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Der vierte stumme Schrei

14. November: Reinhold Beckmann singt am Volkstrauertag im Bundestag

Das hat es im Deutschen Bundestag so noch nicht gegeben: Bei der Zentralen Gedenkstunde am Volkstrauertag (Sonntag, 14. November, 13.30 Uhr) wird Reinhold Beckmann auftreten, live zu sehen in der ARD. Der Musiker und TV-Journalist singt „Vier Brüder“, ein Lied über den Tod seiner vier Onkel im Zweiten Weltkrieg. Ein Gespräch über Musik, Erinnerungskultur und die Lehren der Vergangenheit.

Alfons, Hans, Franz und der junge Willi – Reinhold Beckmanns Mutter Aenne verlor in den Jahren 1941 bis 1945 alle vier Brüder. Ein Verlust, der sie bis zu ihrem eigenen Tod begleitete.

Über dieses Familienschicksal hat Reinhold Beckmann einen sehr persönlichen und emotionalen Song geschrieben. „Eine Hand hat fünf Finger – wenn vier fehlen, ist das noch eine Hand?“, fragt er darin. Seine Mutter Aenne erlebte die Veröffentlichung nicht mehr, sie starb wenige Monate zuvor im Alter von 98 Jahren.
 

 

Das Lied und die Familie

Herr Beckmann, in Ihrem Lied „Vier Brüder“ fällt neben der Betroffenheit und der Empathie das Leitmotiv des stockenden Atems auf. Da heißt es wörtlich: „Du hast den Atem angehalten, als der erste Brief im Kasten lag.“ Und als die letzte Todesmeldung eintrifft: „Du hast den Atem angehalten beim vierten stummen Schrei.“ Da ist viel von Sprachlosigkeit die Rede. Waren in Ihrer Familie der Krieg und seine Verluste oft ein Thema?

Zumindest meine Mutter hat darüber immer wieder gesprochen. Sie hat das Schicksal ihrer vier Brüder nie vergessen und auch uns damit in Erinnerung gehalten. In sentimentalen Momenten wie zu Weihnachten hat sie die Geschichten immer erzählt. Oft sprach sie von ihrer Liebe zu Alfons, zu dem sie eine sehr starke Beziehung hatte. Er starb an Heiligabend 1942 in Stalingrad, die deutschen Soldaten gingen da mit Weihnachtsliedern auf den Lippen in den Tod.


Franz war der älteste der Brüder, Willi war noch nicht einmal volljährig.

Ja, Willis Geschichte ist eine ganz andere. Anfang 1945 war er erst 16 Jahre alt. Er wusste, was auf ihn zukommt, und versteckte sich im Kohlenkeller. Doch die Feldjäger spürten ihn auf und schickten ihn in den Kampf – Kanonenfutter der letzten Kriegstage. Er fiel in Kassel und wurde dort nur notdürftig begraben. Der Stiefvater meiner Mutter konnte ihn ausfindig machen, grub ihn wieder aus und brachte ihn nach Hause – in einer Holzkiste. Willi ist der einzige der vier Brüder, der auf dem heimischen Friedhof in Wellingholzhausen begraben liegt. 


Zu Ihrer Familiengeschichte gehören die Erfahrungen von Krieg und Gewalt. Wann haben Sie sich damit auseinandergesetzt: War es ein frühes Thema oder haben Sie es erst spät für sich entdeckt? 

Ich war ein Hippie-Kind, ein Kind der Friedensbewegung. Deshalb war das schon immer Thema und auch ein Grund für mich, den Wehrdienst zu verweigern – auch wenn das damals gar nicht so einfach war. Man musste sich einer Verhandlung stellen und dort seine Gründe für die Verweigerung erklären.


Ihre Mutter hat das Lied „Vier Brüder“ nicht mehr gehört. Hätten Sie sich gewünscht, dass das anders gewesen wäre? Oder war die schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrer Biographie erst nach dem Tod der Mutter möglich?

Nein, sie wusste von meinen Plänen, die Geschichte in einem Lied zu verarbeiten. Ich glaube sie wäre ergriffen gewesen, sie hätte gesagt: „Reinhold, das hast Du gut gemacht!“ Aber sie hätte mir nie geglaubt, dass der Song nun im Bundestag gespielt wird...


