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Warum mache ich das?

Gedanken zu Freiwilligen Arbeitseinsätzen von Erwachsenen in ihrem Urlaub
Ein Artikel von Christiane Deuse

Bodo Henze leitet seit 2015 „Freiwillige Arbeitseinsätze“, die der Volksbund inzwischen für Erwachsene ab 30 Jahren anbietet. Die Gruppen pflegen ehrenamtlich Kriegsgräber, lernen aber auch Land und Leute kennen – im Baltikum, auf dem Balkan, in Italien, in vielen Ländern dieser Welt. Ehrenamtlich arbeiten im Urlaub und dafür auch noch Geld bezahlen? Was bewegt ihn, was motiviert die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu?
 

Bodo Henze:„Geniale Arbeit so lange wie möglich fortführen“

 Ich muss etwas weiter ausholen, um meine Motivation zu erklären: Mein Großvater (Jahrgang 1896), Kriegsteilnehmer des Ersten und zweiten Weltkrieges, kam körperlich unversehrt aus beiden Weltkriegen zurück. Mein Vater (geboren 1928, ein „weißer Jahrgang“) hat die Auswirkungen des Krieges miterlebt. Ich wurde Soldat – das war mein Wunsch – und so hörte ich erstmals vom Volksbund. Mein Großvater sagte zu mir: „Du wirst freiwillig Soldat, ich konnte es mir nicht aussuchen. Also behandele Menschen so, wie du gern behandelt werden möchtest.“

Der Einstieg beim Volksbund war erlebnisreich. Mich hat er als Soldat und Teilnehmer eines Arbeitseinsatzes in den Vogesen 1975 sehr beeindruckt und seitdem nicht mehr losgelassen. Es folgten sehr viele Arbeitseinsätze mitsamt „Aufstieg“ zum Kommandoführer. Fast in jedem Jahr bis zur meiner Pensionierung 2007 durfte ich mit meinen Soldaten die Kriegsgräber (Schwerpunkt: Hoherott Berg im Elsass) pflegen und instand setzten.

Seit November 2003 bin ich beim Volksbund als Reservistenbeauftragter verantwortlich für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Eine Riesen-Aufgabe, gibt es doch in meinem Verantwortungsbereich rund 110 Reservistenkameradschaften, die betreut werden wollen. Daraus ergab sich eine Anfrage, ob ich mir nach meiner Pensionierung vorstellen könnte, die Jugendarbeit des Volksbundes in Niedersachsen als Campleiter zu unterstützen. Ich brauchte nicht lange zu überlegen und sagte zu.

Von Mai 2007 bis September 2016 sollten zehn Jahre Jugendarbeit in verschiedenen Ländern folgen – mit Gruppen aus drei bis zwölf Nationen. Stationen waren Sandbostel, Chisinau, Istanbul, Wien, Costermano, Helmstedt, Berlin, Wolfsburg und viele andere. Eine stressige, aber dennoch richtig tolle Zeit mit jungen Menschen.

2015 wurde ich gefragt, ob ich nicht nach meinem Abschied aus der Jugendarbeit mit 62 Jahren mein Engagement in den „Ü50-Camps“ fortführen möchte. Heute nennen sie sich „Freiwillige Arbeitseinsätze“ und sind ein Angebot für Erwachsene ab 30 Jahren. Natürlich habe ich keine Sekunde überlegt und bis zum heutigen Tag bin ich hochmotiviert und mit Spaß und Freude dabei.

Herzliche Menschen begegnen sich aus allen Himmelsrichtungen der Republik, jung (32 Jahre) und lebensälter (84 Jahre). Verschiedensten Berufsgruppen treffen sich jährlich – manchmal auch mehrmals im Jahr –, um mit „Arbeit für den Frieden“ zur „Versöhnung über den Gräbern“ beizutragen und Gutes zu tun. Solange ich mich fit fühle, werde ich diese geniale Arbeit so lange wie möglich fortführen.

Bernd Zürn: „Neugierig bleiben bis ins hohe Alter“

„Weshalb machst du alter Sack so etwas?“, werde ich immer wieder gefragt, wenn ich von meinen Einsätzen für den Volksbund erzähle. „Und dafür zahlst du auch noch Geld?“, ist die oft gestellte Zusatzfrage.

