Volksbund Logo Desktop Volksbund Logo Mobil

Deutsche Brille absetzen

Lernort Kriegsgräberstätte: Langfassung des FRIEDEN-Interviews mit Dr. Vasco Kretschmann über eine neue Broschüre für Jugendbildung

Der verengte Blick auf einer Kriegsgräberstätte auf die deutsche Geschichte wird der Lebensrealität nicht gerecht. Vor allem dann nicht, wenn dort nicht nur deutsche Kriegstote begraben sind. In der neuen Ausgabe der Mitgliederzeitschrift FRIEDEN (Ausgabe 2 2021) spricht Diane Tempel-Bornett mit Dr. Vasco Kretschmann, dem Leiter des Volksbund-Fachbereichs Schule und Hochschule. Zentrale Frage: Wie kann man heute Jugendlichen die Themen Kriegstod und Gedenkkultur vermitteln? Hier die Langfassung des Interviews:
 

Herr Kretschmann, Sie sind Fachbereichsleiter Friedenspädagogisches Arbeiten an Schulen und Hochschulen. Was muss ich mir darunter vorstellen?

Der Fachbereich koordiniert die schulische Bildungsarbeit des Volksbundes. Über 20 Schul- und Bildungsreferentinnen und -referenten in den Landes- und Bezirksverbänden unterstützen Schulen und andere Bildungsträger mit Unterrichtsbeiträgen und Projektfahrten. Für das Lernen auf Kriegsgräberstätten bieten wir unterschiedliche pädagogische Ansätze: Spurensuche zu Schicksalen, aber auch die Entwicklung und Anfertigung von Geschichts- und Erinnerungstafeln. Kernaufgaben sind Qualifizierungen und Fortbildungen für Lehrkräfte aus dem Bundesgebiet und den Nachbarländern. Dazu veröffentlichen wir Unterrichtsmaterialien, Erkundungsbögen zu Ausstellungen und bieten internationale Jugendwettbewerbe an. Viele Lehrkräfte nehmen das als große Bereicherung an.
 

In der von Ihnen herausgegebenen Broschüre „Lernort Kriegsgräberstätte“ schreibt der Geschichtsdidaktiker Dr. Oliver Plessow, dass der Erfolg des Lernens aus der Geschichte bei „einschlägigen Vermittlungsmethoden“ eher gering sei. Was macht der Volksbund anders als die Schule?
 

Wir verstehen Kriegsgräberstätten als Orte des Erinnerns und Lernorte der Geschichte. Aber sie müssen von jeder Generation neu interpretiert werden, damit die Folgen von Krieg und Gewaltherrschaft nicht vergessen werden. Schilderungen von Schreckensgeschichten sind wenig zielführend. Oliver Plessow zeigt die besonderen Chancen dieses ungewöhnlichen Lernortes, er sieht sie als Ergänzung zur Gedenkstättenpädagogik oder Schularbeit. Im Mittelpunkt steht der Mensch, der den Krieg erlebte – also ein biographischer Ansatz, der die Ereignisse der Kriege durch Lebensgeschichten nachvollziehbar werden lässt. Es wird deutlich, welche Faktoren das Leben der Menschen beeinflusst haben und welche Handlungsspielräume sie hatten.
 

Sie arbeiten viel mit Kriegsbiographien. Wenn Jugendliche erkennen, dass die Kriegstoten so alt waren wie sie selbst, entsteht dann eine nur kurzfristige Betroffenheit oder wirkt das nachhaltig?

Betroffenheit allein ist keine gute Lehrerin. Die Beschäftigung mit dem Schicksal junger Kriegstoter ermöglicht eine besondere Identifikation. Nachhaltig wirkt aber erst die differenzierte Auseinandersetzung mit den Schicksalen der dort Ruhenden.
 

Auf den Kriegsgräberstätten des Volksbundes sind neben Soldaten auch Opfer des Holocausts und namentlich bekannte Kriegsverbrecher bestattet. Wie vermitteln Sie, dass Täter und Opfer nebeneinander liegen?

