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Anstoß zum Frieden

Anstoß zum Frieden
Fair Play - nicht nur auf dem Rasen

Die Aktion ist die Initiative des Volksbundes zum Thema Fußball. Denn beim Fußball sind genauso Teamgeist, Respekt, Fairness und Freundschaft gefordert – wie bei der weltweiten Friedensarbeit des Volksbundes. Sport ist ein Medium, das über die Grenzen hinweg verbindet. Den „Anstoß zum Frieden“ gibt der Volksbund mit internationalen Workcamps für Jugendliche. Denn Friedensarbeit sorgt für Fair Play auch abseits des Rasens.

Herthas U17 trifft auf den Liverpool FC
Zum Gedenken an den Weihnachtsfrieden

Kassel, Berlin, den 5. November 2018 – Das wird in doppelter Hinsicht spannend: Die U17-Teams von Hertha BSC und dem Liverpool FC treffen sich am 16. November um 18:30 Uhr im Amateurstadion des Olympiaparks zu einem Freundschaftsspiel. Neben dem sportlichen gibt es dabei auch einen politischen Aspekt: Die möglichen Profis der Zukunft erinnern zugleich an die Toten der Vergangenheit. Das Spiel mit Unterstützung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist Höhepunkt eines größeren Projektes, das die Jugendlichen von den Kriegsgräbern des Ersten Weltkrieges bis zur Gedenkstunde im Deutschen Bundestag führen wird.

Das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW), der Volksbund und viele weitere Partner erinnern auf diese Weise gemeinsam an das Ende des Ersten Weltkrieges. Hintergrund ist die internationale Jugendbegegnung „Youth for Peace – 100 Jahre Ende Erster Weltkrieg, 100 Ideen für den Frieden“, bei der vom 14. bis zum 18. November 500 Jugendliche aus 48 Ländern zusammenkommen. Sie erinnern gemeinsam an das Ende des Ersten Weltkriegs und entwickeln Ideen für den Frieden, die sie bei der Abschlussveranstaltung an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und den Präsidenten der Französischen Republik Emmanuel Macron überreichen. Als Teil des kulturellen Rahmenprogramms von „Youth for Peace“ werden etwa 350 Teilnehmende das Spiel im Stadion verfolgen.

Vor dem Hintergrund des historischen 'Christmas truce', als sich deutsche und britische Soldaten zwischen den Schützengräben an Weihnachten 1914 zum Fußballspielen trafen, entstand die Idee, diesem besonderen Ereignis passend zu gedenken – mit einem freundschaftlichen Vergleich zwischen einem englischen und einem deutschen Jugendteam.

Gemeinsames Gedenken - auf dem Platz und im Deutschen Bundestag

Ein wichtiger Schwerpunkt des Projektes ist die pädagogische Arbeit: Die jungen Nachwuchsspieler aus verschiedenen Vereinen aus Deutschland, England und Frankreich waren auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges in Frankreich und in Belgien unterwegs. Vorab hatten sie mit Unterstützung des Friedrichsgymnasiums in Kassel, des Volksbundes und der Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen die Biografien ehemaliger Fußballspieler recherchiert, die im Ersten Weltkrieg getötet wurden und heute auf den Kriegsgräberstätten ruhen. Die Ergebnisse ihrer Biografie-Arbeit werden einige von ihnen, darunter auch ein junger Herthaner in der Gedenkstunde zum Volkstrauertag am 18. November im Plenarsaal des Deutschen Bundestags vortragen. Die Gedenkstunde wird am 18.11. um 13.30 Uhr live vom ZDF übertragen.

Zwei Tage zuvor, also am 16. November 2018 wird aber erst einmal gekickt – und zwar gegen das Top-Team des Liverpool FC. Anstoß ist um 18:30 Uhr im Amateurstadion des Olympiaparks. Der Eintritt ist frei, das Stadion öffnet eine Stunde vor Anpfiff, der Zugang erfolgt ausschließlich über die Friedrich-Friesen-Allee.

