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Eine bessere Welt? Fangen wir bei uns selbst an!

Interview mit Samuel Andriesse, der seine Eltern durch Auschwitz verlor
Ein Artikel von Christiane Deuse

„Deine Mutter hat dir zweimal das Leben geschenkt: das erste Mal, als du geboren wurdest, und das zweite Mal, als sie dich nach deinem ersten Geburtstag an eine fremde Familie abgegeben hat und dir damit das Leben rettete.“ Das ist der berührendste Kommentar, den Samuel Miel Andriesse in der Begegnung mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen beim Volksbund bislang gehört hat. Der 79-jährige Niederländer erzählt seine Geschichte unter anderem bei internationalen Workcamps.
 

Hintergrund: Seine Eltern – beide jüdischen Glaubens – hatten ihn im niederländischen Eindhoven als Einjährigen in fremde Hände gegeben, um ihn zu schützen. Sie verloren seine Spur, wurden verraten, nach Auschwitz deportiert und dort im Alter von 27 und 35 Jahren ermordet.

Das Interview

Lieber Miel, Sie schildern als Zeitzeuge, was der Holocaust für Sie bedeutet. Wie die Ermordung Ihrer Eltern und ihr Entschluss, Sie rechtzeitig in fremde Hände zu geben, Ihr Leben geprägt haben. Warum erzählen Sie fremden Jugendlichen und jungen Erwachsenen davon?

Vorwegschicken möchte ich das: Wenn ich vor einer Gruppe junger Leute sitze, sind sie für eine Weile Fremde, werden aber bald schon zu aufmerksamen, interessierten Zuhörern.

Je länger der Zweite Weltkrieg hinter uns liegt, desto weniger wird das Thema in Alltag von Jugendlichen diskutiert. Es gibt immer weniger Zeitzeugen und deshalb ist es wichtig, so lange wie möglich meine Geschichte und Erfahrungen zu vermitteln. Außerdem ist es für mich eine Art Therapie: Ich gedenke auf diese Weise meiner Eltern und anderer Verwandten und erweise der lieben Familie, die mich versteckt und damit mein Leben gerettet hat, die Ehre, die sie verdient.

 

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie den Volksbund in seiner Jugend- und Bildungsarbeit unterstützen? Und seit wann und an welchen Orten arbeiten Sie zusammen?

Die Initiative ging vom Museum Westerbork aus, dem ehemaligen Lager, aus dem mehr als 102.000 Juden und 245 Roma deportiert wurden. Die Organisatoren baten mich, als Zeitzeuge in den Jugendbegegnungsstätten in Lommel in Belgien und in Ysselsteyn in den Niederlanden zu sprechen. Das erste Mal habe ich das 2010 getan. In den vergangenen zwölf Jahren habe ich schon mehr als 100 Vorträge gehalten – in niederländischer, deutscher und englischer Sprache. Meine Geschichte erzähle ich außerdem an niederländischen Schulen vor allen Altersgruppen, an Hochschulen und in der Lehrerausbildung.  

In den vergangenen Jahren hat mich hauptsächlich das Team von „Huis Over Grenzen“ in Lommel darum gebeten. Das ist ein vertrauter und warmer Ort für mich geworden. Dank der Leiterin Myriam Koonings und ihrem Personal fühle ich mich mehr oder weniger als Teil des Ganzen – wir alle sind Freunde.

 

Wie sind Ihre Erfahrungen nach einem Dutzend Jahren: Verändert sich die Bereitschaft junger Menschen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen?

Es gibt einen Unterschied zwischen jungen Leuten aus den Niederlanden, aus Belgien und aus Deutschland. Niederländische Schülerinnen und Schüler erhalten eine ganze Reihe von Informationen über den Zweiten Weltkrieg – sowohl in der Primar- als auch in der Sekundarstufe. Belgien ist stärker mit der Geschichte des Ersten Weltkrieges verbunden und gibt dem Zweiten Weltkrieg wenig Raum im Unterricht.

