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Jugendlager von 1970: Spuren bis heute

Volksbund prägte das Leben der damaligen Abiturientin Michèle Fontaine
Ein Artikel von Amélie Zemlin-Kohlberger

Manche Begegnungen verändern und prägen das ganze Leben. Michèle Fontaine lernte durch Zufall den Leiter eines Volksbund-Jugendlagers in ihrer nordfranzösischen Heimat kennen. 40 Jahre später traf sie ihn wieder und zog in seine Heimat Rheinland-Pfalz. Dem Volksbund ist sie seit ihrer Jugend sehr verbunden. Von ihr erhielt der Verein nun einen Workcamp-Film aus den 1970er Jahren und Material für das Projekt „Kriegsbiographien“.

Atmosphäre und Teamgeist des Workcamps sind ihr bis heute im Gedächtnis geblieben. Ihre Hilfsbereitschaft 25 Jahre nach Kriegsende markierte den Anfang dieser besonderen Verbindung – auch zu Menschen, die Michèle Fontaine nicht mehr vergaß.

Ein Dokument der Zeitgeschichte

Schauplatz: ein Wohnzimmer in der Gegenwart. Fröhliche Melodien einer elektromechanischen Orgel schallen aus dem Laptop. Eine markante männliche Stimme kommentiert die leicht wackelnden Bilder zu Beginn, bis irgendwann nur noch Musik und regelmäßiges Rattern den Rest der Aufnahmen begleiten. Die Stimme gehört zu Horst Hubert, der Ende 2020 verstorben ist.

Er hat der heute 71-Jährigen Michèle Fontaine den Film hinterlassen und gewidmet. Gezeigt wird ein Jugendlager (heute „Workcamp“) auf der Kriegsgräberstätte von Dourges im Sommer 1970. Lachende Jugendliche beim Ausladen von Gerätschaften, Bundeswehr-Lastwagen in dem kleinen Dorf, junge Männer mit Schubkarren auf dem Soldatenfriedhof, Pause am Strand.

Organisieren und dolmetschen in Dourges

Die Gemeinde in der nordfranzösischen Region Nord-pas-de-Calais zählt heute knapp 6.000 Einwohnerinnen und Einwohner und ist von Industrie und Kohleabbau geprägt. Im Ersten Weltkrieg war sie von August 1914 bis September 1918 durchgehend von deutschen Truppen besetzt. Im Zweiten Weltkrieg haben in der Region einige Widerstandskämpfer ihr Leben gelassen.

Zeugen der Ereignisse sind zahlreiche Militärfriedhöfe und Denkmäler aus aller Herren Länder. Mit fast 45.000 Gräbern ist die Kriegsgräberstätte in Neuville-St.Vaast die größte des Ersten Weltkrieges, die der Volksbund in Frankreich anlegte.

Michèle Fontaine wuchs in Dourges auf und stieß 1970 durch Zufall zu der deutschen Jugendgruppe. Weil sie recht gut Deutsch sprach, fragte der Bürgermeister sie, ob sie dem Leiter des Jugendlagers bei Organisation und Übersetzung helfen könne. Sie sagte sofort zu und bereute es nie: „Ich hatte den Eindruck, dass ich helfen konnte. Das war für mich wichtig und angenehm. Ich habe diese Zeit nie vergessen.“ Noch heute weiß sie die damalige Postadresse des Volksbundmitarbeiters, der als Landschaftsingenieur tätig war, auswendig. Beide schätzten und respektierten einander sehr.

Wiedersehen nach Jahrzehnten

Auf die erste Begegnung folgten weitere bei späteren Workcamps. Es entstand eine tiefe Freundschaft zu Horst Hubert und – wenn auch erst Jahrzehnte später – eine Partnerschaft: Während Michèle darüber spricht, schaut sie gedankenverloren auf ein Foto von beiden – sie haben seine letzten zehn Lebensjahre gemeinsam verbracht.

Schon damals habe er ihr ein Gefühl von Sicherheit und Verantwortungsbewusstsein gegeben. 13 Mal arbeitete er als Jugendleiter in Frankreich und setzte sich aktiv für Frieden, Verständigung zwischen den Ländern und Gerechtigkeit ein. Doch dann verlor sich seine Spur.

