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Dem Vater so nah – und dem Volksbund unendlich dankbar

Isolde Nengelken über Reisen nach Russland und Besuche am Grab
Ein Artikel von Christiane Deuse

Erst gab es nur einen Namen auf einer Stele in Russland. Das allein gab Isolde Nengelken schon das Gefühl, ihrem gefallenen Vater zum ersten Mal ganz nah zu sein. Später folgten Besuche am Grab in Kursk-Besedino und schließlich – im Sommer 2022 – sogar ein Video-Anruf per Handy von der Kriegsgräberstätte. Diese bewegende Geschichte erzählt die 81-Jährige aus dem westfälischen Vreden in einem Dankschreiben an Dirk Backen, den Generalsekretär des Volksbundes: 

 

Sehr geehrter Herr Backen,

seit einigen Tagen habe ich den Wunsch, dem Volksbund einmal meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Ich bin eine der unendlich vielen Kriegshinterbliebenen aus dem Zweiten Weltkrieg. Mein Vater ist im Oktober 1942 in Somovo, einem kleinen Dorf 30 Kilometer von Woronesch entfernt, gefallen und dort auch beerdigt worden.

Das Thema Krieg war für meine Mutter tabu und unerträglich. Zu sehr schmerzte es, dass sie ihren Mann nach so kurzer Ehe schon verloren hatte und sie nun ihre beiden Kinder von 2½ Jahren und 1 Jahr allein großziehen musste. Doch mich ließ der Verbleib meines Vaters nicht ruhen: Je älter ich wurde, desto mehr wollte ich über sein Schicksal wissen.

Erste Nachforschungen 2002

Dennoch dauerte es bis nach dem Ende meiner Berufstätigkeit und 2002 stellte ich die ersten Nachforschungen beim Roten Kreuz und auch bei der Deutschen Dienststelle in Berlin an. Von beiden erhielt ich zwar Auskunft, doch sie verwiesen mich an den Volksbund in Kassel, der sich direkt um einzelne Nachforschungen zu vermissten und gefallenen Soldaten kümmert.

Und so begann ein erfolgreicher Briefwechsel zwischen mir und dem Volksbund, der mich überaus glücklich gemacht hat. Meine unzähligen Fragen wurden freundlich und prompt von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beantwortet. Das Ergebnis der Recherchen, die mir der Volksbund übermittelte, stimmten mit Angaben in einigen Briefen meines Vaters überein – von denen ich bis dahin nichts wusste. Mein Bruder hatte sie von meiner Mutter erhalten. Sie wollte mich anscheinend nicht damit belasten und sie selbst konnte einfach nicht darüber reden.

Reise nach Kursk-Besedino

Im Oktober 2009 startete ich mit meinem Mann die erste Reise mit dem Volksbund nach meinem persönlichen Motto „Tochter sucht Vater“. Nach 3 Tagen in Moskau ging es weiter nach Kursk-Besedino, wo ein großer Soldatenfriedhof offiziell eingeweiht werden sollte, auf den man später auch meinen Vater umbetten würde – wenn er denn gefunden würde. Das hatte man mir vor der Reise mitgeteilt.

Auf dem Friedhof fand dann eine total beeindruckende Feierstunde statt, von einer russischen Blaskapelle und einem Chor feierlich mitgestaltet. Beim späteren Rundgang über den Friedhof konnte ich auf einer Stele eingraviert sogar schon den Namen meines Vaters lesen – mit Geburts- und Sterbedatum.

Mit vielen Tränen wurde ich nun hautnah mit der Vergangenheit des Krieges konfrontiert. Es war ein unbeschreiblicher Moment für mich, den ich niemals vergessen werde. Ich fühlte mich meinem Vater so nah wie noch nie in meinem Leben. Allein seinen Namen zu lesen auf dieser Stele, machte mich glücklich.

Persönlicher Kontakt und ein Versprechen

Am Ende der Feierstunde hatte der Volksbund einen Imbiss organisiert. Hier konnte jeder Reiseteilnehmer auch mit Mitarbeitern des Volksbundes reden. Dabei lernte ich zufällig auch Oleg Tschistik kennen, der den Friedhof in Zukunft im Auftrag des Volksbundes pflegen und instand halten würde.

Schon 2009 auf dem Friedhof gab ich meinem Vater das Versprechen, wiederzukommen, wenn er ebenfalls hier ruht. Traurig nahmen mein Mann und ich Abschied. Die Reise ging weiter nach Woronesch.

In Woronesch hatten wir uns privat um einen Dolmetscher und einen Fahrer samt Auto gekümmert, der uns nach Somovo bringen sollte – an den Ort, an dem mein Vater gefallen war. Leider erreichten wir unser Ziel nicht aufgrund eines Motorschadens. Total enttäuscht und mit vielen Tränen musste ich mich von meinem Vater auf der Landstraße gedanklich verabschieden. Somovo war doch der Schwerpunkt unserer Reise und so kurz vor dem Ziel mussten wir umkehren! Ich konnte es nicht glauben. Und noch unter Tränen machte ich erneut mein Versprechen, wiederzukommen, sobald die Umbettung erfolgt sein würde.

