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Auf der Suche nach den Toten von Paczków

Volksbund-Umbetter finden in Polen zahlreiche Reihengräber und betten auf einem Campingplatz aus

Eine lange Suche ist endlich erfolgreich beendet. Auf einem Friedhof bei Paczków, dem früheren Patschkau, hat der Volksbund 99 Weltkriegstote in mindestens fünf Massengräbern gefunden. Die Suche mit modernster Technik führte zu einem Soldatenfriedhof, der unter der Ruine eines Restaurants liegt. Der entscheidende Hinweis kam von einem Augenzeugen, der damals bei den Einbettungen der Toten half. Auf einem Campingplatz bettet der Volksbund aktuell ebenfalls aus. 
 

Die Stadt Paczków, gegründet 1254, historisch verortet in Oberschlesien, liegt dicht an der tschechischen Grenze. Im Mittelalter war die Gegend Handelszentrum der schlesischen Weber. Seit Ende des 19. Jahrhunderts lebten dort in der Mehrheit Deutsche. 1945 gehörte Paczcov zum Landkreis Neisse im Regierungsbezirk Oppeln, dieser gehörte zur preußischen Provinz Schlesien des Deutschen Reichs.

Am 20. März 1945 wurde die Räumung der Stadt befohlen, sowjetische Kampfflieger begannen mit der Bombardierung.  Am 7. Mai 1945 wurde Patschkau kampflos von der Roten Armee besetzt. Nach Kriegsende wurde die Region wie fast ganz Schlesien von der Sowjetunion unter polnische Verwaltung gestellt. Für die Stadt wurde die polnische Ortsbezeichnung Paczków eingeführt. Danach begann die Zuwanderung der polnischen Bevölkerung.
 

Recherchetour für Reportage

3. November 2021. Die Autofahrt von Breslau nach Paczków, dem früheren Patschkau dauert knapp zwei Stunden. Die Wege werden immer schmaler, Äste schlagen gegen die zwei Autos, die hintereinander langsam durch den Wald fahren. Eine gnädige Novembersonne beleuchtet die letzten bunten Blätter an den Bäumen.

Das Volksbund-Team fährt voraus: Im grauen Skoda sitzen die beiden Umbettungsspezialisten Thomas Schock und Artur Berger. Für eine Reportage begleiten wir ein Team von BILD TV mit dem Kölner Gerichtsreporter Dimitri Soibel, für die Film- und Fotodokumentation ist Andreas Thelen dabei, der schon in zahlreichen Kriegs- und Krisengebieten unterwegs war.
 

Gedenkstein führte auf falsche Fährte

Unser Ziel ist ein alter Soldatenfriedhof, den der Volksbund lange gesucht hat – zuerst in der Nähe eines Gedenksteines für die Toten des Ersten Weltkrieges. Doch ohne Erfolg. Der entscheidende Tipp kam – wie häufig – von einem Zeitzeugen, der heute über 90 Jahre alt ist. Er erinnert sich noch gut daran, wie er als Jugendlicher dabei half, die Soldaten zu begraben. Doch der Gedenkstein führte zunächst auf die falsche Fährte: Später sollte sich herausstellen, dass dieser Stein in kommunistischer Zeit versetzt worden war.

Um das alles nachvollziehen zu können, muss man einen Blick in die Geschichte werfen: Polen, unser Nachbarland im Nordosten, eingeklemmt zwischen machthungrigen Staaten, war häufig Spielball der Geschichte und immer wieder Kriegsschauplatz. Der nationalsozialistische Eroberungskrieg forderte Millionen Menschenleben auf allen Seiten, bei Soldaten wie bei Zivilisten. Im Zweiten Weltkrieg starben in Polen rund 486.000 deutsche Soldaten. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs durfte der Volksbund dort die Arbeit aufnehmen und nach ihren Gräbern suchen.
 

Seit 1991 Zehntausende Tote geborgen

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs  hat der Volksbund dort knapp 160.000 Tote exhumiert und 13 Kriegsgräberstätten gebaut. Rund 100.000 Tote konnten bislang nicht geborgen werden. Doch der Volksbund gibt nicht auf und sucht auch nach fast 80 Jahren weiter. Es geht darum, die Toten ordentlich zu bestatten, aber auch um Schicksalsklärung. Dabei begleiten uns die Journalisten.

Vor etlichen Jahren hatten Mitarbeiter im Archiv der Bundesgeschäftsstelle in Kassel einen Hinweis auf die Grablage gefunden. Tomasz Czabanski, Mitarbeiter von POMOST, ein Unternehmen, das für den Volksbund arbeitet, suchte in der Gegend nach Menschen, die etwas von dem Friedhof wissen könnten.
 

