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Gedenken 8700 km weit weg von hier

Eine richtige und wichtige Entscheidung in den USA
Ein Artikel von Dirk Backen

Es ist sicher das mit Abstand außergewöhnlichste Auto, mit dem ich je zu einer Veranstaltung zum Volkstrauertag gefahren bin. Ich sitze im November 2015 mit dem damaligen deutschen Honorarkonsul in San Antonio (Texas) in seinem riesigen offenen Straßenkreuzer, einem dunkelroten Cadillac El Dorado aus den 1960er Jahren. Ben Buecker winkt bescheiden ab, wenn man sein Auto bewundert. Er würde es aufgrund des hohen Benzinverbrauchs eh nur noch selten benutzen, sagt er mir mit einem entwaffnenden Lächeln.

Buecker ist ein Sohn deutscher Einwanderer, die vor den Nationalsozialisten gerade noch rechtzeitig fliehen konnten; ein stiller, nachdenklicher Mann. Er hat Jura in Deutschland studiert und ist auch Mitglied im örtlichen Beethoven-Männerchor, einem sehr aktiven und altehrwürdigen Verein, der schon 1867 gegründet wurde und sich selbst als ein Stückchen Deutschland im Herzen von Texas bezeichnet. Natürlich gibt es auch seit fast 90 Jahren einen Damenchor, und so findet man hier in San Antonio ein Zentrum historischer deutscher Einwanderung und liebenswürdigen Brauchtums.

Wurzeln in Deutschland bleiben stark

Zum Volkstrauertag trifft sich die deutschstämmige Gemeinde zum gemeinsamen Gedenken, so auch 2015, als ich dort als Gast eingeladen war und eine Rede halten durfte. Damals noch in meiner Funktion Verteidigungsattaché an der Deutschen Botschaft (2012 - 2016) in den USA. Heute leite ich die Abteilung Service und Kooperation beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. 

Claus Heide, der Präsident des Beethoven Männerchors, lädt jedes Jahr Gäste zu dieser ehrwürdigen Veranstaltung ein. Für ihn ist es wichtig, dass man seine Wurzeln und die Geschichte nicht vergisst. „Germany“ ist gerade in dieser Region des Texas Hill Country kulturell ein eher positiv belegter Begriff. 

Es sind die Einflüsse der deutschen Einwanderer vor allem des 19. Jahrhunderts, die in dieser Gegend viele sichtbare Spuren hinterlassen haben. Es ist zum Beispiel der berühmte Friedensvertrag zwischen dem Baron von Meusebach und den Comanchen, der bis heute – als eines von ganz wenigen Abkommen – nie gebrochen wurde und an den man im nahegelegenen Städtchen Fredericksburg mit einem Denkmal erinnert.

„Wurstfest“ mit süddeutschem Anstrich

Der beschauliche, von deutschen Einwanderern gegründete Ort, dessen „Main Street“ hier noch „Hauptstrasse“ heißt, beherbergt auch das National Museum des Zweiten Weltkrieges im Pazifik. Es steht auf dem Gelände eines ehemaligen Hotels von Karl Heinrich Nimitz, einem geborenen Bremer. Sein Enkel, Chester W. Nimitz, sollte als Admiral später die Schlacht bei Midway entscheiden und zusammen mit Douglas MacArthur am 2. September 1945 die Kapitulationsurkunde der Japaner entgegennehmen. Das Museum wird heute geleitet vom ehemaligen Chef der US Marines, General a. D. Michael W. Hagee, einem gebürtigen Fredericksburger, der mich natürlich stilecht mit einem großen Stetson-Hut auf dem Haupt durch das Museum führt.

Deutsche Spuren finde ich auch auf dem alljährlichen „Wurstfest“ im benachbarten New-Braunfels, das mit rund einer Viertelmillion Besucher eher süddeutsches Kulturgut populär gemacht hat. Und es sind die vielen von deutschen Siedlern gegründeten Orte, wie etwa Boerne, das in dieser Region ein Zentrum deutscher Freigeister und Bürgerrechtler war, die nach der Revolution 1848 und der danach einsetzenden Restauration und Einschränkung von Freiheitsrechten auswanderten. 

Ein Grabstein mit Hakenkreuz

Inmitten dieses so sympathisch wirkenden Ambientes deutscher Auswanderungsgeschichte stoße ich dann aber doch auf etwas sehr Verstörendes. Ich blicke nämlich auf ein Hakenkreuz auf einem Grabstein auf dem hiesigen Soldatenfriedhof in Fort Sam Houston, San Antonio. Hier liegen 133 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft verstorbene deutsche Soldaten begraben.

Einer von ihnen ist Georg Forst aus Frankfurt am Main, gerade mal 20 Jahre alt, als er 1943 in der weit entfernten Fremde stirbt, ohne seine Heimat je wiedergesehen zu haben. Von 1943 bis 1946 befanden sich mehrere Hunderttausend Deutsche auf dem nordamerikanischen Kontinent in den Lagern.

