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104-Jähriger besucht Soldatenfriedhof Costermano in Italien

„Wir wollten nie wieder Krieg“: Hellmuth Gawron über seine Erlebnisse im Krieg und im Frieden

104 Jahre war der älteste Teilnehmer einer Angehörigenreise an den Gardasee. Hellmut Gawron hatte als Soldat am Zweiten Weltkrieg teilgenommen und war gegen Ende in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten.  Auf der Kriegsgräberstätte im italienischen Costermano erzählte er Bernhard Diehl und Johannes Stocker aus seinem langen Leben. Die Bezirks-Geschäftsführer aus Südbaden-Südwürttemberg  und Nordwürttemberg hatten die Reise organisiert.

 

Sie reisen viel. Was haben Sie schon gesehen und was hat Sie beeindruckt?

Ich war bisher nur innerhalb Europas unterwegs, in Israel und im Baltikum, in Estland, Lettland und Litauen. Beeindruckt hat mich der Jugendstil in Riga. Diese Straßenzüge mit den Gebäuden in dieser schönen Bauweise fand ich bemerkenswert.

2017 war ich in Israel. Dort hat mich beeindruckt, dass es multifunktionale Gebäude gibt. Es gab ein Kaufhaus mit einer Ausstellung mit Bildern von Marc Chagall und im gleichen Gebäude ein Krankenhaus. An der Klagemauer hat mir jemand einen Stuhl gebracht und hingestellt. Ich habe aber dort keine Klage geführt, sondern dem lieben Gott gedankt, dass ich das erleben darf. Immerhin war ich zu diesem Zeitpunkt 100 Jahre alt.

2018 war ich in Schottland und Portugal. Es war schön, die Hilfsbereitschaft der Menschen zu sehen und viele, die offen auf mich zu gekommen sind. Auf meinen Reisen habe ich immer unheimlich viel Hilfsbereitschaft erfahren und mich gefreut, wie schnell die Menschen helfen. Es gab keinen Egoismus. Die Menschen verstehen sich sehr gut, nur die Oberen sind an Macht interessiert.
 

Was verbindet Sie mit dem Volksbund?

Es freut mich, dass es eine Einrichtung gibt, die sich um die Kriegsgräber kümmert. Ich habe selber erlebt, wie tote Soldaten im Straßengraben lagen und wie wir sie eingebuddelt haben. Umso wichtiger ist es, dass der Volksbund mit seiner Arbeit die Toten würdig begleitet und diese Erinnerungskultur hoch hält.
 

Sie haben konkrete Kriegserfahrungen. Wie hat das Ihr Leben beeinflusst? Wie gehen Sie damit um?

Der Krieg hat mein Leben stark beeinflusst. Krieg ist sinnlos und darf nie wieder geschehen. Ich war heilfroh, als der Krieg zu Ende war und ich überlebt hatte. In der russischen Gefangenschaft, von 1945 bis 1949, sind über ein Drittel meiner Mitgefangenen gestorben. Erst als die Amerikaner auf die Genfer Konvention hingewiesen haben, wurden die Haftbedingungen in der russischen Gefangenschaft verbessert.

Ich hatte eine kaufmännische Ausbildung und wurde deshalb von den Russen schlecht behandelt, da ich als Kaufmann „Helfershelfer für die Kapitalisten“ sei – zumindest nach Ansicht der Russen. In der Gefangenschaft habe ich als Stuckateur gearbeitet.

Es wurde erst besser und einfacher für mich, als ich eine Stelle in einer Skifabrik bei Nowgorod bekam. Dort gab es dreimal Suppe täglich, aber die Verpflegung war immer noch schlecht. Pro Tag bekam man 600 Gramm trockenes Brot, die so genannte Stalin-Torte.

Ein Kriegserlebnis möchte ich schildern. Im Winter 1941/42 war es bitterkalt, bis zu minus 53 Grad. Ich diente im Kompanie-Stab und wir waren in einer Stadt in Russland untergebracht, zusammen mit einer russischen Familie und Kindern in einem Haus. Aus der Heimat bekam ich ein Päckchen mit Plätzchen. Per Feldpost bekam man maximal 200 Gramm schwere Päckchen. Ich habe der achtjährigen Tochter der russischen Familie und anderen Kindern meine Plätzchen geschenkt, da sie selber nichts zu essen hatten. Die Achtjährige hat mich in der Schule in ihrer Klasse vor der Lehrerin gelobt: „Der Deutsche, der bei uns wohnt, ist aber ein guter Feind.“ Die Menschen sollten lernen, dass man sich stetig bemühen muss, damit es nie wieder Krieg gibt.
 

Wie finden Sie diese Form des Gedenkens auf der Kriegsgräberstätte? Wie gefällt sie Ihnen?

Es ist unfassbar, dass in Costermano über 22.000 Gräber sind. Für mich ist das unverständlich. Die Gedenkfeier war sehr schön, aber leider konnte ich wegen meiner Hörprobleme die Ansprache nicht verstehen. Mir gefiel das Trompeten-Solo. Auf meiner Beerdigung, das habe ich da beschlossen, soll auch das „Lied vom guten Kameraden“ gespielt werden.

Die Kriegsgräberstätte war sehr gut gepflegt und Mauro Agostinetto, der Friedhofsverwalter, macht mit seiner offenen und freundlichen Art diesen traurigen Ort zu einem Ort des Gedenkens und des Nachdenkens. Herzlichen Dank an ihn und sein Team der Gärtner.
 

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Berichte und Bilder aus dem Krieg in der Ukraine sehen?

Ich bin entsetzt und wünschte, es gäbe eine Möglichkeit auf Putin einzuwirken. Unser Anliegen war „Nie wieder Krieg!“, und jetzt kommt Putin und fängt wieder an. Ich hoffe, dass meine Urenkel nicht Soldaten werden müssen für Deutschland und dass es zu keinem Krieg in ganz Europa kommt.
 

Was würden Sie den jungen Menschen von heute mitgeben?

Die jungen Menschen sollten alles verhindern, was zu einem Krieg führen könnte.

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