Was ist eigentlich "hier" passiert?

Projekttag zur Lokalgeschichte mit der Alfred-Delp-Schule in Dieburg

9. Mai 2016 Philipp Knauf

Die Stadtführung mit den Geschichtsleistungskursen begann auf dem Dieburger Friedhof, auf dem Philipp Knauf den Hintergrund von mehreren Gedenksteinen erklärte. Foto: Viola Krause

Im Anschluss daran arbeiteten die Schülerinnen und Schüler in Gruppenarbeit mit historischen Quellen an verschiedenen lokalgeschichtlichen Themenbereichen. Foto: Viola Krause

München, Berlin, London, Paris, Stalingrad, Auschwitz.

Dies sind in der Regel die Orte, mit denen Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht in Berührung kommen, wenn das Thema "Nationalsozialismus" behandelt wird. Häufig bleibt es bei diesen.

Doch was ist eigentlich vor Ort, also „hier“ passiert? Wie veränderte sich meine Heimatstadt in den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft? Diese Frage stellten sich am 04. Mai die beiden Leistungskurse der zwölften Jahrgangsstufe des Oberstufengymnasiums Alfred-Delp-Schule in Dieburg.

Unter der Leitung von Philipp Knauf, der derzeit einen Freiwilligendienst beim Landesverband Hessen leistet, nahmen die 23 Schülerinnen und Schüler der Leistungskurse mit ihren Lehrern an einer Stadtführung der etwas anderen Art durch die südhessische Stadt teil. Mehrere eher unbeachtete Punkte in Dieburg, die einen Bezug zur nationalsozialistischen Vergangenheit haben oder an die Opfer dieser Zeit erinnern, wurden von der Gruppe aufgesucht. Dazu gehörte unter anderem ein Haus mit den einzigen "Stolpersteinen" in Dieburg, mehrere Erinnerungs- und Gedenktafeln sowie Grabsteine des Dieburger Friedhofs oder auch der öffentliche Platz, an dem ehemals die jüdische Synagoge stand. Neben der Erklärung zu den Besonderheiten des jeweiligen Erinnerungsortes, konnten die Gymnasiasten anhand von ausgewähltem historischem Bildmaterial sehen, wie sich diese im Laufe der Zeit veränderten.

Nach dem rund einstündigen Rundgang ging die Gruppe gemeinsam zurück zur Schule. War die Stadtführung eine Art Einstieg in die Thematik, sollten sich die Schülerinnen und Schüler nun intensiver mit verschiedenen Aspekten der NS-Zeit in Dieburg beschäftigen. Dazu gehörte nicht nur der Blick in die Jahre 1933 bis 1945. Auch die Nachkriegszeit und die Aufarbeitung der zwölf nationalsozialistischen Jahre wurden ebenso unter die Lupe genommen, wie die Frage, ob die praktizierte Erinnerungskultur der Kleinstadt wirkungsvoll war und ist und wo es möglicherweise "Verbesserungsbedarf" gibt.

Die Beschäftigung mit diesem Themenkomplex ist, so der Lehrer Junghans zur begleitenden Geschäftsführerin des Landesverbandes Hessen "eine sehr gute Ergänzung zum Unterricht der beiden Leistungskurse, die sich aktuell gerade mit dem Nationalsozialismus beschäftigen."

Gänzlich neu war für die Schüler die Beschäftigung mit dem Strafgefangenenlager Rollwald. Im Stammlager II des Lagers Rodgau-Dieburgs und in dessen Umland mussten Häftlinge, die von nationalsozialistischen Gerichten für schuldig befunden waren, schwere körperliche Arbeit verrichten. Die 156 Toten (in sieben Jahren Benutzung des Lagers), die der Lagerfriedhof verzeichnet, sind die Folge unmenschlicher Arbeitsbedingungen und der körperlichen Gewalt durch Wärter, denen die Gefangenen ausgeliefert waren. Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang auch die Frage, wie heute das Gedenken an dieses Lager gestaltet werden soll, in dem Menschen zum Beispiel wegen Diebstahl, Fahnenflucht, Homosexualität oder Bettelns eingesperrt waren.

Nach einer mehrstündigen Arbeitsphase stellten die insgesamt fünf Gruppen die Ergebnisse ihren Mitschülerinnen und Mitschülern vor. Dabei wurden auch Missverständnisse und unbeantwortete Fragen geklärt. Nach einer Feedbackrunde, bei der sich sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch die beiden Lehrkräfte über die Quellen und den Tag im Allgemeinen sehr positiv äußerten, endete dieser Projekttag um 14 Uhr.

Die Recherche, Vorbereitung und Umsetzung dieses besonderen Projekttages inklusive der Begleitung der fünf Arbeitsgruppen bildet das „Persönliche Projekt“ des Freiwilligendienstleistenden Philipp Knauf ab. Wenn Sie mehr über den Aufgabenbereich der Freiwilligen im Landesverband Hessen erfahren möchten, finden Sie hier ihre Erfahrungsberichte sowie den Halbzeitbericht von Philipp Knauf, der sein „Freiwilliges Soziales Jahr im Politischen Leben“ am 30. August beenden und sich auf sein Studium konzentrieren wird.

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