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Am Grab versteht man die Bedeutung

Warum ich Flugzeuge und Piloten suche
Ein Artikel von John Manrho

Ich bin Niederländer und mein Engagement gilt den Wracks deutscher Weltkriegsflugzeuge und denen, die darin zu Tode kamen. In Den Haag habe ich dafür das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Seit 30 Jahren arbeite ich mit dem Volksbund zusammen – ohne ihn hätte ich das alles nicht geschafft.

Als ich den Brief des deutschen Botschafters vom 26. Mai 2021 öffnete, gab es für mich eine große Überraschung. Ich bekomme das Bundesverdienstkreuz! Ich hätte das nie gedacht und anscheinend haben einige Personen, die für die Anregung gesorgt haben, sich sehr bemüht, das vor mir zu verbergen. Ich danke dem Bundespräsidenten und dem Außenminister für die große Ehre, die die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes für mich bedeutet.
 

Wie es zu meiner Arbeit kam

Es ist jetzt über 30 Jahre her, dass ich das erste Mal mit dem Volksbund korrespondiert habe. Jahre vorher war ich schon bemüht, den Luftkrieg von 1939 bis 1945 zu recherchieren, und es war mir aufgefallen, dass viele gefallene deutsche Flugzeugführer noch als vermisst galten.

Das galt besonders für das „Unternehmen Bodenplatte“, den Neujahrseinsatz der deutschen Luftwaffe im Westen am 1. Januar 1945. Von 146 gefallenen Flugzeugführern galten noch 64 als vermisst. Sie hatten kein Grab, obwohl sie ohne Zweifel über den Niederlanden, Belgien oder Frankreich abgestürzt waren. Mancher Absturzort war durch alliierte Unterlagen sogar genau bekannt. Konnte man das nicht einfach klären? Sie können doch nicht einfach verschwunden sein? So kam es zu mein Vorhaben: Ich wollte versuchen, einige von diesen Fällen zu klären – wobei ich nicht ahnen konnte, viele Stunden das kosten würde ... 

Hilfe von der Bundesgeschäftsstelle

In Januar 1991 kam es dann zum ersten Kontakt mit der Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes in Kassel. Frank Salomon, der damalige Sachbearbeiter unter anderem für die Niederlande und Belgien, war eine sehr große Hilfe. Er beantwortete meine vielen Fragen mit großer Geduld und konnte mir gute Hinweise geben, was beim Volksbund schon bekannt war.

Weil meine Fragen kein Ende nahmen, folgte bald die Einladung nach Kassel. Der erste Besuch war im November 1995. Da wurde mich auch klar, dass sich der Gräberdienst des Volksbundes zu der Zeit vor allem auf die Arbeit im Osten konzentrierte, wo noch so viele Gefallene zu bergen waren.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv in Berlin (ehemals Deutsche Dienststelle) bereits drei Fälle klären können. Alle drei waren als Flugzeugführer gefallen und auf der Kriegsgräberstätte Ysselsteyn in den Niederlanden als Unbekannte Soldaten bestattet worden.

Die Identifizierung gelang anhand von Unterlagen, die ich aus verschiedenen alliierten, holländischen und deutschen Quellen zusammengetragen hatte. Dabei hat übrigens auch Joachim Eickhoff aus Lingen mitgeholfen, der in der Grafschaft Bentheim auf diesem Gebiet sehr aktiv war. 

Intensive Recherche beim Volksbund

Frank Salomon war schnell überzeugt von meiner Arbeit. Er hat mir gezeigt, welche Unterlagen in der Bundesgeschäftsstelle zu finden sind, und es folgten weitere Besuche in Kassel mit vielen Stunden der Recherche in Umbettungsprotokollen, Friedhoflisten, Gräberkarteikarten und anderen Unterlagen. Und mir war schnell klar, dass man anhand dieser Quellen durchaus mehr Fälle würde klären können.

Bald hatten meine Recherchen Erfolg. 1996 klärte ich drei weitere Schicksale –  alle drei vermisste Flugzeugführer vom 1. Januar 1945. In den Jahren danach folgten immer mehr, 1999 sogar eine ganze Heinkel He 111-Besatzung von fünf Männern, die als Unbekannte Soldaten im belgischen Lommel begraben waren.