Um ehrlich zu sein: Genau das frage mich selbst immer wieder. Sind es die wunderbaren Menschen, die ich dabei treffe? Die ungewöhnlichen Arbeiten in einem nicht alltäglichen und fremden Umfeld? Abenteuerlust? Das gute Gewissen, etwas Positives zu leisten? Oder alles zusammen?

2021: Mein erster Einsatz in Jekabpils in Lettland. Eine Freundin meiner Frau hatte von ihren Einsätzen erzählt und mich neugierig gemacht. Eigentlich ist das Baltikum – vom Gefühl her – nicht so mein Ding. Ich bin ein oder zwei Mal durch Lettland gekommen auf dem Weg nach Petersburg. Allein wäre ich nicht dorthin gefahren, aber das war jetzt etwas anderes: Eine sinnvolle Aufgabe wartete dort auf mich. Und Mitstreiter, so meine weitere Überlegung, die mir zwar völlig fremd waren, aber ungewöhnlich und auch sehr sozial sein mussten. Zum Glück war das auch wirklich so.

Auch meine beiden diesjährigen Einsätze, Klaipeda in Litauen sowie Futa-Pass in Italien, verstärkten das Gefühl, etwas Gutes und auch Sinnvolles getan zu haben. Dass ich immer der Älteste war – ich bin jetzt 84 Jahre alt – hat mich (und hoffentlich auch die anderen) nicht gestört. Körperlich überfordert war ich nie.

Große Probleme habe ich mit der Tatsache, dass die Fahrten zu den Einsatzorten sehr umweltschädigend sind. Da kommen jedes Mal einige Tausend Kilometer mit einem Bus der Bundeswehr zusammen. Das tut mir richtig weh und es lässt sich auch nicht schönreden – selbst wenn es für eine gute Sache ist. Die Umweltbelastung ist einfach da. 

Großen Respekt habe ich vor den Leitern dieser Einsätze. Ich möchte nicht mit ihnen tauschen! Selbst unter den nettesten Teilnehmerinnen und Teilnehmern gibt es durchaus Meinungsunterschiede: Tagesablauf, Arbeitseinteilung, Verpflegung, Unterkunft, Freizeitgestaltung, Ausflüge … Das möglichst konfliktfrei zu regeln – ganz schön schwierig, auch bei gutem Willen aller Beteiligten. Hut ab und ein herzliches Danke denen, die eine solche Camp-Leitung auf sich nehmen!

Julian Keil: „Ich wollte etwas zurückgeben“

Am Anfang steht die Frage, die mir oft von Freunden und Bekannten gestellt wurde: Warum investiert ein berufstätiger 33-Jähriger mehr als zehn Tage seines Jahresurlaubes – immerhin ein Drittel – für solch ein Abenteuer mit so vielen unbekannten Faktoren?

Die Idee kam nicht aus heiterem Himmel – der Volksbund und seine Arbeit sind mir schon lange bekannt. Ich spende jährlich und 2021 beschloss ich, mich mehr einzubringen. Schließlich hatte mich der Volksbund bereits bei der Schicksalsklärung von Verwandten unterstützt. Ich wollte etwas zurückgeben in dem Bewusstsein, dass die Pflege und Unterhaltung der unzähligen Kriegsgräberstätten im Ausland nicht nur finanziell einen enormen Kraftaufwand erfordern.

Daher ist es mir auch heute noch ein großes Anliegen, dass das Andenken und die Erinnerung an die deutschen Kriegstoten nicht in Vergessenheit geraten – so viele Jahre nach dem Ende der Weltkriege und unabhängig von der Motivation, die diese Männer damals antrieb und ihr zumeist junges Leben viel zu früh beendete.

Nun ist es Ende 2022 und ich habe an drei Freiwilligen Arbeitseinsätzen teilgenommen. Ich war zwei Mal der jüngste und einmal der zweitjüngste Teilnehmer, Probleme mit der an Lebenszeit erfahreneren Generation hatte ich nie. Die gemeinsame Aufgabe und Motivation schweißen zusammen und ich verbinde viele großartige Erinnerungen mit diesen Einsätzen. Sicher werden noch viele weitere folgen. Übrigens: Neuerdings bietet der Volksbund auch einwöchige Einsätze an. Teilnehmen lohnt sich – wir sehen uns!

Alfons Böck: „Doch, wir können etwas für sie tun!“

In der Erde buddeln, Schubkarre schieben, Eisen entrosten und frisch streichen – aus welchem Grund fährt man Hunderte Kilometer, um das auf Soldatenfriedhöfen zu tun, um Gräber aus vergangenen Epochen zu pflegen?

Drei Mal war ich bis jetzt dabei und so viel gleich vorweg: Ich möchte wieder mit! Gründe sind zunächst Reisefreude, geschichtliches und kulturelles Interesse und Lust auf kameradschaftliche Erfahrungen. Doch die Ursachen liegen auch tiefer:

Ich wuchs in einem winzigen Dorf im Allgäu auf. Die Gespräche der Erwachsenen kreisten immer wieder um Krieg, Gefangenschaft, Flucht. Bei der Mutter spürte ich eine Art von Traurigkeit: Sie waren acht Kinder gewesen – eine fröhliche Schar, obwohl der Vater früh verunglückt war. Dann mussten die Jungs „einrücken“, wie es damals hieß. Einer nach dem anderen. Bald kam der erste zurück: halbseitig gelähmt. Von den anderen fiel einer im Westen, zwei andere irgendwo im Osten. Meine Mutter trug ein Trauma mit sich, ihr Leben lang.

Trotzdem wollte ich Soldat sein und ging freiwillig zur Bundeswehr. Wer sich objektiv mit Geschichte beschäftigt, muss erkennen, dass wir Glück hatten und haben. Ich fühle keine Schuld gegenüber jenen, denen so ein Leben verwehrt blieb. Aber ich sehe einen Sinn darin, sie nicht zu vergessen! Sie hätten gerne in unserer Allgäuer Heimat in der Erde gebuddelt und Schubkarren geschoben. Aber sie liegen irgendwo im „Osten“ und wir können nichts für sie tun. Wirklich nicht?

Früher waren Bundeswehrsoldaten mit Sammeldosen unterwegs und ich verspürte eine gewisse Neugier auf die Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Irgendwann nahm ich Kontakt auf und fragte immer wieder die Daten meiner Verwandten ab. Leider ohne Ergebnis. Trotzdem erschienen mir die vielfältigen Leistungen des Volksbundes beachtlich.

Eines Tages entdeckte ich die Freiwilligen Arbeitseinsätze. Offensichtlich gab es auch Einsatzorte in den baltischen Ländern, die hatten mich seit langem besonders interessiert. Deshalb meldete ich mich an – und war begeistert. Für mich ist diese Kombination aus Arbeits- und Bildungsreise einfach „stimmig“.

Dass die „Mit-Freiwilligen“ aus dem ganzen Bundesgebiet stammen, kann gar nicht hoch genug bewertet werden. Eine Stunde miteinander zu reden ist gut; eine Stunde zusammen zu arbeiten, ein Ziel zu verfolgen, ein Problem zu lösen kann aber wirklich ein „Wir-Gefühl“ schaffen.

Wir befassen uns in den Gastländern auch mit den Menschen, deren Geschichte und Kultur. Wir reisen und arbeiten zusammen, wir bummeln durch eine Stadt und besuchen eine Kneipe. Wir reden über Gott und die Welt. Und immer wieder spüren wir, dass wir uns verstehen; sogar sehr gut verstehen!

Die momentane Friedenszeit ist ein Experiment, sagt ein deutsch-französischer Kabarettist mit Blick auf die Freundschaft beider Länder. Frieden und Freiheit in Europa nichts weiter als ein Experiment? Ein Experiment, das schief gehen kann (was wir leider seit einigen Monaten brutal vor Augen geführt bekommen).

Ich möchte, dass das Experiment so gut wie möglich gelingt. Dazu braucht es überall Menschen, die an gemeinsamen Projekten mitarbeiten. Ich sehe in jedem Freiwilligen Arbeitseinsatz des Volksbundes ein Mosaikteilchen für das große Projekt eines friedlichen und freien Zusammenlebens in Europa.

Freiwillige Arbeitseinsätze

Freiwillige Arbeitseinsätze für Erwachsene ab 30 Jahren sind zwischen einer und zwei Wochen lang, führen mit einem Bus der Bundeswehr in verschiedene Länder und beinhalten immer Pflegearbeiten auf Kriegsgräberstätten und Freizeitprogramm, bei dem die Gruppe Land und Leute kennenlernt. Mehr Informationen finden Sie hier.
 

Die Statements von Julian Keil und Alfons Böck haben wir gekürzt. Die Langfassungen finden Sie nachstehend:

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