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Blockade von Leningrad

#volksbundhistory erinnert an Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht

Vor 80 Jahren, am 27. Januar 1944, endete ein grausames Kapitel deutsch-russischer Geschichte: die Blockade Leningrads. Sie war Teil der nationalsozialistischen Kriegsstrategie. Hitler wollte Osteuropa zu neuem deutschen Siedlungsgebiet machen. Ganze zweieinhalb Jahre belagerte die Wehrmacht die Stadt. Das Ziel: Die Metropole sollte ausgehungert werden. Gut ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner kam ums Leben, starb vor Hunger, Kälte und Erschöpfung. 
 

Es war ein Elend, das nicht enden wollte. 872 Tage dauerte die Blockade der Drei-Millionen-Stadt an der Newa, zweieinhalb Jahre Horror.

„Der Führer hat beschlossen, Leningrad dem Erdboden gleichzumachen. Es besteht nach Niederwerfung Sowjetrusslands kein Interesse am Fortbestand dieser Großsiedlung. Sich aus der Lage der Stadt ergebene Bitten um Übergabe werden abgelehnt“, hieß es in einer geheimen Direktive des Oberkommandos der Heeresgruppe Nord.
 

 

Unter dem Hashtag #volksbundhistory berichten wir von historischen Ereignissen und liefern Hintergrundinformationen. Das neue Format ist medienübergreifend mit Print- und Online-Artikeln, Audiofeatures und Videos (mehr dazu am Textende).

Hitlers Vernichtungsbefehl

Hitler verkündete am 16. September 1941: „Das Giftnest Petersburg, aus dem so viele Jahre asiatisches Gift in die Ostsee quoll, muss endgültig verschwinden.“ Sein Befehl: Einkesseln, Bombardieren, Aushungern.

Über das Grauen, das sich dadurch ergab, haben die Überlebenden von einst sich in vielen Interviews geäußert. Erzählungen, die nur erahnen lassen, was passierte. Ludmila, mittlerweile verstorben, gehörte zu einer Löschbrigade: „Eine Mutter lag da, neben ihr krabbelte noch ihr Kind. Aber die Mutter war tot. So etwas haben wir gesehen. Denn zu unseren Aufgaben gehörte es, nicht nur Brände zu löschen, sondern auch Leichen zu bergen.“
 

Keine Gnade für Zivilisten

Die Einnahme Leningrads wäre irgendwann möglich gewesen, aber die Wehrmacht wollte nicht riskieren, in Häuserkämpfe verwickelt zu werden. Bei einem Sieg hätte die Zivilbevölkerung zudem ernährt werden müssen.

Die Bombardierung und Beschießung der blutenden Stadt diente der Heeresleitung als Beispiel für das, was man später auch mit Moskau vorhatte. Die Menschen sollten verhungern und dann sollte Leningrad irgendwann dem Erdboden gleich gemacht werden. Mitleid mit der Zivilbevölkerung gab es von deutscher Seite nicht.  
 

Umgeben von Toten

„Es fuhren Lastwagen voll beladen mit an Hunger gestorbenen Menschen durch die Straße. Oder sie waren erfroren. In den Wohnungen gab es keine Heizungen. Die Fensterscheiben waren zerbrochen. Denn immer wieder wurden wir bombardiert. Der Frost war fürchterlich. Viele starben einfach in den Wohnungen“, erinnerte sich im russischen Fernsehen eine der wenigen noch Überlebenden. 

Der Winter 1941/42 war extrem. Bis zu 40 Grad minus. In den ersten Wochen waren die Menschen noch erschrocken, als plötzlich Tote auf den Straßen lagen, aber dann gewöhnten sich die Leningrader an die vielen Leichen. Das Sterben begann langsam und nahm kein Ende. Immer auf der Suche nach etwas Essbarem irrten ausgemergelte Körper durch die Stadt. Kinder gingen verloren, Mütter kehrten nie zurück. Sie brachen einfach zusammen auf den Straßen, starben irgendwo.
 

