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Margers Vestermanis: ein großer europäischer Brückenbauer

Nachruf auf einen Holocaust-Überlebenden, der den Deutschen bedingungslos die Hand gereicht hat

Wenn die Würdigung, dass „ein großer Mensch von uns gegangen ist“, eine Berechtigung hat, dann bei Margers Vestermanis. Der große Versöhner, der am 18. September 1925 im lettischen Riga geboren wurde, hat dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. und dem Riga-Komitee bedingungslos und als einer der Ersten die Hand gereicht. Im Alter von fast 101 Jahr ist er am 30. Juli in seiner Heimatstadt verstorben. Ein Nachruf von Thomas Rey.
 

Margers Vestermanis stammte aus einem gutbürgerlichen Hause. Er lernte mehrere Sprachen – unter anderem Deutsch, das er akzentfrei und fließend sprach. Als 15-Jähriger kam er 1941 unter deutscher Besatzung ins Rigaer Ghetto und musste dort Zwangsarbeit leisten. Unter anderem musste er die Leichen seiner ermordeten Glaubensbrüder und -schwestern zum Friedhof transportieren.

Nachdem er seinen Schergen durch Flucht in die Wälder Kurlands entkommen war, schloss er sich dort Partisanen an und überlebte so den Zweiten Weltkrieg in Lettland.
 

Eine Größe auf vielfache Weise

Groß war er gleich in mehrfacher Hinsicht: zum einen in seiner Arbeit als Historiker, der gegen Widerstände bereits zu Sowjetzeiten an die Ermordung der Jüdinnen und Juden in Lettland erinnerte, und auch dadurch, dass er das Museum „Juden in Lettland“ aufbaute und viele Jahre als Direktor leitete.

Groß war er aber vor allem aus einem ganz anderen Grund: Seine ganze Familie war während der deutschen Besatzung bei den Massenerschießungen in Rumbula am „Rigaer Blutsonntag“ teils in die Gruben gezwungen und dort oder andernorts ermordet worden. Und dennoch suchte und führte Margers Vestermanis immer auch das Gespräch mit Deutschen, die gleichsam „Nachfahren der Täter“ waren oder sein konnten. Ohne Verbitterung war er bereit, teils jahrzehntelange Freundschaften mit Deutschen zu schließen – trotz des unsäglichen Leids, das er erlitten hatte.
 

Menschlichkeit half beim Überleben

Er war ein „europäischer Brückenbauer“ im besten Sinne des Wortes, von denen es gerade in heutigen Zeiten nie genug geben kann. Dass es seit Jahren wieder Krieg in Europa gibt, beschäftigte ihn auch in seinem hohen Alter sehr. Für ihn war jedoch immer klar, dass aus der Geschichte nur Menschen lernen, „die aus der Geschichte lernen wollen“.

Doch sein inhaltliches Lieblingsthema war die Menschlichkeit, ohne die er – wie er selbst sagte – nicht hätte überleben und so lange leben können. Anlässlich seines 100. Geburtstages im vergangenen September stellte er sein Buch über die „Judenretter in Lettland“ vor, das in Kürze auch auf Deutsch veröffentlicht werden soll.
 

Ein letztes Interview

Im April 2010 durfte ich ihn während der Vorbereitungsfahrt zur ersten Gedenk- und Erinnerungsreise des Riga-Komitees anlässlich seines zehnjährigen Bestehens kennenlernen. Im Juli 2026, bei der fünften Gedenk- und Erinnerungsreise des Riga-Komitees, sah ich ihn das letzte Mal. So schloss sich der Kreis.

Nach der offiziellen Gedenkveranstaltung zum lettischen Holocaustgedenktag habe ich ihn ein letztes Mal kurz interviewt und bat ihn darum, noch einmal auf Deutsch zu sagen, was er zuvor während der Gedenkstunde gesagt hatte. Er antwortete: Wenn man so lange wie er darauf gewartet habe, dann sei es gut, die offenen Worte der lettischen Staatsspitze und somit der lettischen Gesellschaft zu hören, die Verständnis und eigene Verantwortung für das Geschehene ausdrückten.
 

Gesellschaft verständigt sich jetzt erst

Er habe bei der Gedenkstunde dafür gedankt, dass die (lettische) Gesellschaft zu verstehen beginne, dass es „so etwas niemals zuvor in der Geschichte gab, dass sogar Kinder und Frauen unbarmherzig in die Gruben gestoßen wurden.“ Ohne diese Worte sei ein respektvolles Zusammenleben nicht möglich.

Sein Fazit: „Wenn wir uns in der Gesellschaft nicht verständigen, dann können wir nicht zusammenleben.“ Diese Verständigung erfolge nun. Mit dem ihm eigenen Humor ergänzte er, dass sein Redebeitrag nicht so kurz gewesen wäre, wenn es nicht so stark geregnet hätte.

„Die Freundschaft erhalten!“

Auf meine Frage, ob er noch eine Botschaft habe, die wir nach Deutschland mitnehmen könnten, antworte er: „Ja: die Freundschaft erhalten!“

Margers Vestermanis ist am Donnerstag, 30. Juli 2026, in Riga friedlich verstorben, wie aus dem Kreis der Familie zu hören war. Er wurde auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Smerlis beerdigt.

Text: Thomas Rey, Referat Erinnerungskultur, Grundsatz- und Netzwerkarbeit
Kontakt

„Wenn wir uns in der Gesellschaft nicht verständigen, dann können wir nicht zusammenleben.“

Margers Vestermanis, Holocaust-Überlebender aus Riga

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… Sie auf den Seiten des Riga-Komitees und in der aktuellen Berichterstattung aus der lettischen Hauptstadt von Anfang Juli: Eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte

25 Jahre Riga-Komitee: „Mein Großvater, der Täter“

www.riga-komitee.eu
 

Botschafter der Erinnerung

Im September 2026 fahren 30 Jugendliche und junge Erwachsene aus den Riga-Städten in die lettische Hauptstadt. Als „Botschafter der Erinnerung” werden auch sie von Margers Vestermanis hören: Lernort Riga: Bethe-Stiftung verdoppelt Spenden. Der Volksbund ermöglicht die Reise mit Hilfe der Bethe-Stiftung.

Er ist ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote sucht und birgt, sie würdig bestattet und ihre Gräber pflegt. Dafür ist er dringend auf Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen.
 

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