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Das Grab des Volkssturmmannes

Spurensuche im polnischen Henryków

Das polnische Örtchen Henryków-Lubański, bis 1945 Hennersdorf, liegt dicht an der deutschen Grenzstadt Görlitz, polnisch Zgorzelec. Eine kleine, ruhige Gemeinde mit rund 850 Einwohnern. Das Prägnanteste ist die katholische Kirche St. Nikolaus. Hennersdorf war von Januar bis Mai 1945 Schauplatz erbitterter Kämpfe und danach – wie so häufig – von Rache, Hass, Vertreibung und Flucht. 80 Jahre später hat sich eine kleine Gruppe von Menschen auf die Suche nach Spuren begeben.
 

Sondengänger findet Wehrmachtshelm

Nach einem heißen Augusttag hat sich in der Nacht das Wetter gedreht: Es ist kühl geworden und regnet in Strömen. Eine Journalistin von der Sächsischen Zeitung, ein Kameramann aus München und Mitarbeiterinnen des Volksbundes sind angereist, um eine Exhumierung zu begleiten. Die Autokolonne fährt durch dichten Wald, der vom Regen aufgeweichte Boden wird schlammiger. Tomasz Czabański, Leiter der Firma Pomost, die seit über 20 Jahren für den Volksbund in Westpolen arbeitet, beschließt, die Autos stehen zu lassen und führt die Gruppe tiefer in den Wald. Ein Sondengänger hatte dort zuvor einen Wehrmachtshelm mit menschlichen Überresten gefunden und die polnischen Behörden informiert. 

Ein Blick zurück: Was geschah 1945?

In den letzten Kriegsmonaten erlebten die Deutschen, wie der Krieg mit voller Härte zurückschlug und nichts und niemanden schonte. Der Winter war erbarmungslos, von eisiger Kälte und tiefem Schnee wird berichtet. 

Am 7. Januar wurden 16-jährige Hitlerjungen und 60-jährige Männer zum „Volkssturm“ zusammengefasst. Die nationalsozialistische Führung erklärte die Stadt Breslau, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, zur „Festung“. Die Stadt sollte auf jeden Fall „gehalten“ werden und um keinen Preis in die Hände der Kriegsgegner fallen. Gauleiter Karl Hanke forderte die „nicht wehrfähige“ Bevölkerung auf, die Stadt sofort zu verlassen. Vom 21. Januar an verließen die Flüchtlinge zu Fuß und mit Karren Breslau. Zur gleichen Zeit erreichten 42 Panzer der Roten Armee Hennersdorf. Es kam zu schweren Kämpfen, willkürlichen Erschießungen, Vergewaltigungen und Plünderungen. 

Ort der letzten Goebbels-Rede

In den ersten Märztagen eroberte die Rote Armee Hennersdorf, doch am 8. März 1945 gelang der Wehrmacht die Rückeroberung. Diesen kurzen Erfolg nutzte der -  zu diesem Zweck eigens angereiste - Propagandaminister Joseph Goebbels zur Inszenierung einer reichsweiten Kampagne: mit einer Ansprache auf dem Marktplatz von Lauban, der Auszeichnung eines Hitlerjungen und seiner letzten öffentlichen Rede, die in der „Deutschen Wochenschau“ übertragen wurde. 

Am 9. Mai verkündete ein russischer Reiter der Dorfbevölkerung: „Der Krieg ist aus!“. Die Rote Armee unterstellte den gesamten Kreis Lauban der Verwaltung der Volksrepublik Polen. Er bekam den polnischen Namen „Lubań“. Die verbliebenen rund 3.000 deutschen Einwohner wurden bis 1946 vertrieben und die Stadt mit Menschen aus Polen besiedelt.

Wo heute Bäume wachsen, waren früher Felder

Für das Dorf liegen 34 Verlustmeldungen vor, das Bundesarchiv in Berlin weiß nur von 14 Toten. Die Gruppe sucht sich einen Trampelpfad durch den mit Sträuchern und jungen Bäumen bewachsenen Wald. Dieser Wald ist schon ein erster Hinweis: Vor achtzig Jahren gab es ihn noch nicht, er wuchs erst nach 1945. Die vielen Löcher und Gruben lassen auf ehemalige Schützengräben schließen. In den Archiven des Ortes steht zu lesen, dass die sowjetischen Panzer über die Felder gekommen wären. Dies deckt sich mit den Informationen, die Tomasz Czabański hat.