Gute Nachricht nach acht Jahren

Es dauerte acht Jahre, bis endlich vom Volksbund die Nachricht kam, dass die Gebeine meines Vaters nun auf dem Friedhof in Kursk-Besedino liegen würden. Aufgrund der schweren Erkrankung meines Mannes konnte ich an der angebotenen Reise nicht teilnehmen. 2019 aber – nach dem Tod meines Mannes – meldete ich mich dann mit meiner Tochter erneut an. Ich wollte unbedingt mein Versprechen einhalten.

Wie gut, dass wir gerade diese Reise gebucht hatten. Ich war die einzige Teilnehmerin, die bereits 2009 die Einweihung des Friedhofs miterlebt hatte. Wiederum konnte ich mit meiner Tochter einer ganz ergreifenden Zeremonie beiwohnen. Die Gebeine von 236 Toten wurden eingebettet, die die Umbetter des Volksbundes im Umkreis von Kursk bis Woronesch gefunden hatten und die nun auch endlich einen würdigen Platz auf diesem Friedhof bekamen.

Abschied wie bei Beerdigung

Als die Namen der gefallenen Angehörigen unserer Reisegruppe einzeln vorgelesen wurden und ich den Namen meines Vaters hörte, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. Fast 80 Jahre nach seinem Tod war es mir möglich, endlich offiziell wie bei einer Beerdigung von ihm Abschied zu nehmen – etwas, das mir als Tochter bis dato sehr gefehlt hatte. Dafür bin ich dem Volksbund unendlich dankbar. Als Kind wollte und konnte ich nicht verstehen, warum ausgerechnet mein Vater von dieser „Reise“ nach Russland nicht zurückgekehrt war.

Leider hat es bei der Trauerfeier unentwegt geregnet, doch man hatte das Gefühl, kaum jemand von den Teilnehmern störte das – als ob Tränen und Regen eines sei. Mein Blick ging zwischendurch zu den Blasmusikern, wie sie im strömenden Regen, aber dennoch mit Haltung die bekannten Musikstücke spielten: „Ich bete an die Macht der Liebe“ und „Ich hat einen Kameraden“ – Musikstücke, die den Schmerz dieses Augenblicks noch verstärkten. Und zum Schluss wurde gar das Deutschlandlied gespielt. In der aktuellen Situation – in Zeiten des Krieges in der Ukraine – ist so etwas undenkbar.

Kontakt zum Büro in Moskau

An diesem Tag lernte ich auch Viktor Muchin, den langjährigen Mitarbeiter beim Volksbund in Moskau kennen, und Hermann Krause, den Leiter des dortigen Volksbund-Büros. Ich erzählte von meinem Versprechen, das ich meinem Vater gegeben und an dem Tag eingelöst hatte. Sie fanden das außerordentlich gut und wir waren uns einig: Die Arbeit des Volksbundes muss fortgeführt werden, damit noch viele vermisste Soldaten gefunden werden und Angehörige über den Verbleib ihrer Lieben Nachricht erhalten können. Zu dem Zeitpunkt hat niemand auch nur geahnt, wie sehr sich die Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland verändern wird.

Ich bat Hermann Krause, er möge bitte bei einem seiner nächsten Besuche in Kursk-Besedino meinem Vater einen kurzen Gruß übermitteln und ein paar Blumen ablegen, was er mir gern zusagte. Es tat mir innerlich sehr weh, ihn an diesem Abend wieder einmal zu verlassen.

Per WhatsApp informiert

Im Juli erhielt ich eine WhatsApp aus Moskau, dass in Kürze eine Dienstreise nach Kursk-Besedino stattfinden sollte. Ich war erfreut: Also geht die Arbeit intern doch weiter trotz des Krieges. Wie ich mir vorstellen kann, liegen noch viele Suchanträge beim Volksbund vor von Angehörigen, die gern den Verbleib des Ehemannes, Vaters, Bruders in Erfahrung bringen würden. Noch 80 Jahre nach dem Krieg fehlt ihnen der Ort zum Trauern, wie es mir bereits möglich ist.

Ich war beeindruckt, dass Hermann Krause und Viktor Muchin ihre Zusage nicht vergessen hatten. Es kam dann auch von ihnen der Anruf direkt vom Friedhof, wie sie gemeinsam mit Oleg Tschisik die Blumen an dem Platz niederlegten, den Oleg ihnen vorher genau ausgemessen hatte.

Überglücklich in diesem Moment

Über mein Handy konnte ich an dieser Aktion sogar teilnehmen. Ich war überglücklich in diesem Moment, da ich sicher in dieser Krisenzeit vorläufig nicht mehr nach Russland reisen kann. Mit Schrecken und Trauer denke ich an die vielen Kinder dieses jetzigen Krieges, die nun – genau wie ich damals – ohne Vater aufwachsen müssen.

Hoffentlich kann der Volksbund auch in Zukunft seine Arbeit im Büro Moskau ohne Schwierigkeit weiterführen und hoffentlich finden sich auch immer wieder Mitarbeiter, die wie Hermann Krause, Viktor Muchin und auch der gute Oleg ihre Arbeit und ihren Einsatz für andere Menschen leisten über das normale Maß hinaus.

Unterstützen, solange ich kann

Ebenfalls wünsche ich mir sehr, dass der Volksbund noch für lange Zeit bestehen bleibt, denn ich habe ja auch versprochen, ihm treu zu sein, solange ich kann, und ihn auch weiterhin mit meinen Spenden zu unterstützen, so gut ich kann – weil ich dem Volksbund so unendlich viel verdanke.

Mit freundlichen Grüßen aus dem Münsterland

Isolde Nengelken

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