Gerade in der Kontroverse liegen Lernchancen. Es ist ein Spannungsfeld, das wir problematisieren müssen. Kriegsgräberstätten als Friedhöfe mit dauerndem Ruherecht für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft sind historisch gewachsene Orte. Sie erfüllen unterschiedliche Funktionen: Trauer und Erinnerung, aber eben auch der Aufklärung. Daher sind Geschichts- und Erinnerungstafeln zur Geschichte der Toten oder des Ortes so wichtig.
 

Das Drei-Jahresthema des Volksbundes lautet „Helden – Täter – Opfer“. Der Begriff „Opfer“ wird gern als Schimpfwort genutzt, vorrangig auf Schulhöfen. Wie vermitteln Sie Jugendlichen seine Bedeutung?

Die Jugendsprache erlaubt uns Einstiege in dieses Thema und gleichzeitig eine Problematisierung. Das Schimpfwort „Du Opfer“ oder die Anerkennung für die „Lieferhelden“ kann gut eingesetzt werden, um sich den Begriffen zu nähern. Die Verehrung von Kriegshelden ist aus historischen Gründen heute in Deutschland schwer vorstellbar. In den Nachbarländern ist das anders. Auch der Opferbegriff lässt sich beispielhaft problematisieren.

Wer von Opfern spricht, sollte wissen, dass dieser Begriff in der Wertigkeit schillert. Er benennt einerseits beklagenswerte Umstände und fordert zu Mitleid, Trauer und eventuell auch Rache auf. Er gaukelt aber mit dem historischen Bild der aktiven Aufopferung höchste Erfüllung und Verehrungswürdigkeit vor. Diese Begriffe sind nicht immer eindeutig und können nicht dauerhaft kategorisiert werden.  
 

Bleiben wir auf dem Schulhof. Wie werden gedenkkulturelle Inhalte für Jugendliche aufbereitet, die noch keine Berührungspunkte mit deutscher Geschichte hatten oder sich abweisend verhalten?

Die pädagogischen Konzepte für die Geschichtsvermittlung müssen laufend weiterentwickelt werden. Der Lernort Kriegsgräberstätte erlaubt uns, die deutsche Brille abzusetzen oder die eurozentristische Perspektive zu verlassen – wenn wir uns mit der globalen Dimension der Weltkriege beschäftigen und aufdecken, dass auch auf einer deutschen Kriegsgräberstätte nicht nur „Deutsche“ ruhen. Der verengte Blick auf die deutsche Geschichte wird der Lebensrealität nicht gerecht. Viele Schülerinnen und Schüler in Deutschland kennen Kriege nicht nur von den Erzählungen der Urgroßeltern, sondern haben sie in anderen Teilen Europas und der Welt selbst erlebt oder durch die Erlebnisse ihrer Eltern näher erfahren. Wir müssen das bei der Weiterentwicklung der pädagogischen Formate unbedingt berücksichtigen.
 

Herr Kretschmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Die Fragen stellte Diane Tempel-Bornett (Kontakt). Die gekürzte Fassung des Interviews und weitere Artikel zur Jugendarbeit des Volksbundes finden Sie in der Ausgabe 2 2021 der Mitgliederzeitschrift FRIEDEN. Die Broschüre „Lernort Kriegsgräberstätte“ finden Sie in der Mediathek als PDF zur Ansicht und zum Bestellen. 

🍪 Cookie Einstellungen

Notwendige Cookies

Notwendige Cookies sind für den reibungslosen Betrieb der Website zuständig, indem sie Kernfunktionalitäten ermöglichen, ohne die unsere Website nicht richtig funktioniert. Diese Cookies können nur über Ihre Browser-Einstellungen deaktiviert werden.

Statistik-Cookies

Statistik-Cookies dienen der Anaylse und helfen uns dabei zu verstehen, wie Besucher mit unserer Website interagieren, indem Informationen anonymisiert gesammelt werden. Auf Basis dieser Informationen können wir unsere Website für Sie weiter verbessern und optimieren.

Externe Inlineframes

Inlineframes werden verwendet, um externe Seiten einzubinden sowie deren Darstellung zu gewährleisten.