Leidende Kinder

In ihrem Tagebuch notierte die damals junge Olga W.: „Die Ratten liefen auch über die Kinderbetten. Meine Mutter erzählte mir: Einmal kam sie nach Hause und auf den Kissen war Blut. Wir Kinder waren offenbar so kraftlos, dass wir uns nicht wehren konnten. So hat mir eine Ratte eines meiner Ohrläppchen abgebissen. Damals war ich acht Jahre alt.“

125 Gramm Brot gab es täglich, das aber kein Brot war, sondern nur eine minderwertige Pampe.  An der Front wurde weitergekämpft, die Soldaten hielten stand, langsam begann die sowjetische Militärmaschinerie zu arbeiten. Erste Kanonen und Panzer wurden produziert, die Leningrader gaben nicht auf. Mit fast unmenschlicher Anstrengung stemmten sie sich gegen die drohende Niederlage.
 

„Straße des Lebens“

Auf dem zugefrorenen Ladogasee entstand die „Straße des Lebens“, die einzige Landverbindung. In der Nacht fuhren bereits im November 1941 Lastwagen in völliger Dunkelheit, damit die deutschen Flieger sie nicht treffen konnten, über das brüchige Eis.  

„Manche der LKWs brachen ein und verschwanden samt Ladung und Besatzung“, erzählt der Historiker Juri Nikiforow. „Andere wurden beschossen. Aber die meisten kamen durch. Die Fahrer hatten die Scheiben trotz der Kälte runtergekurbelt, um die Scheinwerfer nicht einschalten zu müssen. Am Steuer saßen viele Frauen, die Männer waren an der Front. Sie fuhren nach Gehör.“ Über das Eis wurden Verwundete aus der Stadt gebracht, auch Lebensmittel und Munition kamen über die „Straße des Lebens“. Die Menschen schöpften Hoffnung.

Musikalisches Aufbegehren

Trotz des Elends bäumte sich die Kulturhauptstadt der UdSSR auf. Ausdruck ihrer Resilienz ist die 7. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch. Sie entstand am 27. Dezember 1941. Diese „Leningrader Sinfonie“ beschwört den Geist des Widerstandes gegen das brutale, menschenverachtende Vorgehen der Wehrmacht, die in dem Überfall auf die Sowjetunion anscheinend nichts Unrechtes sah. 

Unter den Angreifern war ein gewisser Helmut Schmidt. Als 22jähriger war er bei der 1.Panzerdivision und machte den „Vorstoß auf Leningrad“ mit. In dem Vorwort zu Daniil Granins Buch „Mein Leutnant“ schrieb der spätere deutsche Bundeskanzler: „Den Ausbruch des Krieges haben wir als Naturereignis hingenommen (…) ich dachte, ich muss meine vaterländische Pflicht erfüllen so wie alle anderen auch. So ist es den meisten Soldaten ergangen. Man kann als Deutscher die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs auch eine Tragödie unseres Pflichtbewusstseins nennen, das Hitler benutzt und missbraucht hat.“
 

Fehlende Aufarbeitung

Die deutsche Öffentlichkeit hat sich jahrzehntelang nicht mit der Blockade von Leningrad beschäftigt. 1,1 Millionen Menschen starben, überwiegend Zivilisten, die genaue Zahl ist nicht bekannt. Das Aushungern einer Stadt wird mittlerweile eindeutig als Kriegsverbrechen eingestuft, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Am 27. Januar 1944 zogen sich die deutschen Truppen zurück. Die Vernichtung Leningrads war gescheitert. Zurück blieb eine zerstörte Stadt, ausgebrannt, zerbombt, aber stolz, widerstanden zu haben. Die Sowjetpropaganda machte daraus den „heldenhaften Kampf“ gegen die Faschisten. Das Elend wurde ausgeblendet. Auch das Versagen der militärischen Führung, die zu Beginn die russischen Soldaten ohne Waffen an die Front schickte.
 