Zeitzeuge erinnert sich

Inzwischen ist alles überbaut worden. Tomasz Czabanski  traf auf einen ehemaligen Bürger aus Patschkau, einen Zeitzeugen, der ihm die Lage der Gräber zeigen konnte.  Auf dem idyllischen Platz mitten im Wald  stand ein Ausflugsrestaurant. Über den Friedhof hatte man eine Betonplatte gegossen und darauf das Restaurant gebaut. Heute erinnert daran nur noch eine graue Ruine.

Der Zeitzeuge hatte 1945 geholfen, Gefallene beizusetzen; Bilder und Dokumente, die davon zeugten, hatte er in einer Kapelle versteckt. Doch bis heute hat der Volksbund von der Denkmalschutzbehörde keine Genehmigung bekommen, in dieser Kapelle zu suchen.  Der Mann erinnert sich daran, dass damals Kreuze dort gestanden hätten, doch schon kurz nach dem Krieg sei alles eingeebnet worden.

Georadar zeigt Bodenanomalien

Mit Hilfe eines Georadars, der Bodenanomalien aufzeigt,  wurde unter der Ruine des Restaurants tatsächlich der Friedhof gefunden. Der Volksbund vermutet 300 Grablagen, fünf Massengräber wurden bestätigt. Als wir das Team von Tomasz Czabanski bei der Arbeit treffen, sind bereits 60 Tote geborgen worden. Am 3. November begleiten wir die Exhumierung von 16 Soldaten.

Drei Erkennungsmarken liegen im Boden. Artur Berger gibt die Daten der Erkennungsmarken in das Gräberinformationssystem ein. Daraufhin können zwei Tote namentlich identifiziert werden. Einer von ihnen ist Johannes R. vom Panzergrenadierregiment 112, gefallen am 20. März 1945 mit 31 Jahren in Patschkau. Bis heute laufen die Anfragen nach Angehörigen, noch gibt es keine Rückmeldungen.
 

Vor- oder Rückmarsch?

Die Toten liegen eng nebeneinander, sie wurden ordnungsgemäß nach der Dienstvorschrift der Wehrmachtsgräberoffiziere beigesetzt. Darin steht, dass die Toten mit dem Kopf nach Norden oder bergan beigesetzt werden müssen. „Wir können zwischen Vor- und Rückmarsch-Friedhöfen unterscheiden“ erklärt Thomas Schock.

„Beim Vormarsch konnten sich die Wehrmachtsgräberoffiziere die Zeit nehmen, die Toten genau nach Vorschrift zu bestatten und sogenannte ‚Heldenfriedhöfe‘ anlegen.“ Als der Krieg auf die Angreifer zurückschlug und die deutsche Wehrmacht sich zurückzog, mussten die Toten rasch bestattet werden. „Da waren häufig nur Sanitärbestattungen möglich – auch wegen der Seuchengefahr.“ 

Der Gedenkstein für die Toten des Ersten Weltkrieges liegt im Wald. Doch die Gemeinde plant, ihn wieder aufzustellen. Die Toten sollen im nächsten Frühjahr auf der Kriegsgräberstätte Nadolice Wielki (ehemals Groß-Nädlitz) endgültig beigesetzt werden. 

„Camping unter den Toten“

Seit dem ausgehenden Mittelalter gehörte Bielitz zum Habsburger Reich. In Bielitz war im Jahr 1565 die Amtssprache Deutsch, während im Rest des Gebiets Tschechisch lange die Hauptamtssprache blieb. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Tuchweberei zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Stadt. Bielitz war die einzige evangelische Stadt in ganz Österreich. Das Stadtbild hat bis heute seinen besonderen Charakter bewahrt.

1920 wurde Bielitz Bestandteil des wiedererrichteten Polen. Die Stadt blieb auch innerhalb Polens mehrheitlich von Deutschen bewohnt. Auch die Bielitzer jüdischen Glaubens – sie machten ein Fünftel der Bevölkerung aus – waren überwiegend deutschsprachig.
 

Friedhof für ganz Südpolen

Bielsko-Biała, 60 Kilometer von der Industriestadt Kattowitz entfernt, war eine der größten deutschen Sprachinseln in Polen und protestantisch geprägt. Noch heute steht hier eines der beiden einzigen Lutherdenkmäler in ganz Polen. Der jüdische Bevölkerungsanteil, auch überwiegend deutschsprachig, betrug bis zum Überfall der Wehrmacht 20 Prozent. Mit der Besetzung des Landes ghettoisierten die Nationalsozialisten die jüdische Bevölkerung und deportierten sie später ins Konzentrationslager Ausschwitz, wo sie ermordet wurde.