Fußball verbindet: Deutsche und russische Jugendliche setzten Zeichen in Wolgograd
Erinnern für die Zukunft - Fußballspielen für den Frieden

Wolgograd, den 9. Mai. Der „Tag des Sieges” am 9. Mai ist der wichtigste Feiertag in Russland und in vielen anderen osteuropäischen Ländern. Dabei wird der Sieg über das Deutsche Reich und die Befreiung vom Nationalsozialismus gefeiert. Im Zweiten Weltkrieg verloren allein in der damaligen Sowjetunion 27 Millionen Menschen ihr Leben. 

Deutschland und Russland haben eine besondere Beziehung miteinander. Der Volksbund arbeitet seit dem Abschluss des gemeinsamen Kriegsgräberabkommens 1992 in der Russischen Föderation, sucht Vermisste, bettet Tote um und pflegt dort Kriegsgräberstätten. Durch die Zusammenarbeit haben sich auch viele freundschaftliche Beziehungen entwickelt. „Wir sind dankbar für die ausgestreckte Hand, denn das ist nicht selbstverständlich" betont Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan.

2018 ist Russland Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft, die Spiele um den Titel beginnen im Juni. Aber schon am 8. Mai fand im Stadion in Wolgograd ein besonderes Spiel statt – und da stand nicht nur der sportliche Wettstreit im Mittelpunkt: Unter dem Motto „Fußball verbindet“ traten deutsche und russische U-18-Mannschaften am 8. Mai in Wolgograd in einem Freundschaftsspiel gegeneinander an. Vor und nach dem Spiel gedachten beide Mannschaften und die sie begleitenden Delegationen den Opfern des Zweiten Weltkrieges, die in Wolgograd ums Leben kamen.

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum „Tag des Sieges“ legten die Delegations- und Reiseteilnehmer morgens Blumen an der Ewigen Flamme im Zentrum von Wolgograd nieder. Auf dem Mamajew-Hügel legten die Präsidenten des deutschen Fußballverbandes (DFB) und der russischen Fußballunion RFS, Volksbund-Präsident Schneiderhan und der deutsche Militärattaché General Schwalb Kränze nieder. In Rossoschka trafen sich die deutschen Reisegruppen mit Botschaftsvertretern und der Volksbund-Delegation zu einem stillen Gedenken auf dem sowjetischen und auf dem deutschen Friedhof.

Mit dem feierlichen Aufruf, dass dieses Spiel dem Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus ein Zeichen für den Frieden und die gemeinsame Zukunft setzen soll, wurde am Nachmittag das Fußballspiel eröffnet.

Die Freundschaft war wichtiger als die Tore

Das schönste Zeichen setzen jedoch die jugendlichen Spieler durch ihre engagierte, aber faire Spielweise und ihre Gruppenaufstellung mit einem Plakat „Fußball verbindet“ vor fast 3 000 Zuschauern. Damit gaben sie das Signal, dass Erinnern für die Zukunft wichtig ist und dass Begegnungen mit Toleranz und Respekt die Völkerverständigung und den Erhalt des Friedens bewirken können. So zählten im Ergebnis die Freundschaft und nicht die Tore. Und auch das Publikum war bester Stimmung und feierte gemeinsam den Spielausgang von 3:1 für Deutschland.

Daniela Schily und Diane Tempel-Bornett

Weitere Medien berichteten über dieses Ereignis:

Eichstätter Kurier: Friedensspiel vor der Weltmeisterschaft (externer Link)

Nordbayern: Spuren eines Auerbachers in Wolgograd (externer Link)

Süddeutsche Zeitung: "Friedensspiel" zum Siegestag (externer Link)

Auf den Spuren der Vergangenheit
Rundreise zu den Gräbern ehemaliger Hertha-Spieler

Die Leidenschaft zum runden Leder bewegt Menschen, Nationen, Mannschaften und Teams. Nicht umsonst spricht man vom Mannschaftsgeist und ein berühmter Trainer forderte einst: "11 Freunde müsst ihr sein!" Dass diese Verbundenheit nicht nur intensiv, sondern auch dauerhaft ist, zeigten die Mitglieder des Berliner Fußballvereins Hertha BSC. Sie besuchten die Gräber der im Ersten Weltkrieg gefallenen Herthaner auf zehn Friedhöfen in Frankreich und Belgien.

