Auf Rettungsboote gedrängt: Überlebende der Schiffsbesatzung eines Blockadebrechers, der 1943 von der französischen Marine im Südatlantik versenkt wurde. (© Public domain, via Wikimedia Commons)
Zum Sterben zurückgelassen – das Ende der deutschen Blockadebrecher
#volksbundhistory über vergessene Seekriegsgräber des Zweiten Weltkrieges
Regelmäßig erinnert der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. an die großen Katastrophen der deutschen Schifffahrtsgeschichte – die Versenkungen der „Wilhelm Gustloff“, der „Goya“ oder der „Steuben“, die 1945 für Tausende Menschen zu Seekriegsgräbern wurden. Nun richtet sich der Blick auf jene, die fernab der großen Tragödien ums Leben kamen: auf Einzelne, die allein in einem Seekriegsgrab ihre letzte Ruhe fanden. Auch ihre Schicksale verdienen Erinnerung.
Am 4. Januar 1944 endet mitten im Südatlantik, mehrere hundert Seemeilen vor der brasilianischen Küste, eine monatelange Jagd auf See. Amerikanische Kriegsschiffe haben den deutschen Blockadebrecher „Rio Grande“ gestellt. Kapitän Heinrich von Allwörden gibt den Befehl zur Selbstversenkung. Die Besatzung verlässt geordnet das Schiff. Alles ist vorbereitet. Selbst der Hund des Ersten Offiziers wird in eines der Boote gehoben.
Ein Mann bleibt zurück
Pünktlich detonieren drei 75-Kilogramm-Sprengladungen im Rumpf. Während die „Rio Grande“ langsam sinkt und sich die amerikanischen Schiffe nähern, stimmt die Besatzung ein dreifaches Hurra an. Ein sonniger, beinahe friedlicher Tag. Doch die Idylle trügt. Aus dem Inneren des Schiffes dringen Schreie. Ein Mann ist noch an Bord. Bewusst eingesperrt. Zurückgelassen. Er wird sterben. Wie kam es dazu?
Unter dem Hashtag #volksbundhistory berichten wir von historischen Ereignissen und liefern Hintergrundinformationen.
Unser Autor heute: Dr. Christian Lübcke, Militärhistoriker und Geschäftsführer des Landesverbandes Hamburg. Er ist Beauftragter für Seekriegsgräberangelegenheiten.
Himmelfahrtskommandos im Südatlantik
Im Zweiten Weltkrieg versucht die deutsche Kriegsmarine mit riskanten Operationen, die kriegswichtige Versorgung Deutschlands aufrechtzuerhalten. Einzelne Frachter laufen in Japan aus, voll beladen mit dringend benötigten Rohstoffen. Ihr Ziel: Europa. Ihr Weg führt durch ein Meer, das von alliierten Flugzeugen und Kriegsschiffen beherrscht wird. Getarnt, täuschend, verfolgt – jede Fahrt ist ein Glücksspiel. Und nach dem Kriegseintritt der USA sinken die deutschen Erfolgschancen dramatisch.
Im Oktober 1943 organisiert Vizeadmiral Paul Wenneker, deutscher Marineattaché in Tokio, ein besonders gewagtes Unternehmen. Fünf Blockadebrecher sollen gleichzeitig den Durchbruch wagen: „Alsterufer“, „Burgenland“, „Osorno“, „Rio Grande“ und „Weserland“ – ein kollektiver Versuch, die alliierte Blockade zu durchbrechen: ein Himmelfahrtskommando! Zur Unterstützung entsendet die Kriegsmarine einen U-Boot-Verband. Die Gruppe „Borkum“ soll die Frachter nach besten Kräften schützen. Doch der alliierte Druck ist überwältigend.
Kampf, Feuer, Untergang
Am 23. Dezember 1943 erreicht als erstes Schiff die „Osorno“ das Seegebiet der Azoren. Dort trifft sie nicht nur auf deutsche U-Boote, sondern wird zugleich von einer alliierten Trägerkampfgruppe entdeckt. Die folgende Seeschlacht fordert Verluste: Zwei alliierte Zerstörer werden versenkt und auch das deutsche U-Boot „U 645“ mit 55 Mann Besatzung wird zu einem Seekriegsgrab. Die „Osorno“ entkommt. Stetig gejagt erreicht sie die Gironde-Mündung, kollidiert mit dem Wrack der „Nestor“ und kann dennoch auf Grund gesetzt werden. Ihre Ladung wird später gelöscht – ein seltener Erfolg.
Die anderen Schiffe haben weniger Glück. Die „Alsterufer“ wird am 27. Dezember 1943 von alliierten Flugzeugen im Nordatlantik in Brand geschossen. Die „Weserland“ wird am 2. Januar 1944 zwischen Ascension und Brasilien von einem amerikanischen Zerstörer gestellt. Sie sinkt mit fünf Toten an Bord: ein weiteres deutsches Seekriegsgrab.
Tod ohne Feindkontakt
Anfang Januar 1944 erreichen auch die „Burgenland“ und die „Rio Grande“ den Südatlantik vor Brasilien. Beide Schiffe werden von US-Kriegsschiffen gejagt und beide Besatzungen versenken ihre Schiffe selbst. Auch diese Wracks werden zu Seekriegsgräbern. Doch an Bord dieser beiden Schiffe sterben Menschen – ohne Feindeinwirkung.