Wie sahen die Reaktionen auf das Lied aus? 

Es gab und gibt immer noch viele Kommentare bei YouTube, aber auch viele persönliche Briefe und private Aufzeichnungen, die Menschen mir geschickt haben. Die Leute haben nicht einfach nur kommentiert, sie haben ihre eigenen Familiengeschichten erzählt. Da hat sich bei manchen etwas gelöst, über das sie sonst nicht sprechen.

In vielen Familien wurde der Schmerz ja ausgeklammert und lieber nur nach vorn geschaut. Das Leid der deutschen Soldaten und Angehörigen war immer schwieriges Thema, weil immer auch die Schuldfrage mitschwingt. Aber das macht ja nun den Schmerz nicht kleiner. Diese vielen Reaktionen haben uns alle sehr bewegt.

Über Alfons, Hans, Franz und Willi

Alfons starb 1942 mit 23 Jahren in Stalingrad, Hans mit 27 im selben Jahr bei Rshew in der Schlacht um Moskau. Im letzten Kriegsjahr folgte Bruder Franz auf dem Rückzug im Raum Königsberg mit 34 Jahren, erschossen von Partisanen. Der jüngste Bruder, Willi, war gerade 17 geworden, als er im Raum Kassel fiel.

Reinhold Beckmanns Mutter Aenne war Katholikin und lebte im kleinen Wellingholzhausen, nahe des Teutoburger Waldes. Sie war gläubig („Der Herrgott wird’s schon richten“), aber dass Gott ihr alle vier Brüder genommen hat, das habe sie ihm nie verziehen, erinnert sich Reinhold Beckmann heute. Aenne beschrieb ihre Brüder als „einfache Jungs“, die in ihren Feldpostbriefen von der Einsamkeit draußen im Feld berichteten, vom Alleingelassen sein, von der Sehnsucht nach der Heimat.
 


Musik und Jugendhelden

In dem Lied „Vier Brüder“ strahlen Sie eine starke Nachdenklichkeit aus. Ist das der Lebensphase geschuldet? Anders gefragt: Haben Sie nach Jahren des oft atemlosen Sportjournalismus und der TV-Moderationen jetzt Zeit und Ruhe gefunden, über andere Dinge nachzudenken?

Ja, ich habe vor einiger Zeit die Entscheidung getroffen, aus der großen Maschinerie auszusteigen. Es war höchste Zeit, dass ich mich meiner Leidenschaft, der Musik, widme und meiner Sehnsucht folge, zu schreiben und live zu spielen.
 

Auf Ihrem dritten Album „Haltbar bis Ende“ beschäftigen Sie sich unter anderem ironisch mit dem Thema Alter: Stücke von „Der Lack ist ab“ bis „Alles schon probiert“ – und trotzdem blitzt immer wieder Neugier hervor. Spricht das für ein weiteres Album?

Sehr gut beobachtet! Ja klar, es wird ein viertes und fünftes Album geben. Im Moment plane ich einen John-Prine-Tribute-Abend. Prine war ein wunderbarer musikalischer Geschichtenerzähler, im letzten Jahr ist er leider an den Folgen von Covid 19 verstorben. Wir haben mittlerweile zwölf seiner Songs ins Deutsche übersetzt. Selbst Elvis Presley hörte ihn gern, besonders wenn er etwas melancholisch drauf war, und auch Bob Dylan gilt als großer John Prine-Fan.
 

Sie beschränken sich inzwischen auf ausgewählte TV-Auftritte, dennoch konnten wir Sie jüngst erst in einer Dokumentation anlässlich des 85. Geburtstags von Uwe Seeler sehen. Wie hat sich bei Ihnen das Verhältnis von Beruf und Privatleben verändert?

Ich gönne es mir, ein bis zwei Filme pro Jahr zu machen – aber nur das, wozu ich wirklich Lust habe. Und Uwe Seeler ist nun einmal ein Held meiner Kindheit. Wir wollten alle so sein wie er. Wie stolz war ich, als ich in der D-Jugend die Adidas-Uwe-Fußballschuhe mit den blauen Noppen bekam, 19 Mark 90. Deshalb war es für mich eine Herzenspflicht, diesen Film zu realisieren.