30. Juni 2017. Aus Berlin machte sich eine siebenköpfige Delegation des Erstligisten auf den Weg: Michael Ottow vom Präsidium Herthas, Diakon Gregor Bellin von der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung e.V. sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Volksbundes.

Aufbruch in die Vergangenheit

30. Juni 2017. Aus Berlin machte sich eine siebenköpfige  Delegation des Erstligisten auf den Weg: Michael Ottow vom Präsidium Herthas, Diakon Gregor Bellin von der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung e.V. sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Volksbundes. Erste Station war nach rund 1 000 Kilometern Hautecourt in Frankreich. Dort legten sie an den Gräbern von Hans Zieglarski und Karl Seipold einen Kranz nieder. Auch rund 100 Jahre nach ihrem Tod sind sie nicht vergessen. „Gott hat jedem einen Namen gegeben“, sagte Diakon Bellin in Hautecourt. „Hertha habe seine Kameraden nicht vergessen und gebe ihnen durch die Recherche über sie viel mehr als nur ihre Namen wieder“.

Lange Recherchen und erfolgreiche Suche 

Auftakt zu dem gemeinsamen Projekt war ein Gespräch zwischen dem langjährigen Unterstützer des Volksbundes und Hertha Vorstandsmitglied Ingo Zergiebel und dem Referatsleiter „Gedenkarbeit“ des Volksbundes, Arne Schrader im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100.Jahrestag der Schlacht an der Somme am 1. Juli 2016. Spieler der Jugendmannschaften des FC Liverpool und von Hertha BSC lasen aus den Feldpostbriefen gefallener Soldaten vor.

Und da kam die Frage auf, wo die gefallenen Hertha Spieler des 1892 gegründeten Vereins begraben wären. Fast ein Jahr dauerten die Recherchen des Volksbundes, dann konnten Namen aller 36 im Ersten Weltkrieg gefallenen Spieler genannt und von 22 die Ruhestätten übermittelt werden.

Zusätzlich wurde eine studentische Hilfskraft im Volksbund-Projekt „Kriegsbiographien“ beauftragt, in Standesämtern und Archiven nach näheren Angaben zu den Toten zu suchen. Mit Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung und des Hertha Archivs kam zu den Namen wieder eine Biografie. Fotos, Zeitungsberichte, Spielergebnisse, Spielerpositionen, Angaben zu Eheschließungen oder auch den näheren Todesumständen ergänzten die vorliegenden Informationen.

Damit reifte der Entschluss, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 125. Vereinsjubiläum Herthas in diesem Jahr mit Mitgliedern des Vorstandes und in Kooperation mit dem Volksbund die erhaltenen Grabstätten von 12 Herthanern in Frankreich und Belgien zu besuchen.

Symbolträchtig: Versöhnung über den Gräbern

Wo 1984 der ehemalige französische Präsident Francois Mitterand und der jüngst verstorbene Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl Hand gemeinsam der Verstorbenen beider Nationen gedachten, standen nun Fußballfreunde Hand in Hand am französischen Gebeinhaus Douaumont und gedachten der Gefallenen des Ersten Weltkrieges auf beiden Seiten. Sie legten Holzkreuze nieder und verbanden mit dem Totengedenken den Wunsch nach Frieden. 

Unvergessen sind für sie die Herthaner: Richard Schulz, der in Vouziers bestattet ist, Arthur Mahlow, der seine letzte Ruhe in Mennevret fand, sein Bruder Erich Mahlow, dessen Grab nach wie vor unbekannt ist und der in Maissemy bestattete Walter Schilling. Aber auch Max Swensen, dessen Grab auf der deutschen Kriegsgräberstätte in Noyers-Pont-Maugis liegt, Erich Zimmer, Bruno Pagel und Adolf Thiemann, die ihre letzte Ruhe in Langemarck gefunden haben, Walter Mucks I in Hooglede, Alfred Kiep, der in Vladslo ruht, ebenso wie Georg Löwenthal, der im französischen Sailly-sur-la-Lys bestattet ist.

