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Mann mit Hut spricht mit Frau, im Hintergrund Gräberfeld mit Steinkreuzgruppe

„In Monty’s Footsteps“: Schritte der Erinnerung in der Normandie

Treffen mit dem Enkel von Generalfeldmarschall Bernhard Law Montgomery

Bernard Law Montgomery überquerte den Ärmelkanal 1944 auf der „H.M.S. Faulknor” als Teil der nachrückenden Invasionsflotte. Sein Enkel Henry reist mit Auto und Fähre aus Großbritannien an. Meine Kollegin Zineb Ayyadi und ich treffen ihn auf der deutschen Kriegsgräberstätte La Cambe in der Normandie und lernen ein Projekt kennen, das ihm ein Herzensanliegen ist. 
 

Am Morgen des 8. Juni 1944 setzte Bernard Montgomery erstmals einen Fuß auf die Landungsstrände der bis kurz zuvor von Deutschen besetzten Normandie. Den Invasionstag am 6. Juni 1944 hatte er aus sicherer Distanz von Portsmouth aus verfolgt und koordiniert.

Unter dem Hashtag #volksbundhistory berichten wir in einem Blog von historischen Ereignissen und liefern Hintergrund-
informationen. Unsere Autorin heute: Melissa Grosche. Sie ist Masterstudentin im Fach Geschichte und arbeitet beim Volksbund in den Projekten Zeitzeugen und Kriegsbiographien mit.

Acht Wochen quer durch England

Akribisch hatten die Allierten den D-Day, eines der „größten amphibischen Landungsunternehmen der Militärgeschichte“, geplant. Ort und Zeitpunkt sollten um jeden Preis geheim gehalten werden. Dass nach der Landung in Sizilien eine erneute Invasion in Frankreich und damit die Eröffnung einer weiteren Front folgen würde, war den Deutschen allerdings bekannt.

Deshalb verzichtete Bernard Montgomery im Frühjahr 1944 auch nicht darauf, acht Wochen lang durch das Vereinigte Königreich zu reisen und damit seine Präsenz preiszugeben, um seine Landsleute für die schwierige Aufgabe zu motivieren.

Einschwören auf den Tag X

Kurz nach Anbruch des neuen Jahres 1944 war Montgomery aus Italien über Marokko nach England zurückgekehrt. Nachdem die Planungsphase für die „Operation Overlord“ am 7. April mit Präsentation der Pläne abgeschlossen war, fasste der Generalleutnant den Entschluss, durch die Inspektion der Overlord-Truppen das Vertrauen der britischen sowie der amerikanischen Streitkräfte zu gewinnen und sie auf den Tag X einzuschwören.

In seinen Memoiren von 1958 gibt er Einblick in seine Gedankenwelt: „Confidence in the High Command by one and all was the next essential, and was vital. I wanted to see the soldiers and, probably more important, I wanted them to see me; I wanted to speak to them and try to gain their trust and confidence.“ (deutsch: Das Vertrauen aller in das Oberkommando war der nächste wesentliche Punkt und von entscheidender Bedeutung. Ich wollte die Soldaten sehen, und – was wahrscheinlich noch wichtiger war – ich wollte, dass sie mich sahen; ich wollte mit ihnen sprechen und versuchen, ihr Vertrauen zu gewinnen.)
 

Unterwegs im „Rapier“ 

Für die Besichtigung der Truppen wurde Montgomery eigens ein spezieller Zug namens „Rapier“ (dt. Degen) zur Verfügung gestellt, mit dem er vor der Invasion durch England, Schottland und Wales tourte. Seine Besuche zeichneten sich durch einen ungezwungenen militärischen Ton aus, mit dem er täglich zwei bis drei Paraden mit jeweils mehr als 10.000 Soldaten abnahm.

Er habe wohl nahezu jede Einheit, die an der Invasion beteiligt sein würde, getroffen, heißt es in seinen Memoiren. Insgesamt besuchte Montgomery angeblich rund eine Million alliierte Soldaten in dieser Zeit.
 

Ansprache vor Dockarbeitern

Auf Wunsch des britischen Versorgungsministeriums machte er auch an kriegswichtigen Produktionsstätten Station. Am 3. März 1944 etwa sprach der Generalleutnant vor mehr als 16.000 Dockarbeitern in London – trotz Kriegsmüdigkeit wurde er überall enthusiastisch empfangen. Er versicherte, dass die Bemühungen der Arbeiter essenziell für das baldige Ende des Krieges seien. 

Auf den Spuren des Großvaters

82 Jahre später wandelt Enkel Henry auf den Spuren seines berühmten Großvaters. Während Historiker sich vornehmlich mit militärischen Taktiken beschäftigen und seine Rivalität zu Erwin Rommel zum Thema machen, legt er Wert auf die Erfahrungen der einfachen Soldaten und Zivilisten im Umgang mit seinem Großvater und bei der Invasion.