Instrumentalisierung der Geschichte

In einer Ansprache vor den wenigen noch lebenden Veteranen sagt Wladimir Putin kürzlich: „Dieser Genozid an der sowjetischen Bevölkerung darf nie vergessen werden. Er muss bis ins Detail aufgeklärt werden. Und der heldenhafte Widerstand der Leningrader.  Es ist ein Beispiel auch für die Zukunft unseres Landes.“ Es ist damit zu rechnen, dass russische Regierungsvertreter bei den Feierlichkeiten am 27. Januar 2024 Parallelen zur angeblichen „Befreiung der neuen Territorien“ in der Ost-Ukraine ziehen werden.

In einer Ansprache vor dem „Weltkonzil des Russischen Volkes“ erklärte Putin Ende November 2023, nicht Russland habe den Krieg in der Ukraine begonnen, sondern der Westen. „Russophobie“ und „Neonazismus“ nannte er in einem Atemzug. Wie damals müsse sich Russland gegen die Angreifer von außen wehren. Wieder gehe es darum, den Faschismus, diesmal in der Ukraine, zu bekämpfen. Petersburg ist mittlerweile Partnerstadt von Mariupol, der ukrainischen Hafenstadt, die im letzten Jahr von russischen Truppen erobert wurde. Der Gouverneur von Petersburg hat jüngst den Kampf mit der Ukraine um Mariupol mit der Blockade von Leningrad gleichgesetzt.

Spätes Umdenken

In der deutschen Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs wurde über Jahrzehnte die Belagerung von Leningrad aus rein militärischer Sicht dargestellt. Das Massensterben und das schreckliche Leid der Bevölkerung erwähnt zum Beispiel der ehemalige Generalstabsoffizier Kurt von Tippelskirch in seinem Buch „Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs“ gar nicht.

Der Kampf um Stalingrad stand in der Erinnerung der Deutschen an erster Stelle. Die Blockade von Leningrad und das damit verbundene unbeschreibliche Elend wurden weitgehend ausgeklammert. Mittlerweile wird die Blockade gleichgesetzt mit dem Genozid an den Armenien, dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki und dem Holocaust. Ein Völkermord, dem ca. 1,1 Millionen Zivilisten zum Opfer fielen.
 

Volksbund gedenkt der Opfer

Am 27. Januar 1944 gelang es der Roten Armee, die Blockade zu durchbrechen. Zum Gedenken an die Opfer und an das von Deutschen verursachte Leid wird an diesem Tag auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof der deutsche Botschafter Alexander von Lambsdorff mit einer Delegation des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge Kränze und Blumen niederlegen.

Text & Kontakt: Hermann Krause, Moskau

Nachtrag: Von der Gedenkveranstaltung berichtet Hermann Krause unter dem Titel Blockade Leningrads: „Kriegsverbrechen nicht vergessen“.

Literatur

Adamowitsch, Ales und Granin, Daniil: Das Blockadebuch, Leningrad 1941-1944, Aufbau-Verlag, Berlin 1987

Deutsch-Russisches Museum-Berlin Karlshorst e.V. (Hrsg.): Blockade Leningrads 1941-1944, Ch. Links Verlag, Berlin 2004

Ginsberg, Lidia: Aufzeichnungen eines Blockademenschen, Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt 1987

Granin, Daniil: Mein Leutnant, Aufbau-Verlag, Berlin 2015

Salisbury, Harrison: 900 Tage – Die Belagerung von Leningrad, S. Fischer, Frankfurt 1970 

#volksbundhistory

Ob der Beginn einer Schlacht, ein Bombenangriff, ein Schiffsuntergang, ein Friedensschluss – mit dem neuen Format #volksbundhistory möchte der Volksbund die Erinnerung an historische Ereignisse anschaulich vermitteln und dabei fachliche Expertise nutzen. Der Bezug zu Kriegsgräberstätten und zur Volksbund-Arbeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Beiträge werden sowohl von Historikern aus den eigenen Reihen als auch von Gastautoren stammen. Neben Jahres- und Gedenktagen sollen auch historische Persönlichkeiten und Kriegsbiographien vorgestellt werden. Darüber hinaus können Briefe, Dokumente oder Gegenstände aus dem Archiv ebenfalls Thema sein – jeweils eingebettet in den historischen Kontext.