Nachricht
Studienfahrt der Auszubildenden des Landkreises Northeim in die internationale Jugendbegegnungsstätte in Niederbronn-les-Bains.
3. Tag
12. September 2019
  • Braunschweig

Verdun

Der Erste Weltkrieg liegt mehr als 100 Jahre zurück. Warum sollten junge Menschen sich mit ihm beschäftigen? Es gab doch noch einen Zweiten Weltkrieg, der für uns Deutsche viel gegenwertiger ist, dessen Folgen uns bis heute prägen. Gewiss, aber für unsere Nachbarn, besonders in Frankreich, ist der Erste Weltkrieg „la Grande Guerre“, der große Krieg, der vier Jahre lang auf französischem Boden ausgetragen wurde. Während dieses Krieges erreichte die deutsch-französische Feindschaft einen bis dahin unbekannten Höhepunkt.

An keinem Ort wird dieser Konflikt so greifbar wie in Verdun. Dort tobte 1916 die erste große Materialschlacht des Ersten Weltkriegs. Die Landschaft zeigt bis heute die Wunden dieser Kämpfe. Darum begann unsere Besichtigung in Bezonvaux, einem „village martyre“. Dieser Begriff bezeichnet Dörfer, die während der Kampfhandlungen so vollkommen zerstört worden sind, dass ein Wiederaufbau nach 1918 nicht mehr möglich war.

Von den ehemaligen Dorfstraßen sind nur noch schmale Trampelpfade übrig geblieben. Dort, wo einst die Häuser standen, reiht sich heute immer noch Krater an Krater. Vereinzelte Gegenstände zeugen vom Leben der Bewohner und überall Reste vom Kriegsgerät. Sicher, ein deprimierender Ort, aber ein Ort, der uns zeigt, welche Folgen Krieg für die Menschen, für die Natur und für das Leben hat. Dabei ist heute gar nicht mehr zu klären, wer den Ort zerstört hat. Zuerst wurde er von den Deutschen beschossen. Als sie ihn eingenommen hatten, wurde er von den Franzosen angegriffen – am Ende war das Dorf zerstört, verschwunden.

Das Memorial von Verdun – ein modernes Museum – bildete die nächste Station. Es stellt alle Aspekte der Schlacht dar: strategische Entscheidungen, politische Zusammenhänge vor allem aber die Sozial- und Mentalitätsgeschichte der Schlacht: wie lebten, kämpften und starben die Soldaten?

Am Nachmittag wurden wir direkt mit dem Leben, Kämpfen und Sterben der Soldaten konfrontiert. Wir besuchten das Fort Douaumont, das größte Festungswerk vor Verdun. Viele Auszubildende hatten sich ein Fort ganz anders vorgestellt, als einen geschützten, doch weitgehend sicheren, vielleicht sogar komfortablen Ort. Fort Douaumont hatte nichts davon zu bieten. Die feuchte Kühle, das Hallen der Schritte, die spärliche Beleuchtung ließ uns erahnen, welche Bedingungen hier 1916 herrschten. Nachdem die Deutschen das Fort eingenommen hatten, ereignete sich eine Explosion, der mehr als 500 Soldaten zum Opfer fielen. Wegen der Kampfhandlungen konnten sie nicht außerhalb des Forts beerdigt werden und wurden daher im Fort in einer Kasematte eingemauert. Dort befindet sich heute eine kleine Gedenkstätte. Wir verharrten still an diesem Ort. Jeder stellte sich die Frage: wozu starben diese Männer? Einen Sinn konnten wir in ihrem Tod nicht erkennen.

Am Gebeinhaus von Douaumont, dem „Ossuaire“, wo die sterblichen Überreste von 130.000 Toten beider Seiten liegen, fanden wir eine Antwort. An diesem Ort hatten François Mitterrand und Helmut Kohl sich 1984 die Hand gereicht. Eine gemeinsame Erklärung unterstrich die deutsch-französische Aussöhnung als einen Beitrag zur europäischen Einigung: „Mit ihrer gemeinsamen Ehrung der Toten vergangener Kämpfe setzen sie an historischer Stätte ein Zeichen dafür, dass beide Völker unwiderruflich den Weg des Friedens, der Vernunft und der freundschaftlichen Zusammenarbeit eingeschlagen haben. Die Einigung Europas ist unser gemeinsames Ziel – dafür arbeiten wir – im Geist der Brüderlichkeit.“

Und so ist Verdun nicht nur der Ort einer verheerenden Schlacht, Verdun ist auch der Ort deutsch-französischer Aussöhnung, an dem man die Verheerungen des Krieges besichtigen kann. Die Auszubildenden beschlich ein Gefühl, das der große französische Historiker Antoine Prost beschreibt „Er [der Ort Verdun] flößt Respekt ein vor den Toten und ein immenses Mitleid. Er lässt den Besucher erstarren vor dem Gräuel des Massentodes und erfüllt ihn mit verständnisloser Empörung gegenüber dem, was es zugelassen und organisiert hat, aber auch mit dem Auftrag zu verhindern, dass es wieder passiert.“ – Die Bildungsziele des Volksbunds könnte man nicht besser formulieren.

Text und Bilder:
Dr. Rainer Bendick, Bildungsreferent Volksbund Braunschweig