Der Grund liegt in einem Befehl, den Vizeadmiral Wenneker vor dem Auslaufen erteilt hat: Kein Gefangener dürfe bei einer Selbstversenkung lebend in Feindeshand fallen. Auf mehreren Schiffen befinden sich Arrestanten. Auf der „Osorno“ überleben drei eingesperrte Seeleute nur knapp. Auf der „Rio Grande“ jedoch bleibt ein Mann zurück.
Alfred Poweleit
Alfred Poweleit ist 26 Jahre alt. Sein Vergehen: Schwarzhandel mit gestohlenen Armbanduhren. Als der Kapitän die Selbstversenkung befiehlt, bleibt Poweleit in der Arrestzelle eingeschlossen. Durch ein Bullauge sieht er, wie seine Kameraden das zur Versenkung vorbereitete Schiff verlassen. Die „Rio Grande“ sinkt langsam.
Alfred Poweleits sterblichen Überreste liegen bis heute im Wrack der „Rio Grande“ – in 5.762 Metern Tiefe. Nach der Entdeckung im Jahr 1996 galt das Wrack für mehrere Jahrzehnte als das am tiefsten liegende entdeckte Schiffswrack der Welt.
Karl Hofmaier
Auch auf der „Burgenland“ befindet sich ein Gefangener. Karl Hofmaier, 31 Jahre alt, Wiener Journalist, Berichterstatter für den „Völkischen Beobachter“. Nach dem Auffliegen eines Spionagenetzes rund um den in Japan tätigen Journalisten Richard Sorge gerät auch er unter Verdacht. Deutsche Stellen stufen ihn als „Halbjuden“ mit kommunistischer Vergangenheit ein. Beweise für Spionage gibt es keine. Die japanischen Behörden lassen ihn laufen – die deutsche Botschaft nicht.
Als der amerikanische Kreuzer „Omaha“ die „Burgenland“ am 5. Januar 1944 stellt, wird Hofmaiers Schicksal besiegelt. Ein eigens abkommandierter SS-Hauptsturmführer schießt den Journalisten an Bord nieder. Die Besatzung geht in die Boote. Hofmaier bleibt zurück und stirbt. Bis heute existieren keine Belege dafür, dass er jemals als Spion tätig war.
Keine Schuldigen?
Nach dem Verlust der Blockadebrecher stellt die Kriegsmarine diese Unternehmungen ein. Die Verantwortung für den Tod der Gefangenen bleibt ungeklärt. 1965 erhebt die Hamburger Staatsanwaltschaft Anklage gegen Admiral Wenneker und weitere Beteiligte wegen Mordes an Alfred Poweleit und Karl Hofmaier. Ein Jahr später enden die Verfahren mit Freisprüchen. Das Gericht wertet die Taten als Totschlag – und erklärt sie für verjährt.
Seekriegsgräber
Die Wracks der „Rio Grande“, der „Burgenland“, der „Weserland“ und des U-Bootes „U-645“ liegen bis heute auf dem Meeresgrund. Sie gelten als deutsche Seekriegsgräber und stehen unter internationalem Schutz. Für die Einstufung als Seekriegsgrab ist es völlig unerheblich, ob sich an Bord eines Wracks hunderte Tote befinden oder nur einer.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. leistet einen entscheidenden Beitrag zur systematischen Erfassung deutscher Seekriegsgräber weltweit und steht hierzu mit örtlichen maritimen Behörden in regelmäßigem Austausch. Neben dem Schutz der Seekriegsgräber vor illegalem Zugriff engagiert sich der Volksbund auch für die maritime Erinnerungsarbeit – gerade auch für die Toten, deren letzte Ruhestätten keine Grabsteine haben.
Text: Dr. Christian Lübcke
Kontakt
Lese-Tipps:
Clemens Jochem: „Ihr Mörder – ich bin unschuldig!“ Zum Schicksal des Journalisten Karl Raimund Hofmeier in Japan. In: OAG Notizen, 04/2020, S. 8-36.
Des Teufels Admiral. Wer war an dem Tod des Heizers Poweleit schuld?“. In: DIE ZEIT Nr. 08/1966, 18.02.1966.
„Sieh Dir die Sonne noch mal an!“. In: DER SPIEGEL Nr. 36/1965, 31.08.1965.
Folgende Beiträge zum Thema Seekriegsgräber sind bereits auf unserer Homepage erschienen:
Vor 80 Jahren: Als die Ostsee zum Massengrab wurde
Seekriegsgräber – faszinierend, gefährdet, geplündert
U-Boot-Wracks vor Zeebrugge: Ein Kranz für den Ururgroßonkel
Von Plünderungen bedroht: Seekriegsgräber
#volksbundhistory
Ob der Beginn einer Schlacht, ein Bombenangriff, ein Schiffsuntergang, ein Friedensschluss – mit dem Format #volksbundhistory möchte der Volksbund die Erinnerung an historische Ereignisse anschaulich vermitteln und dabei fachliche Expertise nutzen. Der Bezug zu Kriegsgräberstätten und zur Volksbund-Arbeit spielt dabei eine wichtige Rolle.
Die Beiträge werden sowohl von Historikern aus den eigenen Reihen als auch von Gastautoren stammen. Neben Jahres- und Gedenktagen sollen auch historische Persönlichkeiten und Kriegsbiographien vorgestellt werden. Darüber hinaus können Briefe, Dokumente oder Gegenstände aus dem Archiv ebenfalls Thema sein – jeweils eingebettet in den historischen Kontext.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist ein gemeinnütziger Verein, der seine Arbeit überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert.
Der Volksbund ist...
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Knapp 6.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
