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„Dann sind wir auf einem sehr guten Weg!“
Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zum „Gedenken an Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“
21. Mai 2019
  • Hessen

100 Jahre Volksbund, das sind auch 100 Jahre Erinnern und Gedenken im Wandel der Zeit. Der Landesverband Hessen nimmt den Geburtstag des Volksbundes als Anlass, sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen und lud in diesem Zusammenhang zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung in der Evangelischen Akademie ein.

„Den Volkstrauertag begehen wir als den Gedenktag für alle Toten von Krieg und Gewaltherrschaft und entwickeln ihn in Form und Inhalt weiter. …“ so heißt es im 2016 verabschiedeten Leitbild des Volksbundes. Dieses gemeinsame Gedenken aller Kriegstoter war (und ist) jedoch nicht immer unproblematisch. Zugleich ist es in sich bereits eine inhaltliche Weiterentwicklung des Gedenkens in der 100jährigen Geschichte des Volksbundes.


Professor Wolfgang Kruse, der erste Vortragende des Tages, lehrt Geschichte an der Fernuniversität Hagen und ist Mitautor der im Spätsommer erscheinenden Studie zur Geschichte des Volksbundes. In diesem Zusammenhang hat er sich intensiv mit oben genannter Gedenkformel, der damit verbundenen Haltung des Volksbundes und auch dem öffentlichen Diskurs über die Jahre hinweg befasst.
Kruse zeichnet dabei ein kritisches Bild: „Der Volksbund musste immer wieder zum Jagen getragen werden.“ In zentralen gedenkpolitischen Fragen habe sich der Verband oftmals erst auf einigen politischen Druck hin bewegt und seine Grundhaltung – sehr vereinfacht ausgedrückt, Soldat und Soldatengrab zuerst, Vermeidung der Diskussion um Täter und Opfer –  nur sehr zögerlich verändert. Die gesellschaftliche Entwicklung war dem Volksbund lange Zeit voraus.
Unmittelbar nach Kriegsende und in die fünfziger Jahre hinein wurden die Opfer des Nationalsozialismus erst an zweiter Stelle, also nach den deutschen Kriegsopfern, benannt – einzige Ausnahme waren die sozialdemokratisch regierten Länder Hessen und Hamburg, die die Formel damals bereits umdrehten.
Die Problematik der Reihenfolge, die, so Kruse, durchaus als Hierarchisierung zu verstehen war, sowie des gemeinsamen Gedenkens in einem Atemzug, bildete sich in den 60er Jahren heraus.  Ausdruck diesen Wandels ist die Umbenennung und Erweiterung des Gräbergesetzes, die 1965 erfolgte: aus „Kriegsgräbern“ wurden die „Gräber von Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ und in Ergänzung zur Fassung von 1952 wurden die Opfer des nationalsozialistischen Regimes explizit aufgeführt.
Diese Erweiterung und die damit einhergehende öffentliche und rechtliche Gleichstellung der Opfer des Nationalsozialismus mit den Gefallenen der Weltkriege und anderen Kriegstoten ist, so Kruse, aber ebenfalls nicht unproblematisch, da der „spezifische Charakter des Todes in der Vernichtungsmaschinerie des NS-Regimes Gefahr lief als Kriegshandlung verharmlost oder nivelliert zu werden“. Zugleich wurden die Soldaten zu „passiven Opfern von Krieg und Gewalt“. Orte wie Kloster Arnsburg – Ende der 50er Jahre die erste Kriegsgräberstätte in Deutschland, auf der eine Zusammenlegung von Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft veranlasst wurde – trügen dazu bei. Und auch der, weit spätere eintretende Costermano-Konflikt verdeutliche die Position des Volksbundes bei der Anlage von Kriegsgräberstätten keinen Unterschied zwischen „Tätern“ und Opfern zu machen. Auf dem Friedhof am Garda-See sind einige dezidiert als Mörder und Kriegsverbrecher ermittelte Personen, darunter Christian Wirth, bestattet. In den 80er Jahren wurde dies durch einen italienischen Historiker in die Öffentlichkeit getragen, der Volksbund war jedoch immer nur zu kleinen Schritten bereit: Entfernung der SS-Ränge von den Grabzeichen, Austragen der Namen aus dem Ehrenbuch und zuletzt 2007 – auch auf öffentlichen Druck – eine Informationstafel, die auch explizit auf die Verbrechen hinweist.  Eine vielgeforderte Exhumierung der betreffenden Kriegstoten wurde mit Hinweis auf das Gräbergesetz abgelehnt.
Trotz des sehr kritischen Bildes, das Kruse vom Volksbund und seinem Selbstverständnis des Verbandes zeichnet, so findet er doch positive Worte: Der Volksbund habe in den letzten Jahren, nicht zuletzt auch durch Initiative des Landesverbandes Hessen und seines Vorsitzenden Karl Starzacher,  einen programmatischen Erneuerungsprozess eingeleitet, der schließlich in dem Leitbild mündete. Die darin formulierte grundsätzliche Abkehr vom Heldengedenken, die Bekenntnis zur deutschen Mitschuld und Schuld an den zwei Weltkriegen, der nunmehr verwendete neutrale Begriff der Kriegstoten, sowie der Fokus auf der friedenspädagogischen Arbeit seien Ausdruck dieser Weiterentwicklung. 