Für die Gruppe sind es doch eigentlich Unbekannte, die da liegen. Dennoch stehen sie an ihren Gräbern und gedenken ihrer. „Aber was bleibt von einem menschlichen Leben, von einem Menschen, der gerade erst erwachsen wird und stirbt?“, fragt Diakon Bellin am Grab des 21 jährigen Richard Schulz in Vouziers. „Sie selbst sind es, die bleiben, wenn wir über sie erzählen, wenn wir über die Menschen reden.“

So kamen auch Hertha Präsident Werner Gegenbauer und Wolfgang Wieland, Vizepräsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach Noyer-Pont-Maugis sowie der ständige militärische Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der EU, Flottillenadmiral Jürgen Ehlers und Roger Viard, der örtliche Bürgermeister, um am Grab von Max Swensen, der dieser Tage vor 100 Jahren fiel, aller Toten des Ersten Weltkrieges zu gedenken.

Fußball kann ein Vorbild sein

Hertha-Boss Gegenbauer erinnerte in seiner Gedenkansprache auch an den „Weihnachtsfrieden von 1914“, bei dem am Heiligen Abend die Waffen schwiegen: Briten, Belgier, Franzosen und Deutsche unterbrachen die erbitterten Gefechte, trafen sich im Niemandsland  und spielten dort sogar gemeinsam Fußball. „Vielleicht war ja sogar ein Herthaner unter ihnen?“ fragte Gegenbauer. „Es ist zumindest nicht bekannt. Dafür ist nun aber etwas anderes und mindestens ebenso Wichtiges bekannt: nämlich die Namen und Grablagen von 22 Herthanern, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen und die dank der gemeinsamen Recherche von Hertha BSC und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nun nicht länger anonym sind.“ Eine Tatsache, für die Gegenbauer seinen herzlichsten Dank an alle Beteiligten aussprach, die mithalfen, für den Verein eine schmerzliche und lange bestehende Lücke geschlossen und an diesem Projekt mitgewirkt haben.

Wie wichtig es ist, nicht zu vergessen, betonte auch Wolfgang Wieland und sprach von der positiven Wirkung des Sports - in diesem Fall vom Fußball - bei der Völkerverständigung. Beispielhaft dafür sei das gemeinsame Gedenken der Jugendmannschaften in Fricourt 2016, so Wieland in seiner Ansprache, aber auch insbesondere die Recherchen und diese Gedenkfahrt. 

„Fußball steht mitten in der Gesellschaft und hat gerade für die Jugend mehr Bedeutung denn je. […] Von daher weiß ich um die Vorbildfunktion des Fußballs“, lobte Wieland. „Sie als Verantwortliche von Hertha BSC sind mit dem langen Gedächtnis an die gefallenen Vereinskameraden tatsächlich ein Vorbild“.

Unvorstellbare Eindrücke

Die Eindrücke dieser Gedenkfahrt ließen die Hertha-Delegation auch nach dem Tagesprogramm nicht los: Spontane Einladungen zu Gedenkveranstaltungen auf französischen Friedhöfen, und die von Franzosen organisierte große Zeremonie auf dem deutschen Soldatenfriedhof Fricourt (exakt ein Jahr nach dem ersten Besuch der Herthaner 2016), bergeweise Munitionsschrott des Ersten Weltkrieges in privaten Gärten, zerschossene und noch heute kraterübersäte Landschaften, die von den Mitarbeitern des Volksbundes gepflegten Friedhöfe mit ihrem ganz eigenen würdigen Eindruck von alten Bäumen und Natursteinmauern sowie die Einigkeit im Wunsch nach Frieden bei Begegnungen mit anderen Menschen, gleich welcher Nation: Es wurde viel diskutiert und über das Erlebte gesprochen. Alle wollen das Erlebte weitertragen – und vielleicht findet sich ja auch ein anderer Verein, der sich auf die Suche machen möchte?

Das Fußballstadion von Hertha BSC fasst 74.649 Menschen. In den vergangen vier Tagen ihrer Reise besuchten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Gedenkreise 10 Friedhöfe mit insgesamt 286.575 Gefallenen – fast vier Mal so viel! 