Die Wehrmacht hatte gleich zu Kriegsbeginn 1939 in der damaligen Stadt Bielitz-Biala in Schlesien einen zentralen, terrassierten Friedhof angelegt. Er war für die gefallenen deutschen Soldaten aus ganz Südpolen geplant. Die Kriegstoten aus Gräber aus der Umgebung wurden zugebettet. Anfangs wurden sie in Einzelgrablagen bestattet, später – als es schnell gehen musste – in Massengräbern.
 

Erster Einsatz in den 1990er Jahren

Am 11. Februar 1945 eroberte die Rote Armee den damals deutschen Ort mit 130 Panzern. Es wird von zahlreichen Opfern in noch vielen unbekannten Grablagen ausgegangen. Der Friedhof wurde mit einem Campingplatz überbaut.

Der Volksbund arbeitete dort schon 1996/97 unter schwierigen Bedingungen. Damals waren schon 1.456 Tote exhumiert und auf dem Sammelfriedhof Siemianowice eingebettet. Gefunden wurden 185 Erkennungsmarken, 832 Tote konnten nicht geborgen werden. Ihre Namen stehen im Namensbuch auf der Kriegsgräberstätte. Die Zusammenarbeit mit dem damaligen Pächter war schwierig. Während der Bauarbeiten auf dem Campingplatz wurden Gräber teilweise zerstört, teilweise durfte der Volksbund Tote nicht ausbetten, weil dort Bäume oder Gebäude standen.
 

Gräber stehen voller Wasser

Nun hat sich die Situation verändert: Der neue Pächter wünscht, dass die Toten geborgen werden. Im Zeitraum vom 15. September bis zum 2. November 2021 waren bereits 173 Soldaten exhumiert worden. Diese Arbeiten sind mühsam, da der schwere Lehmboden sehr nass ist. Die Gegend ist regenreich. Die Gräber stehen voller Wasser, das abgepumpt werden muss.

Die Soldaten waren in Holzsärgen, die innen mit Zink ausgekleidet waren, beigesetzt worden. Zink verhindert die schnelle Zersetzung, deshalb werden verzinkte Särge häufig genutzt, wenn Tote transportiert oder nochmals umgebettet werden sollen.

Einen Toten sofort identifiziert

Aus diesem Grund sind die Gebeine und Beifunde in außerordentlich gutem Zustand. Stiefel, Mäntel, Socken,  Munitionstaschen und Erkennungsmarken sind sehr gut erhalten. Am 3. November war die erste Reihe mit 20 Gräbern geöffnet worden, am nächsten Tag die zweite Reihe mit 19 Gräbern.

Anhand der gut lesbaren Erkennungsmarke konnte ein Soldat namentlich identifiziert werden. Adolf S. aus München war Oberschütze im 6. Gebirgsjägerregiment. Er überlebte den Kriegsbeginn nur zweieinhalb Wochen und fiel mit 22 Jahren am 19. September 1939 am Südbahnhof in Lemberg.  Sein Schicksal ist geklärt, doch gibt es noch Angehörige, die nach ihm suchen? Auch hier gibt das Gräberinformationssystem Auskunft, allerdings eine traurige. Der letzte Angehörige, der nach ihm gefragt hatte, verstarb vor über zehn Jahren.
 

Zeit bleibt bis März

Noch bis zum September dieses Jahres war der Campingplatz genutzt worden. Nun soll er komplett saniert und modernisiert werden. Der neue Pächter hat dem Volksbund gestattet, bis zum März die Toten auszubetten. Dann soll der Campingplatz wieder hergerichtet werden.  

Masko Stawaomir, 29 Jahre alt, hat den Campingplatz seit 2020 für 15 Jahre gepachtet. Er erzählt uns, dass die Stadt ihm die Genehmigung zur Modernisierung des Platzes nur unter der Bedingung geben wollte, dass die Gebeine geborgen werden.
 

„Froh, wenn hier Ruhe einkehrt“

„Natürlich ging es da auch um Geld. Aber ich bin erleichtert, dass jetzt die Toten geborgen werden. Weißt du, wie der Campingplatz hier genannt wird? ‚Camping unter den Toten‘. Manchmal stampfen die Leute auch mit dem Fuß ein paar Mal auf, als wollten sie die Toten wecken. Und ich habe manchmal hier Albträume. Ich bin wirklich froh, wenn hier Ruhe einkehrt“. Die geborgenen Toten sollen im Frühling auf der Kriegsgräberstätte Siemianowice ihre letzte Ruhe finden.

Die online-Bericht von Dimitri Soibel für bild.de lesen Sie hier.

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