Die Lage des Toten irritiert

Nun beginnt die Grabung. Zunächst werden mit dem Spaten die oberen Erdschichten abgehoben. Je tiefer gegraben wird, umso feiner und filigraner werden die Werkzeuge der Männer. Die Erde wird dunkler, der sogenannte Leichenschatten sichtbar. Diese Dunkelfärbung weist auf die Metabolisierungen, also Verstoffwechselungen im Boden hin, die durch den Verwesungsprozess entstehen. Nun arbeiten die Umbetter mit Spachtel und Bürsten. Die ersten Knochen werden sichtbar, aber irgendetwas irritiert. Dann erkennen wir, was so anders aussieht als üblich: Der Tote liegt auf dem Bauch, nicht auf dem Rücken, sowie es die damaligen Wehrmachtsgräbervorschrift forderte. Warum der Tote bäuchlings in das Grab gelegt wurde, darüber können wir nur mutmaßen. 

Der Mann war zwischen 55 und 65 Jahre alt

Tomasz bringt den Wehrmachtshelm und den Schädel des Toten zu der Grablage und legt beides zu den Gebeinen. Auch hier ist der Anblick irritierend, denn der Tote trug einen Zahnersatz im Oberkiefer. Bei der Untersuchung des Schädels können die Umbetter erkennen, dass die Schädelnähte komplett verwachsen und kaum noch sichtbar sind. Je jünger ein Mensch ist, desto deutlicher sind die Schädelnähte gezackt. Im Laufe des Lebens verwachsen sie immer stärker. 

Das ist ein Indiz, an dem das Alter eines Toten geschätzt werden kann. Die Umbetter nutzen weitere Epiphysenfugen zur Bestimmung des Alters. Bei Menschen in diesem Alter sind sie komplett verknöchert und Gelenke entsprechend abgenutzt. Es handelt sich also um einen Mann zwischen 55 und 65 Jahren. Deshalb vermuten die Experten, dass es sich um einen Volkssturmmann handelt. Eine Erkennungsmarke finden die Umbetter auch nach mehrfacher Suche mit dem Metalldetektor nicht. 

Keine einheitlichen Erkennungsmarken

Für den „Volkssturm“, der im September 1944 nach einem „Führererlass“ aufgestellt wurde, gab es keine einheitlichen Erkennungsmarken. Zinkblech und Aluminium, aus denen sie üblicherweise angefertigt wurden, waren zur Mangelware geworden. Deshalb mussten Blechabfälle genutzt werden, manchmal auch Markenrohlinge.  Viele waren sehr dünn und gingen schnell kaputt, sodass die Träger sie oft nicht mehr am Körper trugen.

Schließlich werden die Gebeine des Toten behutsam in eine Kunststoffwanne gelegt. An einem Oberarmknochen des Toten ist eine alte Verletzung zu erkennen, vermutlich ein Bruch. Einige Uniformknöpfe, fast zerfallene Stoffreste, die Reste einer Lampe werden als „Beifunde“ eingesammelt. Auch sie können Auskunft über ihre Träger geben, wenn es sich um persönlichen Besitz mit Gravuren und Eheringe handelt. Nachdem die sterblichen Überreste exhumiert sind, suchen die Umbetter in der direkten Umgebung weiter. Ihre Probegrabungen sind erfolglos – keine Erkennungsmarke, keine Gebeine, nichts.

Der Tote aus Henryków wird vermutlich nicht identifiziert werden können. Er ist einer der vielen Menschen, die in den letzten Kriegsmonaten nicht nur ihr Leben, sondern auch ihren Namen verloren. Sein Schicksal bleibt ungeklärt. Das letzte, was der Volksbund ihm noch geben kann, ist ein würdiges Grab. 

Der Volksbund ist...

… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 10.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
 

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