Als Michèle in Rente war, suchte sie im Internet nach ihm und nahm den Kontakt wieder auf. „Er hat direkt geantwortet. Das hätte ich nie gedacht“, sagt sie. Er war damals um die 70 Jahre alt und herzkrank. Sie trafen sich in Deutschland. Kurz darauf kaufte sie ein Haus im pfälzischen Thalfang und verließ ihr Heimatland.  

Großer Karton voller Briefe

Neben dem Film vermachte ihr Partner dem Volksbund nach seinem Tod einen großen Karton voller Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg und den 1930er Jahren. Die Briefe stammen von seinem Vater, der auf der Kriegsgräberstätte Bartossen/Bartosze begraben ist. Erich Karl Hubert war 1945 an Dystrophie in einem Lazarett in Polen gestorben – als sein Sohn sechs Jahre alt war.

Michèle hat dem Volksbund das Material für das Projekt „Kriegsbiographien“ zur Verfügung gestellt. Die schmerzhafte Lücke, die der Vater hinterlassen hatte, habe ihr Partner durch Engagement in der grenzüberschreitenden Friedensarbeit zu füllen versucht.

Ressentiments über Jahrzehnte

Zurück in die 1970er Jahre: Das Engagement für den Volksbund war nicht überall gern gesehen, war doch die Bevölkerung in Dourges noch von den Kriegsereignissen geprägt und hatte die Bilder ihrer zerstörten Heimat vor Augen. Eines Morgens habe der Citroën 2CV der jungen Französin, auf den sie voller Stolz das Volksbund-Logo geklebt hatte, nicht mehr vor der Tür ihres Elternhauses gestanden, erzählt sie. Ihr Vater habe ihn mit zerrissenem Dach und zerschnittenen Kabeln vor der deutschen Kriegsgräberstätte gefunden.

Andere Beispiele Jahrzehnte später zeigen, wie lange sich Ressentiments halten: Die polnisch-stämmige Familie ihres ersten Mannes habe kein Wort Deutsch hören wollen – seine Eltern hatten in Kriegszeiten Zwangsarbeit leisten müssen, erinnert sich Michèle Fontaine. Und als sie vor zehn Jahren nach Deutschland zog, hätten Gleichaltrige entsetzt gerufen: „Du ziehst nach Deutschland? Die Deutschen haben meinen Onkel getötet!“.

Ohne Gram gegen die Deutschen aufgewachsen

Sie selbst sei ohne Gram gegenüber den Deutschen aufgewachsen, sagt die Rentnerin heute. Dadurch sei Hilfsbereitschaft für sie selbstverständlich gewesen. In ihrer Familie sei nie über die Kriege geredet worden. Ihre Großmutter, 1900 geboren, hatte zwei Weltkriege erlebt, ihre Eltern einen Bombenangriff nur knapp überlebt. Den Kindern von solch belastenden Erlebnissen zu erzählen, habe niemand über sich gebracht. Die Grenze, die ihre Generation vielleicht noch im Kopf habe, werde bei den nächsten Generationen nicht mehr da sein, hofft sie – und das sei auch gut so.

„Frieden muss man verteidigen“

Wann immer es sich anbietet, macht sie Werbung für die Volksbund-Workcamps. „Heutzutage muss man wertschätzen, dass im eigenen Land Frieden herrscht. Man soll aber nicht nur über Frieden reden, sondern auch etwas für den Erhalt tun.“ Vor allem Jugendliche sollten hinterfragen, wie es zu den Ereignissen kam.

Der Frieden sei nicht einfach vom Himmel gefallen, daher müsse man ihn verteidigen. Ihre Rolle als Sprach- und Kulturvermittlerin damals hat sicherlich dazu beigetragen, dass die deutschen Jugendlichen in Dourges einen differenzierteren Blick auf ihr Nachbarland entwickeln konnten.

Die Lebensgeschichte der Französin birgt unverhofft viele Verbindungen mit dem Volksbund. Nicht zuletzt war er der Grund für ihren Neuanfang in Deutschland vor zehn Jahren. Durch ihre Erzählungen, den Film und die Briefe hat sie dem Volksbund nun viel zurückgegeben.

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