Deutscher  Schülerinnen und Schüler liegen nach meiner Erfahrung irgendwo dazwischen. Sie interessieren sich im Allgemeinen sehr für meine Geschichte. Früher war oft eine der ersten Fragen: „Was denken Sie jetzt über uns?“ – das Image war ihnen wichtig. Das ist inzwischen weniger der Fall. Ich denke, dass Schuld- und Schamgefühle verschwinden oder zumindest weniger werden. Das ist verständlich. Wir sollen die heutige Generation nicht für das verdammen, was ihre Vorfahren getan haben. Darum sage ich: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was Eure Eltern getan haben.“ Sie dürfen aber nicht vergessen.

 

Welche Begegnungen haben Sie besonders beeindruckt?

Die internationalen Workcamps sind meist beeindruckend. Junge Menschen aus verschiedenen Ländern verbringen eine oder zwei Wochen zusammen und öffnen sich von Tag zu Tag mehr. Die Beteiligung von Flüchtlingen und Asylsuchenden hat dabei einen großen Wert. Ich habe mehrfach erlebt, dass Geflüchtete – wenn sie meine Geschichte gehört hatten – von ihren schrecklichen Erfahrungen und den Gefahren auf der Flucht erzählten.Auch die anderen Teilnehmenden berichten über ihr Land, schildern ihre Kindheit und Erziehung, Probleme und Ängste. Ich habe auch schon erlebt, dass jemand spontan von seinem Kampf mit seiner sexuellen Orientierung und den Problemen damit erzählte. Das hat mich beeindruckt, das finde ich toll!

Welche Botschaft geben Sie jungen Menschen mit auf den Weg?

Wir dürfen den Holocaust nie vergessen und es liegt an ihnen, den Jugendlichen, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert! Auch in unserer heutigen Gesellschaft gibt es oft Vorurteile und Missverständnisse wegen der Herkunft, der Hautfarbe, der Religion oder wegen sexueller Orientierung. Mein Credo lautet: Beurteile jemanden so, wie er oder sie ist, und urteile nicht vorher. Zeigt mehr Interesse am Leben Eurer Nachbarn, die in irgendeiner Weise anders sein können, oder erfahrt mehr über die Geschichte  eines Flüchtlings. Fragt, was er oder sie erlebt hat und was die Gründe dafür waren, weshalb sie ihre Heimat verlassen mussten.

Rassismus und Antisemitismus sind leider in ganz Europa auf dem Vormarsch. Warum müssen antiisraelische Demonstrationen immer in antijüdischer Gewalt enden? Dem können und müssen wir etwas entgegensetzen.  Der israelisch-palästinische Konflikt liegt im Nahen Osten und man hat das Recht, dagegen zu protestieren. Aber die in Berlin, Amsterdam oder Antwerpen lebenden Jüdinnen und Juden haben darauf weder Einfluss, noch tragen sie Schuld. Sie werden jedoch beschimpft, gedemütigt und diskriminiert. Lasst uns damit aufhören!

Wir alle wollen eine bessere Welt, fangen wir bei uns selbst an!

Lieber Miel, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Reportage und mehr aus Lommel

Eine Reportage aus Lommel, wo er 79-Jährige im Juli 2021 als Zeitzeuge sprach, finden Sie in der Mediathek in der Ausgabe 2-2021 der Mitgliederzeitschrift FRIEDEN (S. 29-31).

Seine Motivation und seine Botschaft hat Samuel Miel Andriesse in einem Video-Statement zusammengefasst. Darin heißt es: „Mein Slogan ist, dass man niemals Kinder dafür verurteilen darf, was die Eltern oder Großeltern gemacht haben. Sie müssen frei sein im Kopf. Aber: Sie müssen wissen, was geschehen ist und was für Folgen ein Krieg hat.“

Zum Ansehen des Videos bitte anklicken (Video: Simone Schmid)

Video-Statement

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Vortrag im Wortlaut

Einen Abschnitt hat Samuel Miel Andriesse nachträglich ergänzt in seinem Vortrag, den er vor ungezählten jungen Zuhörerinnen und Zuhörern schon gehalten hat: das Kapitel über seinen Besuch in Auschwitz. Erst im Alter von 75 Jahren fand er den Mut, den Ort zu besuchen, an dem seine Eltern ermordet worden waren. Die Schilderung davon zählt zu den bewegendsten seiner Schilderungen.

Zum Vortrag

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