Eine Zahl, die so unvorstellbar ist, dass sie alle Teilnehmer ohne große Worte mahnt – „in der Hoffnung, dass die Gräber unserer Herthaner, aber auch die Gräber aller anderen Soldaten aller Nationen dabei helfen mögen, die schrecklichen Erinnerungen an den Krieg nicht zu vergessen, sondern uns ermahnen, wenn überhaupt, dann uns besser im sportlichen Wettkampf messen zu wollen“, so Gegenbauer.

Weitere Projekte von Hertha BSC und Volksbund sind mit englischen und französischen Vereinen sind für das nächste Jahr geplant – einhundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges.

 

Todeself und gefallene Nationalspieler
– Fußballdramen im Zweiten Weltkrieg

Für sieben deutsche Nationalspieler war die „Reise“ nach Polen und in die Ukraine nicht der Beginn eines großen Fußballfestes, sondern der Weg in den Tod. Den Kickerstars Karl Auer, Johannes Jakobs, Georg Köhl, Hugo Mantel, Karl Schulz, Willi Völker und Willi Wigold nützte ihr Talent und ihre Bekanntheit nichts. Wie Millionen andere wurden sie zu Opfern des Zweiten Weltkrieges. Einige von ihnen haben auf den Kriegsgräberstätten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Polen und der Ukraine ihre letzte Ruhestätte erhalten. Die Spuren anderer ehemaliger Nationalspieler verlieren sich im Nichts: „Vermisst“ heißt es über sie. Ihre Angehörigen teilen das Schicksal Hunderttausender Familien, die noch immer keine Kenntnis vom Verbleib ihrer im Krieg gefallenen oder vermissten Väter, Söhne oder Brüder haben. Diese Ungewissheit schmerzt – noch heute.

Ein Fußball-Match von 1942 wurde nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion zur Legende, weiß Andrea Kamp zu berichten. Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst berichtet vom Spiel der „Todeself“ in Kiew. „Das Spiel war ein reales Ereignis, aber ob die dramatischen Begleitumstände Wahrheit oder Kriegslegende sind, lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Fest steht, dass die Erinnerung daran auch heute noch einen großen Stellenwert hat und sogar Thema verschiedener Spielfilme war“, erklärt Andrea Kamp. Etwa die russisch-ukrainische Koproduktion „Das Spiel“ von 2012, die anlässlich einer Veranstaltung zum 8. Mai im Museum Berlin-Karlshorst Deutschland-Premiere hatte.

Am 9. August 1942 fand das Spiel zwischen der Luftwaffenelf „Adler“ und dem „FC Start“, der ukrainischen Betriebsmannschaft der Bäckerei III in Kiew, statt. Der Kern der Mannschaft bestand aus ehemaligen Profikickern der Kiewer Clubs Dynamo und Lokomotive – ein Umstand, der den Deutschen offensichtlich unbekannt war. Schon allein deshalb, weil die Vereinsbezeichnung Dynamo schon damals auf eine Mannschaft des sowjetischen Geheimdienstes hinwies. Nach dem Motto „Brot und Spiele“ hatte der FC Start an einer kleinen Meisterschaft mit Wehrmachtskickern teilnehmen dürfen und die Gegner zur Freude der zuschauenden Einheimischen vom Platz gefegt. Das im August angesetzte Spiel sollte nun zu einer Revanche werden. Trotz vieler Ordner in Feldgrau war das Zenith-Stadion ausverkauft. Die Deutschen spielten hart, ihre Fouls seien vom SS-Unparteiischen auch nicht geahndet worden. Doch die Spieler des FC Start waren technisch um Klassen besser und so stand es 3:1 zur Halbzeitpause. „Ihr könnt nicht gewinnen“, habe der Schiedsrichter der Bäckerei-Elf laut Legende in der Kabine gesagt, sie sollten doch die Folgen bedenken. Doch Torwart Trusewitsch und seine Truppe waren zu sehr Fußballer, um den Sieg zu verschenken. Sie demütigten die deutschen Besatzer und gewannen 5:3, wie Regisseur Claus Bredenbrock in seiner Dokumentation „Todeself“ ermittelt hat. Ein Sieg mit Folgen. Eine Woche nach dem Spiel verhaftete die Gestapo acht der elf Spieler. Ob aufgrund des gewonnenen Spiels oder aus politischen Gründen bleibt im Dunkel der Geschichte. Vier von ihnen sollten den Krieg nicht überleben, darunter auch Trusewitsch. Die Erinnerung an die Fußballer, die angeblich einen Sieg über ihr eigenes Leben stellten, wurde nach dem Krieg zur Legende. Drei Skulpturen erinnern daran heute vor dem Stadion von Dynamo Kiew.

