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Frankreich in den 1960er Jahren: Wie Grabpflege Vertrauen schuf

#volksbundhistory erinnert an die Bedeutung der frühen Workcamps für die Versöhnung

2025 war der Volkstrauertag für Karin Schönfeldt aus Schwerte ganz besonders: Die 80-Jährige nahm an der Gedenkstunde im Bundestag teil. Als junge Frau war sie dreimal in Frankreich, um Kriegsgräber zu pflegen, und lernte dabei ihren Mann kennen. Ihre Tochter ist Lehrerin und motiviert mit der Geschichte ihrer Mutter Schülerinnen und Schüler, für den Volksbund zu sammeln. Hier schildert Karin Schönfeldt ihre Erinnerungen.
 

Wie viele Familien hatten auch wir Angehörige im Krieg verloren. Zu Beginn der Flucht aus Elbing (Westpreußen) im Januar 1945 wurde mein Großvater von den Russen verschleppt. Er wurde nie gefunden. Ein Onkel meines Mannes ist seit 1943 in Wolgograd (früher Stalingrad) vermisst. Dank des Engagements des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. erinnert dort heute zumindest sein Name auf einer Gedenktafel an ihn.
 

Unter dem Hashtag #volksbundhistory berichten wir von historischen Ereignissen und liefern Hintergrundinformationen. Unsere Autorin heute: Karin Schönfeldt. In den 1960er Jahren reiste sie dreimal nach Frankreich, um Kriegsgräber zu pflegen.

Familiengeschichte prägt

Die Erlebnisse in den letzten Kriegsmonaten und auf der neunmonatigen Flucht prägten maßgeblich die schwierigen Anfänge der Nachkriegszeit für unsere ganze Familie. So entstand für mich als 18-Jährige die Idee, den Volksbund in Verbindung mit der evangelischen Kirchengemeinde Bremen-Vegesack zu unterstützen.

Unser Diakon Klaus Nebelung und seine Frau Waltraud hatten sich schon früh um die deutsch-französische Friedensarbeit bemüht. Sie organisierten nördlich von Paris bei Compiègne die Pflege der deutschen Kriegsgräber in Chauny (1963) und in Lassigny (1964 und 1965). Bei allen drei Arbeitseinsätzen war ich dabei.
 

Frieden braucht Mut

Nach den drei letzten Kriegen – dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sowie dem Ersten und Zweiten Weltkrieg – waren die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland auf dem Tiefpunkt. Inzwischen waren mehrere Generationen in gegenseitigem Hass aufgewachsen und oftmals von persönlichen Kriegstraumata geprägt.

Am 14. September 1958 hatte der französische Präsident Charles de Gaulle Bundeskanzler Konrad Adenauer in sein Privathaus auf dem Landsitz in Colombey-les-Deux-Églises eingeladen. Diese besondere Geste setzte den ersten Meilenstein auf dem Weg zur deutsch-französischen Freundschaft. Mit dem Élysée-Vertrag, wie der Freundschaftsvertrag auch genannt wird, wurde die Grundlage für die Versöhnung gelegt.
 

Bundesverdienstkreuz für Versöhnung

In diesem Zusammenhang wurde der Volksbund mit der Betreuung der deutschen Soldatenfriedhöfe in Frankreich betraut.

Nachdem der bilaterale Freundschaftsvertrag 1963 von den Regierungschefs besiegelt worden war, konnte Klaus Nebelung sein Engagement in Frankreich intensivieren. Durch die Versöhnung über Gräbern entstanden Freundschaften. 

Für sein leidenschaftliches Engagement für Frieden und Aussöhnung erhielt unser Diakon 1986 das Bundesverdienstkreuz.
 

Chauny 1963

Deutsche Truppen hatten im Ersten Weltkrieg auf ihrem Rückzug 1917 die Stadt Chauny gesprengt und verwüstet hinterlassen. Zwischen 1920 und 1930 mussten die Franzosen sie mühselig wieder aufbauen. Für uns als deutsche Jugendliche, die diese Stadt besuchten, war das Maß an Zerstörung schwer zu verarbeiten.

Im Juli 1963 organisierten Klaus Nebelung und Siegfried Falke vom Volksbund eine Reise nach Frankreich, an der ich erstmalig teilnahm. Im Bus nach Chauny (Département Aisne) saßen 42 Jugendliche (24 Jungen und 18 Mädchen) aus Bremen und Berlin.  Für zwei Wochen pflegten wir den deutschen Soldatenfriedhof aus dem Ersten Weltkrieg in Viry-Noureuil. An fünf Wochentagen arbeiteten wir auf dem Friedhof.
 