Obgleich gut behandelt, starben über Tausend von ihnen an den Folgen oftmals mitgebrachter Verletzungen und Krankheiten, durch Unfälle oder auch durch Suizid. Die amerikanische Regierung beerdigte die Toten anständig und pflegt auch heute noch die Gräber, die nach dem Krieg an mehreren Stellen in den USA zusammengelegt wurden.

Vorrang für den Denkmalschutz

Von den 133 Grabsteinen mit deutschen Namen in San Antonio sind nur zwei mit einem Hakenkreuz-Symbol versehen, eingebettet in ein Eisernes Kreuz – offenbar die Darstellung der ihnen verliehenen Tapferkeitsauszeichnung. Dennoch: Das Hakenkreuz passt genauso wenig zum Grab von Georg Forst wie der darunter stehende Spruch „Er starb fern der Heimat für Führer, Volk und Vaterland“. 

Als ich die Angelegenheit einen Tag später beim örtlichen militärischen Befehlshaber anspreche, verweist dieser auf den geschützten Status des Friedhofs. Außerdem unterstehe die Friedhofsverwaltung dem Veteranenministerium und nicht dem Militär. Und die hätten sich unter Verweis auf den Denkmalschutz bislang nicht dazu bewegen lassen, etwas zu verändern.

Unbefriedigt reise ich zurück nach Washington DC zur deutschen Botschaft, wo ich 2015 noch arbeite. Meine Nachfolger haben seither regelmäßig an der Gedenkfeier zum Volkstrauertag in San Antonio teilgenommen. Es ist eine gute und fruchtbare Tradition geworden, zumal die Versöhnung über den Gräbern auf diese Weise auch in den USA in die Gesellschaft hineingetragen werden kann – was auch immernoch nötig ist. Deshalb wird 2021 Brigadegeneral Frank Gräfe, der deutsche Verteidigungsattaché in Washington DC – wie schon 2020 – hier seine Rede zum Volkstrauertag halten.

Wandel führt zu sensiblerem Umgang

Es mögen die Veränderungen in dieser amerikanischen Gesellschaft gewesen sein, die am Ende nun für eine Neubewertung im amerikanischen Veteranenministerium gesorgt haben. Die in den vergangenen Jahren immer wieder aufgeflammten Diskussionen über Wertewandel, Denkmale im öffentlichen Raum und geschichtliche Symbole (zum Beispiel die Flagge der Südstaaten aus dem Bürgerkrieg) hat auch zu einem sensibleren Umgang mit den entsprechenden Fragen im amerikanischen Traditionsverständnis geführt, auch wenn man angesichts der schlimmen Bilder aus dem US Capitol Anfang des Jahres gelegentlich einen anderen Eindruck bekommt. Am Ende des Tages ist es auch dem beharrlichen Einsatz von Michael L. Weinstein, einem ehemaligen Air Force Offizier, zu verdanken, dass das Hakenkreuz – dieses die Gefühle aller verletzende Symbol – für immer vom Soldatenfriedhof in San Antonio verschwunden ist. Er hatte sich mehr als alle anderen um die notwendige politische Unterstützung bemüht.

Grabsteine als Museumsstücke

Die beiden betroffenen Grabsteine wurden vor ein paar Wochen ausgetauscht und verschwanden dahin, wo sie hingehören: ins Museum, wo sie nun im richtigen Kontext erklärt werden. Jetzt steht ein schlichter weißer Head Stone, wie die Grabsteine in den USA genannt werden, mit Namen, Geburtsdatum und Todesdatum auf dem Grab von Georg Forst.

Die Entfernung des Hakenkreuzes kann ich nur begrüßen, historischer Schutz hin oder her. Die Symbolik des verbrecherischen NS-Regimes und der grausamen Ideologie, die für diesen frühen Tod von Georg Forst verantwortlich sind, in so unmittelbare Verbindung mit seinem Kriegsgrab zu bringen, verhöhnt die Toten und muss die Gefühle jedes anteilnehmenden Betrachters verletzen. So gesehen bedurfte es eigentlich nie eines Umdenkens, um einen würdigen Grabstein auf die letzte Ruhestätte von Georg Forst zu setzen, denn das sind wir ihm schon seit seinem viel zu frühen Tod vor 77 Jahren schuldig gewesen. Aber es gilt ja immer noch die alte Einsicht: Besser spät als nie ….

Verbindendes suchen im Gedenken

Es geht schließlich um ein auch in Zukunft anständiges und versöhnliches Gedenken miteinander. Brigadegeneral Frank Gräfe unterstreicht dies noch einmal ganz deutlich in seiner Rede vor ein paar Wochen am deutschen Gräberfeld in San Antonio: „An Plätzen wie diesen fühlen wir den Schrecken und die Sinnlosigkeit von Krieg und Gewalt.“ Neben den deutschen Kriegstoten liegen schließlich hier auch amerikanische Soldaten begraben, die für die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus fielen.

Wo, wenn nicht an einem solchen Ort, kann man wahrhaftig „gemeinsam“ gedenken und vor allem darüber reflektieren, was uns verbindet. Und nicht darüber, was uns vielleicht trennt.

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