Im Rahmen der anschließenden Diskussion bestätigte der Landesvorsitzende den von Kruse gezeichneten Eindruck: „Ja, der Volksbund war Getriebener, aber wir haben uns auch treiben lassen.“ Er sei dankbar für solche Initialzündungen wie in Kloster Arnsburg oder Costermano, die den Verband durch den öffentlichen Druck dazu gedrängt haben, die Geschichte der Orte und der dort bestatteten Kriegstoten transparent zu machen. „Wir werden immer wieder gefragt: ‚Geht das, dass Täter und Opfer auf einem Friedhof bestattet sind?‘“ Starzacher zeigte sich zuversichtlich, dass die „nächste Generation“ sehr viel unbefangener mit diesen Themen umgehen werde: „Erinnerungskultur verändert sich, wie sich Generationen verändern“. Er verwies auf das Forschungsprojekt des Landesverbandes und die Bemühungen, die Geschichte durch das Aufzeigen einzelner Biografien erfahrbarer zu machen und nutzte die Anwesenheit der „nächsten Generation“, vertreten durch Schülerinnen und Schüler des Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums: „Ist das für Sie der richtige Weg? Was würden Sie uns empfehlen? Wir brauchen Ihren Rat!“
Die jungen Leute blieben die Antwort nicht schuldig: „Man wird immer das Problem der Täter-Opfer-Differenzierung haben. Aber wenn so vielen Menschen wie möglich bewusst ist, dass ein Täter neben einen Opfer liegt und wenn sich so viele Menschen wie möglich mit der Geschichte auseinandersetzen, dann ist das das beste was wir tun können.“ Es sei wichtig, dass den Menschen bewusst ist, was passiert ist. Um dies zu unterstützen solle der Volksbund eine kritische Auseinandersetzung weiterverfolgen. „Dann sind wir auf einem sehr guten Weg.“

Eine sehr persönliche Sichtweise auf die Frage der Täter-Opfer-Differenzierung beinhaltete der zweite Vortrag des Vormittags: „Nachrichten von Igor – Auf Spurensuche nach Hans Tursky und der Schweren Heeres-Panzerjägerabteilung 93“. Hans (Joachim) Tursky geriet als Panzerfahrer 1944 in Transnistrien (heute Teil der Republik Moldau) in sowjetische Gefangenschaft. Seine Enkelin Petra Tursky-Hartmann ließ die Frage danach, was ihr Großvater im Zweiten Weltkrieg tat und erlebte nicht los und so machte sie sich Jahrzehnte später auf den Weg, sein Leben und Erleben der damaligen Zeit nachzuzeichnen – im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne. Über Archive, Internetrecherche aber auch Besuche vor Ort und vor allem durch viel Unterstützung anderer Interessierter war es ihr tatsächlich möglich, einiges über den militärischen Werdegang ihres Großvaters herauszufinden. Sie ließ das Publikum an der eigenen Recherche teilhaben, nahm es mit auf die Reise, gab aber vor allem auch preis, was das Wissen um die Familiengeschichte für sie selbst bedeutete: „Flecken in der Familie gehören zur Biographie. Aber es ist beruhigend zu wissen, was genau er gemacht hat, statt immer nur Geschichten zu hören und zu hinterfragen.“Der von Frau Tursky-Hartmann gegebene Impuls wurde aufgenommen: Zahlreiche Besucherinnen und Besucher erkundigten sich nach Möglichkeiten der Recherche und bekundeten ihr Interesse, die eigenen Familiengeschichte aufzuarbeiten.