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100 Jahre Volksbund – Erinnern und Erzählen …
... in Magdeburg – eine spannende Geschichte und ein ebensolches Projekt
27. Oktober 2019

Lehrreiches Treffen in Magedeburg: Rund 70 Gäste kamen in den Tagungssaal der Industrie- und Handelskammer Magdeburg zur Veranstaltung der Reihe „100 Jahre Volksbund – Erinnern und Erzählen. Der Abend, den die Landesverbände Sachsen-Anhalt und Thüringen gemeinsam mit dem Referat Erinnerungskultur aus dem Hauptstadtbüro organisiert hatten, bot auch für langjährige „Volksbundler“ viel Neues.

So präsentierte der Landesvorsitzende Dr. Michael Krapp bei seiner Begrüßung die Broschüre „1919 – 2019“ – herausgegeben im Jubiläumsjahr des Volksbundes vom Landesverband Thüringen. Sebastian Mantei, MDR-Redakteur und Moderator der Veranstaltung, zitierte in seiner Begrüßung ein Protestlied, das in New Yorker Varietés und auf den Straßen im Februar 1915 gesungen wurde.

Ich habe meinen Sohn zum Krieger nicht erzogen,
Ich zog ihn auf mit Stolz und Freude meiner alten Tage,
Wer wagt es, ihm die Waffe in die Hand zu drücken,
Damit er einer anderen Mutter teures Kind erschießt?
Es ist die höchste Zeit, die Waffen fortzuwerfen,
Es könnte niemals einen Krieg mehr geben,
Wenn alle Mütter in dieser Welt schreien würden:
Ich habe meinen Sohn zum Krieger nicht erzogen!


Justus Vesting von der Martin-Luther-Universität Halle gab mit dem Titel „Kriegsgräberfürsorge in der DDR – Der Volksbund und die Kirchen in Ostdeutschland” den inhaltlichen Einstieg. Die dabei von ihm vorgetragene Geschichte der „Kirchenkanzlei - Berliner Stelle - Abteilung Kriegsgräberfürsorge (Kika)” war dabei in Teilen spannend wie eine Spionagegeschichte aus dem Kalten Krieg. Auch für langjährige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen war die Arbeit dieses Verbindungsbüro des Volksbundes in die DDR – lange Jahre ein wichtiger Baustein der Volksbundarbeit – weitgehend unbekannt. Der Volksbund war in der DDR verboten. Daher wurde die Kika eingerichtet und war sehr aktiv.

1956 versendete die Kika mit damals 13 Mitarbeitern mehr als 26.000 Schreiben und erhielt im Gegenzug über 20.000. Die praktische Arbeit wurde gemeinsam mit „Vertrauenspfarrern“ der evangelischen Kirche organisiert, die es bis auf Thüringen in allen Bezirken gab. Erst nach der Gründung der evangelischen Kirchen in der DDR 1969 wurde diese Arbeit erschwert.

Vesting illustrierte seinen Vortrag mit Fotos von Schreiben der jeweiligen Leitung der Kika mit persönlichen Unterschriften. Erstaunlich auch die Tatsache, dass seit 1951 in allen Jahren bis zuletzt Frauen die Leitung der Kika innehatten.

Das anschließende Podiumsgespräch widmete sich dem Aufbau des Volksbundes nach 1990. Neben Vesting saßen Martina Neubauer, ehemalige Mitarbeiterin des Ministeriums für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt, Dieter Steinecke, Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen-Anhalt sowie Tim Attow, Sprecher des Bundesjugendarbeitskreises und „junge Stimme“ des Volksbundes, auf dem Podium.
Martina Neubauer erzählte, wie sie in der Wendezeit im Amt beauftragt wurde, sich um die Kriegsgräberfürsorge zu kümmern. Ihr sei „das Herz in die Hose gerutscht. Es gab ja kein Gräbergesetz in der DDR.” Dass sie die Aufgabe gut löste, belegten weitere Schilderungen ihrer Arbeit in dieser Zeit.

Tim Attow beschrieb die verschiedenen Möglichkeiten für junge Leute, in die Arbeit des Volksbundes einzusteigen. Die Motivation sei dabei sehr unterschiedlich, zum Teil familiär begründet. Bei ihm sei es das persönliche Interesse für Geschichte. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit Geschichte an Kriegsgräbern, das Betrachten der persönlichen Biografien der Kriegstoten biete besondere Zugänge.

Dieter Steinecke betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Jugend- und Bildungsarbeit des Volksbundes gerade für junge Menschen.

Abschließend stellte der Landesvorsitzende ein ganz besonders Projekt des Landesverbandes Sachsen-Anhalt vor.

Unter dem Motto „Frieden selbst gestalten“ entsteht in einem mehrjährigen Kunst- und Bildungsprojekt in Magdeburg ein Mahnmal für den Frieden. Am Beginn der künstlerischen Arbeit steht dabei die einfache Frage: Was ist Frieden? Um den Frieden zu beschreiben, setzt man sich mit seinem Gegenteil, dem Krieg auseinander. Und wenn Krieg ein Zustand von Hass, Leid, Hunger und Tod ist, dann ist der Frieden ein Zustand von Freude, Leben, Vielfalt und Üppigkeit. Der Frieden könnte somit eine Pflanze sein. Die entstehende „FLORIS PAX“, s. www.floris-pax.eu, soll im Elbauenpark der Landeshauptstadt errichtet werden.

2500 Menschen aus Sachsen-Anhalt und der ganzen Welt wirkten mit und beteiligten sich an der Erschaffung dieses „Friedensmals“. Dies sei „Friedensarbeit im wahrsten Sinne”.