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Deutsch-polnische Spurensuche - 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges
Internationale Jugendarbeit in Zeiten von Corona
18. September 2020

Seit 1953 fahren junge Menschen mit Unterstützung des Volksbundes an Kriegsgräber- und Gedenkstätten im Ausland, um bei der Pflege dieser Anlagen mitzuhelfen und einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. Für dieses Jahr war ein Einsatz in Ungarn geplant. Alles war schon gebucht und vorbereitet, doch im Zuge der Corona-Pandemie musste der Volksbund alle Projekte im Ausland absagen. So kam es, dass das „Jugendlager Federsee“ nun erstmals in seiner 58-jährigen Geschichte ein Ziel in Deutschland ansteuerte. Inhaltlich setzten sich die jungen Erwachsenen dabei mit dem Thema „75 Jahre Kriegsende“ auseinander.

Auf der Reise von Oberschwaben über Berlin nach Usedom stand der Besuch des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst auf dem Programm, dem historischen Ort der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 - alles unter Berücksichtigung des Hygienekonzepts und unter Einhaltung der nötigen Abstandsregeln. Zuvor hatte die Gruppe in Berlin bereits das Sowjetische Ehrenmal im Treptower Park besucht. Als größtes Denkmal seiner Art in Deutschland und Kriegsgräberstätte für rund 7.000 gefallene sowjetische Soldaten wurden es von 1946 bis 1949 im Osten Berlins errichtet.

In Peenemünde bauten Zwangsarbeiter die „Vergeltungswaffen“

In der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm angekommen, standen ein zweitägiger Arbeitseinsatz auf der benachbarten Kriegsgräberstätte, eine kurze Einführung in die polnische Sprache sowie Ausflüge in die Umgebung auf dem Programm. Das Wetter ließ zu, dass die Gruppe viel Zeit im Freien verbringen konnte. Die Jugendlichen badeten an den weitläufigen Sandstränden der Usedomer Kaiserbäder, machten eine Ostsee-Schifffahrt und besuchten das Historisch-Technische Museum in Peenemünde. Dort befand sich von 1936 bis 1945 das größte militärische Forschungszentrum Europas. Das Museum dokumentiert die Geschichte der Entwicklung und Nutzung der ersten Großraketen, die größtenteils von Zwangsarbeitern gebaut wurden und im Zweiten Weltkrieg ab 1944 als sog. „Vergeltungswaffen“ zum Einsatz kamen.

Internationalität ist ein Herzstück der Jugend- und Bildungsarbeit des Volksbundes und die Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm spielt eine besondere Rolle für die deutsch-polnische Verständigung. So standen auch Exkursionen nach Polen nach Swinemünde (Swinoujście) und Stettin (Szczecin) auf dem Programm. Die heute polnische Hafenstadt Swinoujście wurde am 12. März 1945 auf Bitte der Roten Armee von der US Army Air Force bombardiert und weitgehend zerstört. Die meisten der Tausenden von Bombenopfern – Swinemünde war damals mit Zehntausenden von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten überfüllt – liegen heute in Massengräbern auf der Kriegsgräberstätte auf dem Golm.

Gemeinsame deutsch-polnische Geschichte

Die Fahrt nach Stettin begann mit einer Führung auf der deutschen Kriegsgräberstätte in Neumark (Stare Czarnowo), auf der über 21.000 Kriegsopfer – Soldaten und Zivilisten – ruhen. Besonders interessant war für die Gruppe, dass es auf diesem Friedhof auch ein Gräberfeld mit über 2.000 Toten gibt, die 2008 im ehemals westpreußischen Marienburg (Malbork) gefunden und hierher umgebettet wurden. Die Gruppe des Jugendlagers Federsee hatte Marienburg im Vorjahr besucht.

