Nachricht
Studienfahrt der Auszubildenden des Landkreises Northeim in die internationale Jugendbegegnungsstätte in Niederbronn-les-Bains.
4. Tag - Abschluss in Straßburg
13. September 2019
  • Braunschweig

Das Europäische Parlament in Straßburg

Drei Tage lang haben wir uns mit dem alten Europa des Nationalismus beschäftigt und die desaströsen Folgen kennengelernt, zu denen die Überhöhung der eigenen Nation in der Vergangenheit geführt hatte. Als Abschluss unserer Studienfahrt besuchen wir das Europäische Parlament in Straßburg.

Die Architektur des Gebäudes beeindruckt, besonders der große Plenarsaal, in dem die Abgeordneten der EU-Länder eben nicht nach ihren Herkunftsländern getrennt sitzen, sondern in den Fraktionen ihrer politischen Familien. Hier verlaufen die Konfliktlinien nicht entlang der nationalen Zugehörigkeit, sondern der Problemstellungen, der Lösungsansätze und politischen Überzeugungen. Und hier gilt es Kompromisse zu finden, Interessen auszugleichen, sich mit den Standpunkten und Ideen der anderen auseinanderzusetzen und Mehrheiten zu organisieren. Die Führung durch das Gebäude, die Erklärungen zur Arbeitsweise des Parlaments, dessen Abgeordnete in direkter Wahl von allen Bürgerinnen und Bürgern der EU-Staaten gewählt werden, machen uns schnell deutlich, wie heute in Europa Entscheidungen getroffen werden.

Nach dem Besuch der Schlachtfelder von Verdun, nach der Auseinandersetzung mit der Kriegsgräberstätte in Niederbronn, wird klar, was gemeint ist, wenn Europa als ein Friedensprojekt bezeichnet wird. Meinungsverschiedenheiten und Konflikte werden friedlich ausgetragen, im Bemühen eine einvernehmliche Lösung zu finden. Das ist auch heute nicht immer leicht. Oft steht uns unsere nationale Geschichte mit ihren Sichtweisen und Vorurteilen im Wege.

Darauf spielte François Mitterand mit sehr persönlichen Worten an, als er im Januar 1995 zum letzten Mal vor dem europäischen Parlament sprach. Er erinnerte an die nationalen Vorurteile aus der Zeit seiner Jugend, an die Ablehnung und den Hass gegenüber den – damals deutschen – Feinden; Gefühle die er selbst als Kind und als junger Mann gehört und geteilt habe, um dann fortzufahren: „Wir müssen diese Vorurteile besiegen. Was ich hier von Ihnen verlange ist fast unmöglich, denn wir müssen unsere Geschichte besiegen – und dennoch, wenn wir sie nicht besiegen, müssen wir uns drüber im Klaren sein, dass eine Regel sich durchsetzen wird: Nationalismus bedeutet Krieg!“ Und Mitterand schloss mit der Mahnung: „Der Krieg ist nicht nur die Vergangenheit, er kann auch unsere Zukunft sein.“ Heute, mehr als 20 Jahre später, wirkt diese Mahnung fast wie eine Prophetie. Nationalistische Strömungen sind überall auf dem Vormarsch, auch bei uns in Deutschland. Manchenorts werden sie banalisiert.

Die Auszubildenden des Landkreises Northeim, Angehörige des öffentlichen Dienstes und Träger hoheitlicher Aufgaben, sind durch ihren Aufenthalt in Niederbronn und Verdun, durch die Konfrontation mit den Kriegsgräbern und den Zerstörungen des Kriegs wach und sensibel geworden gegenüber jenen Gefahren des Nationalismus, die François Mitterrand beschwor. Bleibt zu hoffen, dass nicht nur Landrätin Klinkert-Kittel ihren Auszubildenden diese Bildungserfahrung eröffnet, sondern dass viele ihrer Kollegen Landräte es ihr gleichtun und die Bildungsangebote des Volksbunds aktiv nutzen.

Die Studienfahrt wurde gefördert durch die Stiftung des Volksbundes „Gedenken und Frieden“ (GuF) und vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW)

Text und Bilder:
Dr. Rainer Bendick, Bildungsreferent Volksbund Braunschweig

Gefördert von: