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"Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung"
Erinnerung- und Gedenkkultur als Instrument der Friedensarbeit in Europa
05. Dezember 2018
  • Hessen

Die Wanderausstellung über den Vernichtungsort Malyi Trostenez veranlasste die Bildungspartner Gelnhausen (Volkshochschule) und den hessischen Landesverband des Volksbundes zu einer Vortragsveranstaltung mit dem Lokalhistoriker Heinrich-Georg Semmel (Gründau).

Bei Trostenez wurde in diesem Jahr eine Gedenkstätte im Beisein der deutschen, österreichischen und weißrussischen Präsidenten, sowie des Präsidenten des Volksbunds Wolfgang Schneiderhan eingeweiht. Initiiert wurde die Gedenkstätte vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) in Dortmund, das seit 1994 in Minsk ein Tagungshaus unterhält und seit 2003 eine Geschichtswerkstatt.

In der Arbeitsbilanz des Jahres 2017 schreibt Wolfgang Schneiderhan: „Zugleich ist es mir wichtig, das Wirken des Volksbundes auch im internationalen Rahmen zu verankern und sichtbar zu machen. So unterstützen wir die Erinnerung- und Gedenkkultur als Instrument der Friedensarbeit in Europa.“

60 000 Menschen wurden in den Jahren 1941/42 in Minsk und im naheliegenden Trostenez ermordet. Zahlreiche Deportationszüge aus Deutschland und Österreich brachten ihre Opfer dorthin, aber auch viele Einheimische wurden dort umgebracht. Die Züge kamen aus Hamburg, Bremen, Berlin, Düsseldorf Wien, Brünn, aber auch aus Frankfurt. Hier war der Verladebahnhof die Großmarkthalle.

Malyi Trostenez war zwischen dem Frühjahr 1942 und dem Sommer 1944 die größte deutsche Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der Sowjetunion. Insgesamt wurden dort bis zu 206500 Menschen getötet, verscharrt, später wieder exhumiert und verbrannt.

Heinrich Georg Semmel hat sich intensiv mit den Deportationen beschäftigt und zu dem Gesamtzusammenhang geforscht. Der Bogen spannte sich in seinem Vortrag von den Bedrohungen, Vertreibungen und Schikanen gegenüber den Juden, die Pogrome der Reichskristallnacht, bis hin zu den Organisatoren und Verwaltern der Deportationen, einschließlich der Finanzverwaltung, die den Besitz der Deportierten für das Reich einzogen.

Pausen gab es mit den Deportationszügen nur dann, wenn es Konflikte mit der Wehrmacht gab, weil diese die Züge für den Nachschub benötigte.

Wie viele Menschen in Minsk und Trostenez genau ermordet wurden und umkamen ist wegen nicht geführter Totenbücher nicht nachzuvollziehen, Rückschlüsse ermöglichen nur die allerdings akribisch geführten Deportationslisten.

Besonders beeindruckend war es für die Zuhörer, wie H.G. Semmel den zahlreichen Einzelschicksalen und Familienschicksalen aus der Region um seinen Heimatort Gründau nachging. So sind es genau die Geschichten um einzelne Menschen und Familien, die Grausamkeit und Unmenschlichkeit der Nazizeit und der Täter so konkret und erschreckend machen.

Wie sehr bis heute die Emotionen greifbar sind, zeigt sich zum Beispiel daran, dass der Wunsch, an einem Nachbarhaus eine Gedenkplakette zur Erinnerung an Deportierte und Ermordete anzubringen, jedenfalls nicht zugestimmt wurde.

Der stellvertretende Landesvorsitzende des Volksbunds, Eberhardt Luft, dankte Alexander Wicker von den Bildungspartnern und Heinrich-Georg Semmel für die Vortragsveranstaltung, die die Zuhörer erkennbar berührte. „Getreu dem Motto, Gedenken reicht nicht, muss immer wieder hervorgehoben werden, dass gerade in der heutigen Zeit und im heutigen Europa diese Erinnerungsarbeit und Friedensarbeit geradezu existenziell ist. Für Demokratie und Menschenrechte einzutreten ist jeden Tag die Aufgabe.“

Deshalb unterstützt der Volksbund die Gedenkstätte finanziell und die Bildungspartner Gelnhausen ideell.

Eberhardt Luft