In Erinnerung sind auch viele deutsche Soldaten geblieben. Immer mehr junge Menschen von heute wollen mehr von ihren gefallenen oder vermissten Angehörigen erfahren. Meist haben sie aber erst einmal keine Ahnung, wie man nach im Krieg gestorbenen oder vermissten Angehörigen sucht. Dabei ist der erste Schritt sehr einfach. Denn viele Schicksale lassen sich sofort mit der modernen Onlinegräbersuche des Volksbundes klären. Jedes Jahr werden neue Schicksale geklärt und in der Onlinedatenbank des Volksbundes veröffentlicht. Die Namen und Daten von 4,6 Millionen deutschen Kriegstoten beider Weltkriege sind hier erfasst und abrufbar. Und das ist nicht alles. „Für uns ist der Auftakt zur Europameisterschaft eine gute Gelegenheit, auf unsere Aktion ‚Anstoß zum Frieden‘ hinzuweisen. Viel zu wenigen ist heute noch bewusst, dass in Polen und der Ukraine hunderttausende Menschen in zwei Weltkriegen ihr Leben lassen mussten“ , sagt Dr. Martin Dodenhoeft vom Volksbund.

Noch heute werden in den Austragungsorten der UEFA EM 2012 jährlich tausende Kriegstote geborgen und auf zentralen Kriegsgräberstätten bei Breslau, Kiew oder anderen Orten endgültig bestattet. Dann können auch die Angehörigen endlich erfahren, dass es wenigstens ein Grab gibt, das besucht werden kann. Für den gemeinnützigen Verein ist das allerdings ein großer Kraftakt, für den Mitgliedsbeiträge und Spenden dringend gebraucht werden. „Kriegsgräberstätten sind und bleiben eine wichtige Mahnung für den Frieden. Mein erster Gedanke war, dass sich die jungen Menschen damals sicher viel lieber auf einem Fußball- und nicht auf einem blutigen Schlachtfeld begegnet wären. Das Schicksal der Kiewer Spieler des FC Start zeigt allerdings auch die ganze widerwärtige Kleinlichkeit und Menschenfeindlichkeit der Nationalsozialisten“, sagt Dodenhoeft.

Christoph Blase

HSV und Volksbund
Ausstellung zur NS-Vergangenheit des HSV

In der Vergangenheit des Clubs gibt es neben glänzenden Erfolgen auch dunkle Kapitel. Diese Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wird schonungslos dargestellt – ein moralischer Befreiungsschlag. „Wir sind der erste deutsche Profiverein, der seine Vergangenheit in dieser Weise aufarbeitet,“ sagt Museums-Direktor Dirk Mansen nicht ohne Stolz. Er selbst stöberte vor dem Umzug in die neue Fußball-Arena in Archiven und Dachkammern nach verborgenen Schätzen: ein Volltreffer. „Was da zusammen kam, hat mich fast umgehauen. So reifte die Idee, diese seltenen Stücke auch den Fans zu zeigen,“ erinnert sich Mansen.

Ausstellung zur NS-Vergangenheit des HSV

Die Raute unter dem Hakenkreuz

Es ist eine dieser Geschichten, die auf dem Dachboden beginnen: Der heilige Gral, gefunden am Rothenbaum. Zumindest für die Anhänger des Hamburger Sportvereins (HSV) gilt der bisher verschollen geglaubte Silberpokal als sportliche Reliquie. Er ist die erste Auszeichnung in der überaus erfolgreichen Vereinsgeschichte und heute ein wichtiger Bestandteil des vereinseigenen Museums. Doch in der Vergangenheit des Clubs gibt es neben glänzenden Erfolgen auch dunkle Kapitel. Diese Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wird schonungslos dargestellt – ein moralischer Befreiungsschlag.