Ohne die große Hilfe von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beim Volksbund wäre mir das nie gelungen. Bis 2018 besuchte ich die Bundesgeschäftsstelle fast ein Dutzend Mal. Viele Unterlagen konnte ich vergleichen und immer hatte ich die Möglichkeit, zwei oder drei Tage lang Akten durchzugehen. Ohne das wäre es nicht möglich gewesen, in den vielen Tausenden von Unterlagen das Richtige zu finden. 

Suche an den Absturzstellen

Daneben beteiligte ich mich auch an Versuchen, vermisste Flugzeugführer Jahrzehnte nach ihrem Tod an den Absturzstellen zu bergen. Den ersten Erfolg hatten wir 1997. Am dritten Tag der Suche wurde der Flugzeugführer in vier Metern Tiefe geborgen und anhand der Erkennungsmarke identifiziert.

In einem vom niederländischem Staat unterstützten Nationalen Bergungsprogramm wollen wir jetzt jedes Jahr ein deutsches Flugzeug bergen. Das erste in diesem Zusammenhang war im November 2020 bei Zwolle eine Messerschmitt Bf 109. Auch hier fanden wir die Gebeine des vermissten Flugzeugführers.

25 Schicksale sind geklärt

Bis jetzt ließen sich so 25 Schicksale klären – zehn von ihnen vermisste Piloten des Neujahrseinsatzes 1945. Ein Erfolg, mit dem ich nie gerechnet hätte, in dem aber auch viele tausend Stunden der Recherche stecken. Viele Stunden in Archiven – Akten sichten, Zusammenhänge suchen.

Manchmal habe ich eine Akte wieder zur Seite gelegt, weil der Fall scheinbar nicht zu lösen war. Und später wieder zur Hand genommen, wenn ich eine neue Spur gefunden hatte. Vom ersten Fall 1993 bis zum letzten Fall in Dezember vergangenen Jahres war die Freude immer riesig groß, wenn es dann doch noch  klappte.

Ohne Volksbund-Hilfe hätte ich das nie geschafft. Auch die Hilfe des Bundesarchivs, des DRK-Suchdienstes und des niederländischen Gräberdienstes (BID-KL) waren unentbehrlich. Und manchmal brauchte ich auch nur ein bisschen Glück.

Mit Angehörigen am Grab

Wenn man heute auf der Kriegsgräberstätte Ysselsteyn, der flächenmäßig größten deutschen in Westuropa, die vielen Grabkreuze sieht, ist das für jeden sehr beeindruckend. Fast 32.000 Kreuze, jedes Kreuz ein Schicksal. Leider tragen nicht alle Kreuze einen Namen. Mehr als 5.000 Kriegstote sind bis heute unbekannt. Was bedeuten da schon 25 geklärte Schicksale?

Erst wenn man den Angehörigen zum ersten Mal am Grab begegnet, ahnt man,  welche Bedeutung ein Ende der Suche für sie hat. Die Freude und Dankbarkeit, die ich in diesen Fällen erfahren habe, ist schwer zu beschreiben. Es hat mich dann auch besonders gefreut, dass die Angehörigen von Oberleutnant Hans-Gottfried Meinhof zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes nach Den Haag gekommen sind. Seine Geschichte hat der Volksbund in der Mitgliederzeitschrift  RIEDEN in der Ausgabe im Frühjahr 2020 erzählt.

Ysselsteyn und eine Suche, die weitergeht

Es gibt noch immer Möglichkeiten, weitere Schicksale zu klären. DNS kann jetzt in schwierigen Fällen letzte Gewissheit bringen. Vor allem sollte man sich aber bemühen und den Willen zeigen, auch ein einzelnes Schicksal klären zu wollen. Wenn das auch nur für einen der 5.000 Unbekannten in Ysselsteyn gelingt, ist das schon ein Erfolg. Und ich hoffe sehr, dass der Volksbund mich auch in Zukunft weiter unterstützt.

Text: John Manrho

Einen Bericht zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes finden Sie hier.

Unter dem Titel „Vermisst ist schlimmer als tot" hatte Autorin Simone Schmid die Geschichte von Hans Meinhof in der Mitgliederzeitschrift FRIEDEN erzählt, erschienen in der Ausgabe Nummer 1/2020.

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