Inspiriert von dessen Tagebucheinträgen folgt er unter dem Motto „In Monty’s Footsteps“ acht Wochen lang Bernard Montgomerys Reiseroute im Vereinigten Königreich sowie in der Normandie. Damit will der Enkel Spenden für die „Operation Remembrance“ sammeln – ein neues Bildungsprogramm des British Normandy Memorials.
 

London, Glasgow, La Cambe

Henry Montgomery besucht dabei nicht nur Zeitzeugen und Historiker in London, Glasgow und Portsmouth, sondern auch – abweichend von der Route – die deutsche Kriegsgräberstätte La Cambe. Dort sind 21.245 deutsche Soldaten begraben – unter ihnen auch etwa 2.100 Angehörige der Waffen-SS und Kriegsverbrecher, außerdem einige Zivilisten und Zwangsarbeiter der „Organisation Todt“.

„Freiheit täglich verdienen“

Warum er diesen Abstecher macht? Die Antwort gibt Henry Montgomery frei nach den Worten Eisenhowers von 1944, dass Freiheit täglich verdient und erneuert werden müsse. Diese Äußerung habe bei ihm großen Eindruck hinterlassen, als er sich näher mit dem Thema beschäftigte.

Er sieht Versöhnungsarbeit als wichtigen Baustein für die Freiheit des Einzelnen und den Frieden zwischen zwei früher verfeindeten Nationen. Dafür seien eine gute Zusammenarbeit sowie eine multiperspektivische Bildungs- und Erinnerungskultur unerlässlich – und dazu gehöre auch, sich als Brite eine deutsche Kriegsgräberstätte anzuschauen.
 

Zum Beispiel Walter Ackermann

Themen bei unserer kleinen Führung sind neben der Geschichte der Kriegsgräberstätte und der Arbeit des Volksbundes vor allem auch die Geschichten der dort begrabenen Soldaten – zum Beispiel die von Walter Ackermann. 

Der Vater von zwei Söhnen aus Magdeburg war ab 1940 an der französischen Kanalküste als Funker eingesetzt. Am D-Day geriet er in britische Kriegsgefangenschaft und wurde in St.-Laurent in einem Lager interniert.
 

Tod in britischer Gefangenschaft

Die deutsche Luftwaffe bombardierte das britische Kriegsgefangenenlager am 22. Juni 1944, wobei Ackermann ums Leben kam. Einer seiner Söhne konnte sein Grab in La Cambe aufgrund der deutsch-deutschen Teilung erst nach der Wiedervereinigung besuchen.

Stoff für neue Bildungsplattform

Diese und weitere Geschichten, die den deutschen Blickwinkel auf die Invasion 1944 zeigen, sollen ein Teil der zukünftigen Bildungsplattform des British Normandy Memorials sein.  Das Bildungsprogramm wird aus allen Geschichten, die Henry Montgomery auf seiner Reise sammelt, zusammengestellt. Das Spendenziel für die Finanzierung des Programms beträgt  225,400 Pfund – zehn Pfund für jeden der gefallenen britischen Soldaten.

Während Bernard Montgomery 1944 bei seiner Reise ausschließlich anglo-amerikanische Soldaten besuchte, nimmt sein Enkel als Zeichen der Versöhnung alle am Invasionstag beteiligten Soldaten und Zivilisten in den Fokus – also auch die auf der deutschen Kriegsgräberstätte La Cambe.
 

Weiter geht's nach Glasgow

Am Ende seines Besuches steigt Henry in sein Auto und macht sich auf den Weg zurück auf die britische Insel, zum nächsten Stop von „In Monty’s Footsteps“: nach Glasgow. Anders sein Großvater: Er verließ das europäischen Festland erst nach 82 Monaten, als der Krieg schon lange zu Ende war.

Literaturtipps

Montgomery, Bernard Law: The Memoirs of Field-marshal the Viscount Montgomery of Alamein, London 1958.

In Monty’s Footsteps: Podcast Series and Fundraising Campaign – British Normandy Memorial
 

#volksbundhistory

Ob der Beginn einer Schlacht, ein Bombenangriff, ein Schiffsuntergang, ein Friedensschluss – mit dem Format #volksbundhistory möchte der Volksbund die Erinnerung an historische Ereignisse anschaulich vermitteln und dabei fachliche Expertise nutzen. Der Bezug zu Kriegsgräberstätten und zur Volksbund-Arbeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Beiträge werden sowohl von Historikern aus den eigenen Reihen als auch von Gastautoren stammen. Neben Jahres- und Gedenktagen sollen auch historische Persönlichkeiten und Kriegsbiographien vorgestellt werden. Darüber hinaus können Briefe, Dokumente oder Gegenstände aus dem Archiv ebenfalls Thema sein – jeweils eingebettet in den historischen Kontext.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. ist ein Verein, der seine Arbeit überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert.

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