die Information, wo die Einheit, zu der der Tote gehörte, zum mutmaßlichen Todeszeitpunkt eingesetzt war, kann ebenfalls weiterhelfen.
Bundesarchiv bestätigt Identität
Im besten Fall schließt der Volksbund seine Arbeit mit einer vorläufigen Identifizierung ab. Die endgültige Bestätigung muss vom Bundesarchiv in Berlin kommen. Das Archiv der damaligen Wehrmachtsauskunftsstelle, später Deutsche Dienststelle, ist im Bundesarchiv aufgegangen.
Heute ist dort die Abteilung „Deutsches Reich“ zuständig. In Berlin muss die Identität der Toten amtlich bestätigt werden, folgt gegebenenfalls eine Sterbefallanzeige. Je nach Fall werden die Angehörigen vom Bundesarchiv oder dem Volksbund entsprechend informiert.
Puzzle erfordert viel Geduld
Wenn ein Angehöriger in der „Gräbersuche online“ – der Volksbund-Datenbank mit mehr als 5,4 Millionen Einträgen – recherchiert hat, verfügt der Volksbund bereits über den dazu nötigen Kontakt.
Sollten Angehörige dort vergeblich gesucht haben, haben sie bestenfalls – ebenfalls online – einen Suchantrag ausgefüllt. Dann ist gesichert, dass sie benachrichtigt werden, sobald der Volksbund neue Erkenntnisse hat.
Wie lange die mögliche Identifizierung der beiden Toten aus Budapest dauert, ist daher nicht zu sagen. Zu viele Puzzleteile sind zusammenzutragen und das Ergebnis ist offen.
Alle Kriegstoten gleich behandeln
Eine Erkennungsmarke, die jetzt an der Donau gefunden wurde, gehörte einem Wehrmachtssoldaten, die zweite einem Angehörigen der Waffen-SS. Sollte diese zu einem der beiden Toten gehören, muss das Bundesarchiv eine mögliche vorläufige Identifizierung des Volksbundes ebenfalls amtlich bestätigen.
„Wir behandeln alle Kriegstoten, die wir bergen, gleich und halten uns damit an die zwischen der Bundesrepublik Deutschland mit dem jeweiligen Staat geschlossen Kriegsgräberabkommen und die darin völkerrechtlich kodifizierten Zuständigkeiten“, erklärt Arne Schrader. Während des gesamten Krieges gab es rund 900.000 Mitglieder der Waffen-SS. Dazu gehörten überzeugte Nationalsozialisten, ausländische Freiwillige, aber auch – vor allem gegen Ende des Krieges – Zwangsrekrutierte und Minderjährige.
Beispiele in Ausstellungen
Mitglieder der Waffen-SS wie auch ganze Einheiten begingen schwerste Kriegsverbrechen, was dazu führte, dass die Alliierten sie nach dem Krieg zu einer verbrecherischen Organisation erklärte.
Auch Angehörige der Waffen-SS sind auf deutschen Kriegsgräberstätten in vielen Ländern bestattet. Der Volksbund zeichnet in seinen Dauerausstellungen und mit pädagogischen Angeboten auch Lebenswege dieser Menschen nach.
Einbettung in Budaörs
Es ist die feste Überzeugung des Volksbundes: Wer Lehren aus der Vergangenheit ziehen und sie vermitteln will, muss neben den Geschichten der Opfer auch die der Täter erzählen – damit nachvollziehbar wird, was den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust erst möglich gemacht hat.
Bestattet werden die geborgenen Toten im November 2026 auf der Kriegsgräberstätte Budaörs vor den Toren der ungarischen Hauptstadt Budapest.
Mehr zur Exhumierung am 3. und 4. August 2026 lesen Sie hier: Budapest: Niedrigwasser der Donau gibt Kriegstote frei.
Was 1944/45 in Budapest geschah, zeichnen wir hier nach: Weltkriegsfunde am Donau-Ufer: die historischen Hintergründe.
„Gräbersuche online“
Sollten Sie noch einen Angehörigen vermissen, recherchieren Sie in der „Gräbersuche online“ und stellen Sie einen Suchantrag, falls Sie kein Ergebnis finden. Dann benachrichtigt der Volksbund Sie, sobald es neue Erkenntnisse gibt.
Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