„Wir sind der erste deutsche Profiverein, der seine Vergangenheit in dieser Weise aufarbeitet,“ sagt Museums-Direktor Dirk Mansen nicht ohne Stolz. Er selbst stöberte vor dem Umzug in die neue Fußball-Arena in Archiven und Dachkammern nach verborgenen Schätzen: ein Volltreffer. „Was da zusammen kam, hat mich fast umgehauen. So reifte die Idee, diese seltenen Stücke auch den Fans zu zeigen,“ erinnert sich Mansen. Und heute feiert das Museum im Herzen des neuen Stadions sein fünfjähriges Jubiläum.

Der ausgeklügelte Rundgang zwischen Ost- und Nordtribüne ist mit über 230 000 Besuchern längst zu einer Pilgerstätte für HSV-Fans geworden. Auf 700 Quadratmetern sieht man in acht Räumen funkelnde Pokale, historische Fotos, Original-Trikots und Wimpel, zahllose Textdokumente sowie viele Andenken aus der beeindruckenden Vereinsgeschichte.

Ein zentraler Teil dieser Ausstellung befasst sich unter dem Titel – Die Raute unter dem Hakenkreuz – kritisch mit der Rolle des Vereins während und nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Dabei werden beinah unglaubliche Lebenswege aufgedeckt. Da gibt es zum Beispiel die beiden Erfolgsspieler und Publikumslieblinge der späten 20er Jahre: Harder und Halvorsen. Mit ihrem schnellen Direktspiel begeistern die beiden Freunde ihre Zuschauer und schießen den HSV so an die Spitze des deutschen Fußballs. Dann kommen die Nazis. Der gemeinsame Weg des Duos trennt sich auf dramatische Weise.

Otto Fritz Harder tritt 1932 der NSDAP und wenig später sogar der SS bei. 1939 meldet sich Harder, der schon im Ersten Weltkrieg zweimal mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde, freiwillig an die Front. Aufgrund seines Alters von inzwischen knapp 50 Jahren wird er jedoch als Wachmann ins Konzentrationslager Neuengamme eingezogen. Am Ende des Krieges ist er Lagerführer in Hannover-Ahlem, wird verhaftet und zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Harder, das ehemalige Fußball-Idol mit zahllosen Titeln und wahrscheinlich mehr als 1 000 Toren, steht nun im gesellschaftlichen Abseits.  

Der Norweger Asborn Halvorsen erleidet dagegen ein ganz anderes Schicksal. Noch 1928 erringt er gemeinsam mit seinem Freund Otto Harder für den HSV den deutschen Meistertitel. Doch mit der Machtergreifung Hitlers wird der Abwehrspezialist als Ausländer auch politisch in die Defensive gedrängt. Der erfolgreiche Spieler und selbstständige Schiffsmakler verlässt Deutschland fluchtartig. In seiner Heimat wird er bald Nationaltrainer. Dabei versucht er, sich auch als Sportler von den Nazis zu distanzieren und Widerstand zu leisten. So verwehrt er 1940 bei einem Pokalendspiel dem Reichskommissar Josef Terboven und seinem Gefolge den Zutritt zur Ehrenloge. Im August 1942 wird er schließlich von der Gestapo verhaftet und in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert.

„In Hamburg kursiert seither das Gerücht, dass Harder in dieser Zeit zum Bewacher von Halvorsen wurde. Aber das stimmt nicht. Anhand der Dokumente aus der Ausstellung können wir nun beweisen, dass die beiden sich niemals zeitgleich in einem Lager befanden. Harder und Halvorsen waren Freunde – aber nicht Aufseher und Häftling,“ stellt Mansen klar.
  
Ein anderes Kapitel der HSV-Geschichte beleuchtet den Umgang mit den jüdischen Mitgliedern. Denn das Viertel , in dem der Club 1888 gegründet wird, ist gut bürgerlich, mit einem hohen Anteil jüdischer Kaufleute. Die engagieren sich häufig in verantwortlicher Position oder als Sponsor. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Vereinslebens, der zwölfte Mann.  