Mit Bundeswehr-Unterstützung

Bei 35 Grad hatten wir die Aufgabe, Bäume zu fällen, den harten Lehmboden umzugraben und Kreuze zu stabilisieren. Bei der kräftezehrenden Arbeit fanden wir immer wieder Munitionsteile und persönliche Dinge von den Soldaten, was uns sehr bewegte.

Begleitet wurden wir von einem Team der Bundeswehr, das mit einem Lastwagen Gartengeräte, Werkzeug und Feldbetten für die Gruppe transportierte. Wir waren in einer Schule untergebracht. Das Mittagessen wurde uns im Restaurant serviert, Frühstück und Abendessen gab es in der Schule. Dafür waren wir im Team verantwortlich.
 

Arbeit beeindruckt

Bei unserem ersten Besuch im Lokal trafen wir auf eine Gruppe älterer Herren, die uns unfreundlich beäugten und musterten – eigentlich auch nicht verwunderlich, wir waren ja die Kinder des früheren Feindes. Auf dem Friedhof wurden wir oft von Anwohnern beobachtet. Letztlich haben wir wohl die Franzosen mit unserer Arbeit beeindruckt. Nach ein paar Tagen brachten einige Anwohner Obst und kühle Getränke, manchmal auch Cidre.

Am 13. Juli 1963 kam der Bürgermeister von Chauny zu uns in die Schule und bat uns, am nächsten Tag am Umzug zum Nationalfeiertag teilzunehmen. Eine bislang unvorstellbare Geste: deutsche Jugendliche als Teilnehmer an einer Parade zum französischen Nationalfeiertag. Wir waren sehr beeindruckt.
 

Empfang im Rathaus

Im Rathaus hatte man dann für unsere Gruppe einen Empfang mit Champagner und Löffelbiskuits vorbereitet. Alle 44 Teilnehmerinnen und Teilnehmer durften sich in das Goldene Buch der Stadt Chauny eintragen. Aus Bremen und Berlin wurden dem Bürgermeister Geschenke überreicht. Ein paar freie Tage nutzten wir für Ausflüge zum Beispiel an die Kanalküste nach Le Tréport und nach Compiègne. Wir besichtigten die Kathedralen in Reims und Laon. Für viele Teilnehmer war es 1963 die erste große Fahrt, das erste Mal in Frankreich. Gekrönt wurde die Reise mit drei Tagen in Paris.   

 Mit einer Kranzniederlegung auf dem Friedhof verabschiedeten wir uns aus Chauny. Wir haben trotz aller Arbeit eine positive Zeit in Frankreich erlebt mit netten Kontakten und schönen kulturellen Erlebnissen. Als im selben Sommer eine französische Jugendgruppe zum Austausch nach Bremen-Vegesack kam, vertieften wir diese Eindrücke noch.
 

Lassigny-Oise 1964

Auch Lassigny war von den Schrecken und Zerstörungen an der Westfront betroffen. Im September 1914, wenige Wochen nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges, fand die Schlacht an der Aisne statt. Es kam zu schweren Gefechten. Bald darauf erstarrte die Westfront und ein jahrelanger Stellungskrieg begann. Viele gefallene deutsche Soldaten wurden in Lassigny bestattet. Nach einem weiteren fürchterlichen Krieg zwischen Deutschland und Frankreich, dem Zweiten Weltkrieg, war der Friedhof in den frühen 1960er Jahren verwahrlost und ungepflegt. 

Auf der Hinfahrt hielten wir an der Kriegsgräberstätte Ysselstein (Niederlande) und fuhren dann weiter nach Lommel (Belgien), wo 39.000 Tote des Zweiten Weltkrieges ruhen. Viele Gefallene wurden 1946/47 nach Lommel umgebettet. Jahrelang bemühte sich der Volksbund um die Identifizierung der Soldaten. Ehrfurchtsvoll standen wir dort vor dem riesigen Gräberfeld. Mit Dankbarkeit blickt man zurück, dass unsere Generation im Frieden aufwachsen konnte.
 

Mit 100 D-Mark zum Pflegeeinsatz

Am nächsten Tag folgte die Weiterfahrt über Brüssel nach Lassigny. Disziplin war in unseren „Sommerferien“ angesagt: An fünf Arbeitstagen war um 6.30 Uhr Wecken und um 22.30 Uhr Lagerruhe. Träger der Fahrt war die evangelische Gemeindejugend Bremen-Vegesack in Zusammenarbeit mit der Berliner Naturfreundejugend und dem Volksbund.