In Stettin erwartete die jungen Erwachsenen eine Führung durch die Stadt mit ihrer 700 Jahre dauernden deutschen Geschichte. Vom Krieg zeugt heute noch die Luftschutzbunkeranlage unter dem Hauptbahnhof, die eine der größten ihrer Zeit war. Die Ausstellung im Inneren erläutert die deutsch-polnische Geschichte, die Entstehung des Bunkers und auch die Geschichte der Stadt, deren historische Innenstadt bei Bombenangriffen größtenteils zerstört wurde.

Analoge Spuren bereiten den Weg in die digitale Welt

Bei einem Workshop zur Vorbereitung der abschließenden Gedenkfeier auf der Kriegsgräberstätte Golm überlegten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, was das Kriegsende am 8. Mai 1945, was 75 Jahre Frieden für jeden persönlich bedeutet. Bei der Gedenkfeier trug dann jeder seine Gedanken dazu vor. Für Marvin Motzet bedeutet dies: „Ob Niederlage, Sieg, Befreiung oder einfach ‚Stunde Null‘, der ‚8. Mai 1945‘ bedeutet für mich, dass der grausamen Diktatur unter dem Nazi-Regime ein Ende gesetzt wurde und sich die Tür in eine neue freie Welt öffnete. Jeder soll das denken und tun können, was ihn selbst antreibt.“ Jonas Storrer, ebenfalls langjähriger Workcamp-Teilnehmer, befand: „Analoge Spuren bereiten uns den Weg in die digitale Welt. Darum ist es so wichtig, unsere Geschichte aufzuarbeiten und die Fehler unserer Vorfahren nicht zu wiederholen. Das Kriegsende steht für mich für den Start einer neuen Ära, eines neuen Deutschlands.“

Klaus Knoll, der das Camp leitete, bedankte sich beim Team der Jugendbegegnungsstätte für die hervorragende Unterstützung und zog ein sehr positives Fazit: „Trotz aller Einschränkungen durch Corona fanden wir auf dem Golm ideale Rahmenbedingungen vor. Wir haben uns auf Usedom sehr wohl gefühlt und - passend zu unserem diesjährigen Schwerpunkt ‚75 Jahre Kriegsende’ – sehr viel über die Endphase und die Folgen des Zweiten Weltkriegs erfahren können.“

Ein Foto für die Geschichtsbücher: die Begegnung in Torgau

Auf dem Rückweg machte die Gruppe Halt in Schloss Cecilienhof. Vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 fand hier die Potsdamer Konferenz statt, auf der die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die Grenzziehungen in Europa, die Reparationsleistungen Deutschlands sowie der damals noch andauernde Krieg mit Japan besprochen haben. Die prominentesten Teilnehmer waren der US-amerikanische Präsident Harry S. Truman, der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare, Josef Stalin, und der britische Premierminister Winston Churchill bzw. dessen Nachfolger Clement Attlee. Die Ergebnisse dieser Dreimächtekonferenz führten mit dem Potsdamer Abkommen zur Neuordnung von Deutschland und Europa und standen in der Folge für den Beginn des Kalten Krieges.

Die letzte Exkursion führte die Gruppe an einen weiteren historischen Ort des Jahres 1945. Am 25. April 1945 reichten sich US-Soldaten und Rotarmisten auf den Trümmern der Torgauer Elbbrücke die Hände, die Lücke zwischen Ost- und Westfront war geschlossen. An diesem Tag wurde ein Stück Weltgeschichte geschrieben. Das Foto, das US-Soldaten und Rotarmisten auf der zerstörten Elbbrücke bei Torgau kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges zeigt, steht symbolisch für den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland und auch für die spätere Aufteilung des Landes in Besatzungszonen.

Am 23. August kamen alle Teilnehmenden wieder gesund zuhause an, nicht zuletzt, weil sich alle an das Hygienekonzept gehalten haben und verantwortungsbewusst und umsichtig in der Gruppe agiert haben. 

Text: Heike Baumgärtner und Klaus Knoll
Fotos: Klaus Knoll