Videointerview mit Reinhold Beckmann

Klicken Sie hier um das Videostatement abzuspielen. 

Gedenken und Jugendarbeit

Am 14. November werden Sie im Deutschen Bundestag auftreten. Es wird auch für Sie kein alltäglicher Auftritt sein, oder?

Das ist natürlich schon besonders, eine große Ehre. Es wird sehr feierlich. Meine Band wird dabei sein, ergänzt durch ein Bläser-Ensemble und einen Chor. Ich freue mich sehr und hoffe, die Erinnerung an meine Mutter und die damit verbundene Rührung hauen mich nicht um.
 

Haben Sie eine Beziehung zum Volkstrauertag?

In meiner Jugend war das ein trauriger, freudloser Tag. Keine Musik, kein Tanz. Aber heute sehe ich die Bedeutung und darf jetzt sogar selbst Musik machen am Volkstrauertag. Da hat sich wohl etwas verändert... 
 

Vor über 20 Jahren haben Sie die Initiative NestWerk e.V. für Kinder und Jugendliche in strukturschwachen Stadtteilen Hamburgs gegründet. Sind wir in Deutschland bei der Friedensarbeit gerade bei Jugendlichen gut aufgestellt? Oder müssen wir uns Gedanken machen, dass die Weltkriege, die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Lehren daraus drohen, in Vergessenheit zu geraten?

Wir machen hier in Hamburg mit NestWerk eine andere Art von Versöhnungsarbeit. Die Kinder in unseren Projekten sind zum Teil zu Fuß in Syrien und Afghanistan losgegangen, haben traumatische Erfahrungen gemacht. Viele haben Probleme mit der deutschen Sprache, auch mit der Integration. Es gibt Rückschläge, aber auch viele positive Erfahrungen. Letztlich geht es auch bei NestWerk oft um das Thema Flucht und Vertreibung.
 

Sie haben gesagt, dass es an uns – den nachfolgenden Generationen – ist, die Geschichte des Krieges und des Leides zu erzählen. Wie können wir das am besten machen?

Indem wir die Geschichten weitererzählen, die unsere Eltern und Großeltern uns mitgegeben haben. Wir müssen darüber reden und die Erinnerung wachhalten. In vielen Familien wurde nicht über den Krieg gesprochen. Umso wichtiger ist es, dass wir nichts tabuisieren und dem Schmerz und den Verlusten auf allen Seiten Respekt zollen.
 

Sie zitieren Gottfried Benn: „Kommt, reden wir zusammen, wer redet, ist nicht tot.“ Ein Leitmotiv für uns alle?

Ja. Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus. Dieses Motto sollte uns leiten.

Herr Beckmann, wir danken für dieses Gespräch.

 

Die ARD überträgt die Zentrale Gedenkveranstaltung im Plenarsaal des Bundestages am 14. November 2021 live ab 13.30 Uhr. Mehr dazu:

Radio-Beitrag zum Volkstrauertag mit einem Statement von Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan.
 

Das Lied „Vier Brüder“ gehört zum Album „Haltbar bis Ende“ und ist auf YouTube zu finden.

Gräbersuche online

Mehr als 4,8 Millionen Datensätze umfasst die Gräbersuche online des Volksbundes inzwischen. Weitere 500.000 sollen noch aufgenommen werden. Wenn Sie Informationen zu einem Angehörigen suchen, der gefallen oder vermisst ist, nutzen Sie diese Möglichkeit. Sollte der Gesuchte noch nicht erfasst sein, so haben Sie die Möglichkeit, ein Suchformular auszufüllen. Wann immer Kriegstote geborgen und identifiziert werden, informiert der Volksbund Angehörige, wenn ihm Kontaktdaten vorliegen.

Der Volksbund ist ein gemeinnütziger, 102 Jahre alter Verein, der seine Arbeit überwiegend aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert. 

Harald John Abteilungsleiter Öffentlichkeitsarbeit

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