Das ändert sich nach 1933 radikal. Juden werden aus vielen deutschen Vereinen ausgeschlossen. Dieser NS-Erlass betrifft auch den HSV. „Allerdings gibt es Menschen, die Widerstand leisten. Angehörige der HSV-Handballsparte verstecken beispielsweise einen jüdischen Mitspieler über Monate in ihren Kellern. Andere helfen bei der Emigration. Da bietet eine Hafenstadt wie Hamburg natürlich viele Möglichkeiten,“ weiß der 44-jährige Museumsdirektor. Dennoch verlaufen sich zahlreiche Schicksale im Nirgendwo. Viele von ihnen werden den Holocaust nicht überlebt haben. Mit der Raute ins Grab Auch das Leben von Halvorsen und Harder reicht nur etwa ein Jahrzehnt über das Kriegsende hinaus. Halvorsen, inzwischen Generalsekretär des norwegischen Fußballverbandes, stirbt 1955 an den Spätfolgen seiner Inhaftierung. Harder stirbt 1956, nur fünf Jahre nach seiner Entlassung aus der Haftanstalt Werl. Hätte es das 2008 eingeweihte Gräberfeld des HSV schon damals gegeben, hätten sie wohl dort, einen Steinwurf von der Westtribüne ihre letzte Ruhestätte. Zumindest von Harder ist aber bekannt, dass auf seinem Sarg die blau-weiß-schwarze Raute mit ins Grab gesenkt wird. Auf den Kriegsgräberstätten des Volksbundes liegen ebenfalls einige ehemalige Mitglieder und Spieler des HSV sowie vieler anderer Vereine. Eine Liste mit knapp 100 bekannten Gefallenen des Zweiten Weltkrieges erhält Mansen von der Volksbund-Mitarbeiterin Christina Kopplin. „Es wäre schön, wenn diese Namenliste bald ein Bestandteil dieser so wichtigen Ausstellung wird. Vielleicht lassen sich so noch weitere Schicksale klären,“ hofft die 27-Jährige. Mansen will sich dafür einsetzen. Schließlich ist das Museum so was wie sein Lebenswerk. Und dann erzählt er – sozusagen als geistigen Rückpass – doch noch, wie der HSV wieder in den Besitz seines allerersten Pokals gelangte: „Er wurde nach seiner Entdeckung auf dem Dachboden in einer Auktion versteigert. Leider hat uns ein unbekannter Konkurrent überboten. Ein paar Monate später gab es die große Überraschung. Einer unserer Sport-Abteilungsleiter war nämlich der unbekannte Bieter. Und so kam das Schmuckstück wieder ins Schatzkästchen. Aber das ist eine andere Geschichte.“  

Auf den Kriegsgräberstätten des Volksbundes liegen ebenfalls einige ehemalige Mitglieder und Spieler des HSV sowie vieler anderer Vereine. Eine Liste mit knapp 100 bekannten Gefallenen des Zweiten Weltkrieges erhält Mansen von der Volksbund-Mitarbeiterin Christina Kopplin. „Es wäre schön, wenn diese Namenliste bald ein Bestandteil dieser so wichtigen Ausstellung wird. Vielleicht lassen sich so noch weitere Schicksale klären,“ hofft die 27-Jährige.

Mansen will sich dafür einsetzen. Schließlich ist das Museum so was wie sein Lebenswerk. Und dann erzählt er – sozusagen als geistigen Rückpass – doch noch, wie der HSV wieder in den Besitz seines allerersten Pokals gelangte: „Er wurde nach seiner Entdeckung auf dem Dachboden in einer Auktion versteigert. Leider hat uns ein unbekannter Konkurrent überboten. Ein paar Monate später gab es die große Überraschung. Der unbekannte Bieter war nämlich einer unser Sport-Abteilungsleiter. So kam das Schmuckstück wieder ins Schatzkästchen, aber das ist eine andere Geschichte.“

Aus Stimme & Weg 2/2009  |  Maurice Bonkat

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