Um an der Fahrt mit der harten Arbeit auf den Friedhöfen teilnehmen zu können, hatten wir einen Beitrag von 100 Mark für Unterkunft, Verpflegung, Besichtigungsfahrten sowie die Hin- und Rückfahrt gezahlt. Auch in diesem Jahr ergaben sich am französischen Nationalfeiertag (14. Juli) nette Kontakte zur Bevölkerung. So wurde zum Beispiel ein deutsch-französisches Fußballspiel organisiert. Nach getaner Arbeit spielte unsere eigene kleine Band abends auf dem Schulhof.
 

Einladung in die Botschaft

Als Entschädigung für die harte Arbeit auf dem Friedhof hatte Klaus Nebelung erneut Ausflüge nach Amiens und Paris organisiert. Uns blieben Versailles, der historische Eisenbahnwagon von Compiègne sowie die Einladung in die Deutsche Botschaft in Paris in besonderer Erinnerung.

Auf dem Rückweg nach Bremen fuhren wir über Verdun und besichtigten das Beinhaus. Dreidimensionale Dias konnten wir dort betrachten und fühlten uns dabei wie Soldaten im Schützengraben. Wir waren schockiert. Die zwei Wochen in Frankreich vergingen wie im Fluge. Die Arbeit auf dem Friedhof haben wir gerne gemacht, konnten aber nicht alles umsetzten. Um die Aufgaben dort zu vollenden, organisierte man im folgenden Jahr zwei weitere Arbeitswochen in Lassigny.
 

Lassigny 1965

Im Sommer 1965 bestand das Team aus den Betreuern und 40 jungen Männern sowie drei jungen Frauen. Inzwischen war die Arbeit auf dem Friedhof routinierter und in diesem zweiten Jahr waren die Fortschritte bei der Pflege der Soldatengräber deutlich erkennbar. In der Freizeit spielten wir Fußball und Tischtennis, abends trat unsere Band mit Beatles-Songs auf, bei denen kräftig mitgesungen wurde.  

Auch diese Gruppe machte einen Ausflug nach Compiègne und am Ende der ersten Woche stand auch wieder Paris mit zwei Übernachtungen auf dem Plan. Das Künstler-Viertel Sacré-Cœur war besonders abends beliebt. Man saß auf den Treppen, schaute runter auf die Stadt und sang bei Gitarren-Musik internationale Lieder. Es war traumhaft. Auf dieser Fahrt hatten wir auch Zeit, den Louvre und Notre-Dame zu besichtigen.
 

Eine Verbindung fürs Leben

Die Arbeit auf den Kriegsgräberstätten brachte nicht nur zwei Länder näher zusammen, sondern auch zwei Menschen. Bei meiner dritten „Kriegsgräberfahrt“ war auch ein ganz besonders netter junger Mann dabei: Wolfgang Schönfeldt. Unsere Beziehung begann in Frankreich an deutschen Soldatengräbern, wir schlenderten Hand in Hand durch Paris und sind inzwischen über 50 Jahre verheiratet. 

Wir bekamen Drillinge, die heute in München, Berlin und Oldenburg wohnen. Unsere Tochter Stephanie unterrichtet am Gymnasium Geschichte und engagiert sich dort für die jährlichen Schülersammlungen zugunsten der Kriegsgräberpflege. 

Es waren drei unvergessliche Fahrten zu den deutschen Kriegsgräberstätten in Frankreich. Was hätte ich alles versäumt, wenn ich nicht mitgefahren wäre!  

Text: Karin Schönfeldt
 

Wer sich für internationale Jugendbegegnungen und Workcamps heute interessiert, kann sich hier informieren.
 

#volksbundhistory

Ob der Beginn einer Schlacht, ein Bombenangriff, ein Schiffsuntergang, ein Friedensschluss – mit dem Format #volksbundhistory möchte der Volksbund die Erinnerung an historische Ereignisse anschaulich vermitteln und dabei fachliche Expertise nutzen. Der Bezug zu Kriegsgräberstätten und zur Volksbund-Arbeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Beiträge werden sowohl von Historikern aus den eigenen Reihen als auch von Gastautoren stammen. Neben Jahres- und Gedenktagen sollen auch historische Persönlichkeiten und Kriegsbiographien vorgestellt werden. Darüber hinaus können Briefe, Dokumente oder Gegenstände aus dem Archiv ebenfalls Thema sein – jeweils eingebettet in den historischen Kontext.

 

Der Volksbund ist...

… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 10.000 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich rund 38.000 junge Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
 

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